DIE STIGMATISIERTE THERESE NEUMANN VON KONNERSREUT

ERSTER TEIL

Die Lebensgeschichte der THERESE NEUMANN

FRITZ GERLICH

Vorwort

Die folgenden Darlegungen beschäftigen sich mit dem Leben der Stigmatisierten Therese Neumann von Konnersreuth Sie suchen nach den heutigen Grundsätzen der Quellenprüfung in der Geschichtsforschung festzustellen, wie ihr Leben bis jetzt verlaufen ist und welche Geschehnisse desselben wir als geschichtlich gesichert ansehen dürfen, Aus dieser Aufgabestellung ergibt sich bereits die Umgrenzung ihrer Durchführung. Diese Untersuchung wird das Gesamtgebiet weltanschaulicher Erörterungen, wie sie in Arbeiten anderer. Forscher über den Fall Therese Neumann auftreten, beiseite lassen. Sie begnügt sich mit der Feststellung des Geschehenen. Hier aber versucht sie, Forschungsaufgaben aufzugreifen, die von der heutigen geschichtswissenschaftlichen Methode in ihrer Anwendung auf diesen Fall verlangt werden können. Die Arbeit ist also, um ein Fremdwort zu gebrauchen, eine kritische. Diese Zielsetzung ergab sich zwanglos aus dem Anlaß, aus dem ihr Verfasser sich mit dem Fall Therese Neumann zu beschäftigen begann

Im Sommer 1927 hatte die öffentliche Erörterung über die Vorgänge in Konnersreuth sich außerordentlich zugespitzt. Es bildeten sich geradezu Parteien, die mit Forderungen über die Behandlung des Falles an die öffentlichen Gewalten, insbesondere die bayerische Staatsregierung, auftraten. Im Namen der Vernunft und der Wissenschaft wurde verlangt, daß die Regierung sich zu Maßnahmen gegen die Stigmatisierte entschlösse. Von den extremen Richtungen, insbesondere von kommunistischen Kreisen, wurde sogar mit Gewalt gedroht, wenn die Staatsregierung nicht den Wünschen dieser Gruppen entsprechen sollte. Die Forderungen, die gestellt wurden, waren verschieden. Am gemäßigsten war jene Richtung, die unter dem Vorbringen eines wissenschaftlichen Interesses die Einschaffung der Stigmatisierten in eine "neutrale Klinik" verlangte, damit sie dort so, wie es dieser Richtung nötig schien, beobachtet und untersucht werden könnte. Extremere Richtungen verlangten, sie von der Öffentlichkeit abzuschließen, weil die Besuche in Konnersreuth zur "Volksverdummung" führten.

Es hat keinen Zweck mehr, diese Forderungen einzeln durchzusprechen, da die Erfahrung lehrt, wie rasch ein solches Aufwallen der Parteileidenschaft wieder vergessen wird. Es genügt der Hinweis, daß eigentlich alle diese Fordernden sich sehr wenig um die verfassungsmäßigen Rechte einer Staatsbürgerin kümmerten, die niemandem etwas zu leid getan hatte und niemanden aufforderte, sie zu besuchen und anzuschauen. Es schien eine Zeitlang, als ob die Behauptung wissenschaftlichen oder sonstigen Interesses genüge, einem unbescholtenen Menschen die verfassungsmäßig gewährleisteten Staatsbürgerrechte, insbesondere seine persönliche Freiheit, zu nehmen, und ihn zum wehrlosen Gegenstand mehr oder weniger berechtigt tuender Untersuchungen und Versuche zu machen.

Als die Dinge so weit gediehen waren, berührten sie meine beruflichen Pflichten. Ich war damals, und zwar seit mehr als sechs Jahren, Hauptschriftleiter der-"Münchner Neuesten Nachrichten" und hatte mich, wie überhaupt mein Leben lang, so vor allem in dieser Zeit für die Gewährleistung verfassungsmäßigen Lebens im Staate eingesetzt. Zwar begriff ich nicht, wie man überhaupt in einem Rechtsstaate auf den Gedanken kommen könne, unbescholtene Staatsbürger, die niemandem etwas getan haben, plötzlich deshalb, weil sie stigmatisiert sind, Schauungen haben und nach ihrer Antwort auf ausdrückliche Fragen keiner Nahrung bedürfen, in Anstalten irgendwelcher Art einzusperren und sie zu zwingen, ihren Körper zum Gegenstand der Untersuchung durch irgendwelche Dritte herzugeben, Ich begriff ebenso wenig, wie man einen solchen Staatsbürger glaubte zwingen zu dürfen, sich hinter Mauern zu begeben, um auf diese Weise Menschen, die man nicht gebeten hatte, am Besuch zu verhindern. Kurz : mich begann die Frage zu beschäftigen, ob und inwieweit eine bestimmte Form religiösen Lebens, die keineswegs die öffentliche Ordnung stört denn die Ordnung störten diejenigen, die nach Gewalt riefen, nicht aber die Stigmatisierte , und wie ferner ein Verhalten, dis in keiner Weise irgendeine Strafrechtsbestimmung vierletzte, berechtigen sollte, diesen Menschen seiner verfassungsmäßig gewährleisteten Freiheit und seines Verfügungsrechtes über seinen Körper zu berauben.

Die Angelegenheit entwickelte sich also für mich dahin, daß ich mir sagen mußte, ich käme vielleicht von heute auf morgen in die Lage, mit der Zeitung, die ich zu leiten hatte, einen Kampf für die Unverletzlichkeit der Verfassung und des natürlichen Rechtes eines jeden unbescholtenen Menschen aufnehmen zu müssen.

Es war also meine Berufspflicht, die mich veranlaßte, mich mit dem Fall Therese Neumann zu beschäftigen. Ich- begann mit Aufmerksamkeit die Veröffentlichungen über ihn zu verfolgen. Sie genügten aber nicht, mir eine Gewißheit über die Art des Falles zu verschaffen. So entschloß ich mich denn, die Verhältnisse in Konnersreuth und seine Stigmatisierte aus eigenem Augenschein kennen zu lernen. Ich habe in einem eigenen Abschnitt dieser Arbeit meine ersten Erlebnisse bei dreimaligem Besuche, nämlich vom 15.-18. September, 22.-25. September und 14.-18. Oktober 1927 in der gleichen Form wieder vorgelegt, wie ich sie am 6. November 1927 in der "Einkehr", Beilage der "Münchner Neuesten Nachrichten", Nr. 81 veröffentlichte. (Siehe S. 145 ff.)

Das Ergebnis dieser Besuche war ein doppeltes. Ich sah, daß der Fall Therese Neumann wert war, sich sehr gründlich mit ihm zu beschäftigen, und ich erkannte aus dem Vergleich der bisherigen Veröffentlichungen über Therese Neumanns Schicksale mit dem, was ich von ihr selbst, ihren Angehörigen und anderen vertrauenswürdigen Persönlichkeiten erfuhr, daß die bisherige Kenntnis nicht zureicht, über große Teile ihres Lebens, insbesondere ihrer Leidenszeit, ein sicheres Urteil zu gewinnen. Es kam aber noch ein rein persönlicher Umstand hinzu. Meiner akademischen Vorbildung nach bin ich Historiker. In der Zeit meines Universitätsstudiums hatte ich an Seminarübungen über den Quellenwert frühmittelalterlicher Heiligenlegenden teilgenommen. In jene Zeit war auch die neue wissenschaftliche Erörterung über Franz von Assisi gefallen. Bei diesen Seminarübungen hatte es mich immer nachdenklich gemacht, daß wir die Quellenaussagen zum Teil rein weltanschaulich werten. Was wir nach der naturwissenschaftlichen Ansicht unserer Zeit für unmöglich halten, sehen wir als einen Irrtum oder eine Fabelei der Quelle an. Nun sah ich in Konnersreuth ein Geschehen vor mir, das mich in der sinnfälligsten Weise an jene Zeit und jene Quellen zurückerinnerte. Da trotz aller politischen Tätigkeit und Tagesschriftstellerei die Neigung zum Forschen in mir nicht erloschen ist, empfand ich es als einen außerordentlichen Glücksfall für einen Historiker, an der lebendigen Gegebenheit Therese Neumann mittelalterliche Quellen nachprüfen zu können. Das große Problem aller Geschichtswissenschaft, nämlich die Frage nach der Art und der Gewißheit unserer Kenntnisgewinnung von vergangenem Geschehen, ließ sich hier an einem Fall miterlebend studieren. In einem Aufsatz : "Konnersreuth als historisches Problem" in "Die Einkehr", Beilage der "Münchner Neuesten Nachrichten", Nr. 88 vom 30. November 1927 habe ich schon auf diese Seite des Falles Therese Neumann hingewiesen. So begann ich zu Weihnachten 1927, wo ich die Zeit vom 24. Dezember 1927 bis zum 6. Januar 1928 in Konnersreuth verbrachte, mit planmäßigen Aufzeichnungen und Untersuchungen über die Lebensschicksale von Therese Neumann.

Ich bin seitdem noch oft in Konnersreuth gewesen, so daß eine Zusammenrechnung der Tage die Zeitspanne von rund 5 Monaten ergibt. Darunter war ich einmal über sechs Wochen ununterbrochen dort. Ich habe von Anfang an bei allen Beteiligten das größte Entgegenkommen gefunden, obwohl meine kritische Einstellung und meine Absicht, soweit als möglich das dortige Geschehen aufzudecken, ebenso bekannt war, wie meine Nichtzugehörigkeit zum Katholizismus. Dieses Entgegenkommen hat mir einen um so größeren Eindruck gemacht, als nach der peinlich genauen Art, in der ich zu untersuchen gewohnt bin, meine Arbeit für alle Beteiligten mit viel Belästigung und Zeitaufwand verbunden war. Herr Pfarrer Naber machte es sich zu einer ganz besonderen Pflicht, mir Aufenthalt und Arbeit in Konnersreuth so weit als möglich zu erleichtern. Er nahm mich beständig als Gast in seinem Hause auf. Ich hatte so schon gleich zu Beginn meiner Untersuchungen die Gelegenheit, Therese Neumann, die damals wegen der Bauvornahmen an ihrem Elternhause im Pfarrhof wohnte, sehr eingehend zu beobachten.

Aus diesen Studien in Konnersreuth ist eine herzliche Freundschaft mit dem Konnersreuther Kreis erwachsen. Das Vertrauen, das man mir schenkte, gab mir die Möglichkeit zu Einblicken, die mir sonst verschlossen geblieben wären. Diese Freundschaft ist aber für mich nicht die Ursache der Ergebnisse meiner Untersuchung gewesen, sondern die wachsenden Ergebnisse der Untersuchung boten mir Grund und Ursache zur Freundschaft. Ich lernte einen Menschenkreis von ungewöhnlicher Wahrheitsliebe und einer Ehrlichkeit und Hingabe im religiösen Leben kennen, der mir steigende Anteilnahme abnötigte. Selbstverständlich wäre die Entstehung dieses Freundschaftsverhältnisses nicht möglich gewesen, wenn ich auf bewußte oder unbewußte Täuschungen gestoßen wäre. Wenn man lange Jahre im öffentlichen Leben verbracht und auch die vielen Enttäuschungen an Menschen durchgemacht hat, die damit verbunden sind, wird man mißtrauisch. Es war also so, daß in Konnersreuth nicht nur von mir erst das Vertrauen der anderen, sondern von den anderen auch Idas meine zu erringen war. Daß ich heute dieses Vertrauen besitze, brauche ich nicht zu verhehlen. Die folgende Arbeit gibt die Rechtfertigung meiner allmählich gewordenen Einstellung.

In Konnersreuth erfährt man vielerlei von Therese Neumann, wenn sie im gewöhnlichen Bewußtseinszustand ist. Man erhält aber auch manchen Auf chluß, wenn sie im Zustand der erhobenen Ruhe gewöhnlich Ekstase genannt spricht. So ist es auch mir ergangen. Auch über die Schicksale der Therese Neumann habe ich manches durch sie im Zustand der erhobenen Ruhe erfahren. Die Auskünfte, die ich erhielt, waren für mich stets der Gegenstand ganz besonders scharfer Nachprüfung. Denn hier mußte sich am ehesten und deutlichsten zeigen, was von den, Begebnissen in dieser Bewußtseinsform der Therese Neumann zu halten ist. Manche dieser Angaben widersprachen auf das weitestgehende jenen Auffassungen, die ich mir im Laufe meiner Untersuchungen von einzelnen Geschehnissen, im besonderen auch von solchen ihrer Krankheit, gemacht hatte. Es hat mich manchmal Wochen und Monate gekostet, diesen meiner anfänglichen Ansicht nach unrichtigen Erklärungen auf den Grund zu gehen. Denn ich hatte mich, bevor ich diese Arbeit aufnahm, niemals eingehender mit den hier in Frage kommenden Krankheitsvorgängen beschäftigt. Und ich habe dann jedesmal erlebt manchmal, wie gesagt, erst nach Monaten des Suchens , daß nach der wissenschaftlichen Spezialforschung der Irrtum bei mir und nicht in der Erklärung aus dem erhobenen Ruhezustand der Therese Neumann • lag. Ich habe ferner in mehr als einem Falle am eigenen Leben erprobt, daß die Voraussagen, die mir durch Therese Neumann in diesem Zustand wurden, sich gegen alles Erwarten verwirklichten. Manchmal geschah dies überraschend schnell, manchmal erst nach längerer Zeit. Unter ihnen befanden sich auch solche, denen gegenüber ich ihr in dem betreffenden Gespräch erklärt hatte, daß ich ihre Verwirklichung für ganz unmöglich halte. Ich wäre in meinem Leben der letzten eineinhalb Jahre vor manchem schweren Schaden bewahrt geblieben, wenn ich diese Erklärungen immer gleich als richtig angenommen und darnach gehandelt hätte. Ich habe es aber in vielen Fällen nicht getan und dann erleben müssen, daß die Vorhersagen im erhobenen Ruhezustand der Therese Neumann voll eintrafen.

Die große Zahl solcher Erfahrungen und das Ergebnis kritischen Forschens geben mir den Mut, diese Arbeit zu veröffentlichen. Ich habe ihr ein Geleitwort mitgegeben Amicus Plato, magis amica veritas Lieb ist mir die platonische Philosophie, lieber ist mir die Wahrheit. Das Wort trifft die geistige Lage des Verfassers. Ich kam nach Konnersreuth als Mann von fast fünfundvierzig Jahren, der seit seinem zwanzigsten Lebensjahre sich am öffentlichen Leben seines Vaterlandes tätig beteiligt und schließlich auch manche Gedanken über die Natur, die uns umgibt und von der wir ein Teil sind, ferner über Sinn und Zweck des Lebens gemacht hatte, so daß ich sagen konnte, ich hatte mir eine Weltanschauung errungen. In dieser Weltanschauung hat manches, was ich bei Therese Neumann erlebte oder erforschte, keinen Platz. Das war für mich ein Grund mehr, recht lange und so vorsichtig und mißtrauisch als möglich diese Geschehnisse zu prüfen.

Ich lege im folgenden das Ergebnis dieser Prüfung vor. Wie meine Weltanschauung sich damit abzufinden vermag, steht hier nicht zur Erörterung. Hier handelt es sich um die Tatsachen des Lebens der Therese Neumann. Wissenschaftliches Forschen sogenannte objektive oder neutrale Wissenschaft hat meines Erachtens sich nur von einem einzigen Gedanken leiten zu lassen, und der heißt für jede Weltanschauung: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden."

Der Umfang, zu dem der Stoff im Verlaufe der Forschung allmählich anwuchs, zwang zu einer Teilung in zwei Bände. Der erste Band enthält die Lebensgeschichte der Therese Neumann. Im zweiten Bande: Die Glaubwürdigkeit der Therese Neumann, lege ich einen Bericht über jene Untersuchungen vor, auf Grund deren ich die in der Lebensgeschichte mitgeteilten Vorgänge für gesicherte Tatsachen halte. In ihm findet der Leser außerdem die Begründung meiner Auffassung, daß die Erscheinungen seit der Heilung der Blindheit der Therese Neumann nicht natürlich erklärbar sind.

München, den 6. August 1929

Dr. phil. Fritz Gerlich

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort *

Die Lebensgeschichte der Therese Neumann *

Der Markt Konnersreuth *

Die Jugend *

Der Unfall beim Brand am 10. März 1918 *

Nach dem Brandunfall *

Der Unfall auf der Kellerstiege anfangs April 1918 *

Im Waldsassener Krankenhaus vom 23. April bis 10. Juni 1918 *

Der Sturz von der Leiter- im elterlichen Stadel um den 1. August 1918 *

Arbeitsversuche und Unfälle vom August bis zum Oktober 1918 *

Der Sturz am Kirchweihsamstag, dem 19. Oktober 1918 *

Der Eintritt der völligen Bettlägerigkeit und der Winter 1918/19 *

Die Erblindung am 17. März 1919 *

Von der Erblindung bis zu deren Heilung am 29. April 1923 *

Die Heilung von der Blindheit am 29. April 1923 *

Von der Heilung der Blindheit bis zu der Lähmung am 17. Mai 1925 *

Die Heilung der Rückgratsverrenkung am 17. Mai 1925 *

Von der Heilung der Rückgratsverrenkung bis zur Blinddarmentzündung am 7. November 1925 *

Die Heilung der Blinddarmentzündung am 13. November 1925 *

Von der Heilung der Blinddarmentzündung bis zur ersten Stigmatisation zu Ostern 1926 *

Der Bericht des Pfarrers Naber vom 15. und 17. April 1926 *

Von Ostern 1926 bis zu dem Auftreten von Kopfwunden am 19. November 1926 *

Weihnachten 1926 *

Das Jahr 1927 *

Schauungen *

Die fünfzehntägige Bewachung der Therese Neumann im Juli 1927 *

Über die Nahrungsaufnahme *

Über die Ausscheidungen *

Gewichtsverhältnisse *

Die öffentliche Erörterung des Falles Therese Neumann *

Meine ersten Erlebnisse in Konnersreuth *

Die Bewußtseinsformen der Therese Neumann . *

Weihnachtsschauungen *

22. Dezember 1927 Die Schauung der Abreise von Nazareth *

23. Dezember 1927 Auf der Reise nach Bethlehem *

24. Dezember 1927 Die Ankunft in Bethlehem *

Die Geburt Christi *

Mettenamtes *

25. Dezember 1927. *

26. Dezember 1927 Die Schauung der Verurteilung und Steinigung des Stephanus *

Am 27. Dezember 1927 *

Tod des Apostels Johannes. *

Am 28. Dezember 1927 *

Ermordung der bethlehemitischen Kinder. *

Tod des hl. Franz von Sales. *

Das Jahr 1928 *

Schauungen *

Am 6. Januar 1928 hatte Therese Neumann die Schauung der Heiligen Drei Könige. *

Das Stigmenbluten am Karfreitag 1928 *

Besuche und Hausgartenanlage *

Das Jahr 1929 *

Schauungen *

Neue Erscheinungen *

Die Sühneleiden *

über Voraussagen der Therese Neumann *

Ich lege nun den Bericht über einige Erlebnisse vor *

Zu Therese Neumanns Wesen *

 

Die Lebensgeschichte der Therese Neumann

Der Markt Konnersreuth

Konnersreuth ist ein kleiner Marktflecken von 952 Einwohnern. Die Siedlung gruppiert sich um den Marktplatz, auf dessen einer Seite die Kirche steht. Am Marktplatz steht auch das Geburts- und Wohnhaus der Therese Neumann. Die Straße von Mitterteich nach Arzberg ist eigentlich die einzige Straße des Ortes. Der Ort liegt am Südabhang des Fichtelgebirges, und zwar am Abhang einer Anhöhe. In nächster Umgebung befindet sich kein Wald, sondern nur Felder und Wiesen. Die Ortseinwohner sind in ihrer Mehrzahl arm. Bauernwirtschaften mit sechzig und siebzig Tagwerk Grund gehören zu den größten. Selten haben sie Pferde. Das Hauptnahrungsmittel der Einwohner ist die Kartoffel. Ein Teil der Einwohner, der zumeist in eigenen Häusern lebt, besitzt einige Tagwerk Feld, die gewöhnlich die Frau bearbeitet, während der Mann zum Verdienen in eine der Fabriken der umliegenden Märkte und Städte es sind das Porzellan- und Glasfabriken oder in einen der Steinbrüche geht. Eine Bahn führt nicht nach Konnersreuth. Die nächste Bahnstation ist 6,2 km entfernt. Es ist das Waldsassen. Die beiden anderen, Mitterteich und Arzberg, liegen etwa einen Kilometer weiter. Heute geht ein Postautoverkehr von Arzberg über Konnersreuth nach Waldsassen und zurück. Entsprechend den beschränkten wirtschaftlichen Verhältnissen der Bewohner macht der Ort einen ärmlichen Eindruck. Die Kirche ist in bäuerlichem Barock gehalten und weist keine Besonderheiten auf. Der Markt unterscheidet sich in seinem Äußeren wenig von anderen ähnlich großen Fichtelgebirgsorten. Die ganze Gegend hat rauhes Klima; dem Boden müssen seine Erzeugnisse in harter Arbeit abgerungen werden. Deshalb sehen auch bereits die jüngeren Einwohner zumeist etwas zerarbeitet aus.

Bis zur Reformation gehörte Konnersreuth auch politisch zum Kloster Waldsassen, das ein Zisterzienser-Reichsstift war. Den wiederholten Religionswechsel von Teilen der nördlichen Oberpfalz hat auch Konnersreuth mitgemacht, da es unter den Pfalzgrafen bei Rhein stand, die die Schutzherren des Waldsassener Stiftslandes waren. 1556 wurde in Konnersreuth die Reformation eingeführt. Als Herzog Maximilian 1. von Bayern, der spätere erste Kurfürst dieses Landes, die Oberpfalz als Ersatz für seine Kriegskosten im Kampf gegen Friedrich V. von der Pfalz, der durch die böhmischen Stände zum König gewählt worden war, erhielt, wurde Konnersreuth wieder katholisch und ist es bis heute. Die Einwohner wählen in der großen Mehrheit die bayerische Volkspartei. Das rund 7 km entfernte Arzberg aber blieb protestantisch. Die wirtschaftlichen Beziehungen des Ortes weisen zum Teil nach dem nahen Böhmen, insbesondere nach Eger, wenn sie auch nicht sehr lebendig sind, denn der Markt führt heute noch ein Leben der Zurückgezogenheit.

Die Jugend

Das Geburtshaus der Therese Neumann am Marktplatz zu Konnersreuth trägt heute die Hausnummer 12. Für die Ortseingesessenen ist es das Schneiderixenhaus. Deshalb heißen seine Bewohner, die nach alter bayerischer Sitte nicht mit ihren Familien-, sondern mit den Hausnamen bezeichnet werden, die "Schneiderixen" unter Zusatz des jeweiligen Vornamens. Therese Neumann war also viele Jahre ihres Lebens einfach die Schneiderixenresl. Der Hausname entstand folgendermaßen: das Anwesen, das bis zum Sommer 1927 aus einem einstöckigen, spitzgieblig gedeckten Haus mit Stall und angebautem Schuppen bestand, früher aber erheblich größer war, hielt einst Das "Schiöchenhaus", offenbar eine dialektische Verderbung aus Schergen. Denn es war das Polizeigebäude. Der bayerische Staat verkaufte es später an einen Schneider namens Felix Neumann, den Großvater des jetzigen Besitzers Ferdinand Neumann, des Vaters der Therese Neumann. So wurde ein Schneider mit Vornamen Felix der Besitzer. Aus Schneider-Felix entstand durch Abkürzung im Volksmund Schneiderix, mithin der Hausname Schneiderixenhaus. Im Jahre 1868 brannte das Gebäude ab. Der Besitzer mußte für den Neubau Geld aufnehmen und konnte das Anwesen nur in dem kleinen, bis zum Jahre 1927 bestandenen Umfang wieder aufrichten. In diesem Jahre ließ der jetzige Besitzer im Dachgeschoß einen von vorn nach hinten gerichteten Giebel errichten.

Aus der Geschichte der Familie ist nichts Besonderes zu berichten. Die Familienvorstände übten im Erbgang vom Vater auf den Sohn das Schneidergewerbe aus und betrieben nebenher eine kleine Landwirtschaft. Früher gehörten dazu zehn Tagwerk Grund. Der jetzige Besitzer hat drei dazuerworben. Der Viehstand zählte regelmäßig vier Kühe, die auch als Zugtiere dienen. Da Professor Ewald erklärte, daß ihm brieflich von einer die Familie angeblich gut kennenden Seite mitgeteilt wurde, daß mancherlei psychopathische Abwegigkeiten in der weiteren und näheren Verwandtschaft vorgekommen seien (Münchener Medizinische Wochenschrift, 1927, Heft 46, S. 1981), habe ich auch in dieser Hinsicht Erkundigungen eingezogen. Im Gerede der Leute scheint einmal eine Schwester des Vaters der Therese Neumann namens Katharina, die "Schneiderxenkathl", gestanden zu haben. Sie war an einem Arm "etwas bresthaft" und ist ein "sehr braves, frommes und fleißiges "Leut" gewesen. Von Beruf war sie Näherin. Einmal, als sie abends bei Licht nähte, fiel dieses um und verursachte einen kleinen Zimmerbrand. Auch verbrannte sie sich selbst dabei nicht unerheblich. Das gab Anlaß zu dem Gerücht, sie habe das Haus in Brand stecken wollen, sie "spinne" also wie der Volksmund Menschen kennzeichnet, die irgendwie absonderlich erscheinen. Außer ihrem frommen Leben und dem besagten Unfall mit dem Licht ließ sich aber nichts Positives ermitteln. Die sehr allgemein gehaltenen Angaben Ewalds geben leider der Nachforschung keine Anhaltspunkte. Übrigens erklärt Professor Ewald selbst, er könne sich nicht für seine Angaben verbürgen.

Der Vater der Therese Neumann, der Schneider Ferdinand Neumann, ist am 16. Juni 1873 zu Konnersreuth geboren. Ihre Mutter Anna, geb. Grillmeier, erblickte als Tochter eines Bauern am 23. Oktober 1874 zu Neudorf, Pfarrei Konnersreuth, das Licht der Welt. Der Vater ist groß, schlank und zeigt den alpinen Typus, d. h. der Schädel ist schmal, das Gesicht scharf geschnitten und die Haare sind ursprünglich schwarz gewesen. Heute sind sie grau. Die Mutter ist erheblich kleiner, von untersetztem Typus und mehr breitem, nicht scharf geschnittenem Gesicht. Ihre Haare sind braun. Sie ist heute ausgesprochen korpulent. Beide Eltern sind kräftig und waren in ihrem Leben wenig krank.

Die Ehe von Ferdinand und Anna Neumann war mit elf Kindern gesegnet

1. Therese Neumann, geb. 9. (?) April 1898;

2. Maria Anna Neumann, 19. Juni 1899;

3. Anna Neumann, verh. Härtl, 6. Juli 1900;

4. Engelbert Neumann, 30. Okt. 1901 (gestorben);

5. Ottilie Neumann, 14. Dez. 1902;

6. Engelbert Neumann, 11. Juni 1904;

7. Kreszenz Neumann, 31. März 1906;

8. Augustin Neumann, 13. Aug. 1907;

9. Agnes Neumann, 2. Juni 1909;

10. Ferdinand Neumann, 24. April 1911;,

11. Johann Neumann, 28. Juli 1912.

Sämtliche Kinder sind in Konnersreuth geboren und getauft. Das vierte ist jung gestorben, alle anderen leben noch. Verheiratet ist nur die Tochter Anna, und zwar an einen Konnersreuther Einwohner, namens Joseph Härtl, der dort ein kleines Haus mit vier Tagwerk Grund besitzt. Die Landwirtschaft wird von der Frau ausgeübt. Der Mann ging früher zur Arbeit in eine Fabrik der Umgebung. Zur Zeit betreibt er mit eigenem Lastauto ein Transportgeschäft. Dieser Ehe entsprossen bisher vier Kinder, ein Knabe Joseph, ein Mädchen Therese und Zwillinge, die bald starben.

Therese Neumann ist das erste Kind ihrer Eltern. Die genaue Zeit ihrer Geburt wird in dem standesamtlichen und in dem Geburtsregister des katholischen Pfarramtes Konnersreuth verschieden angegeben. Der Eintrag beim Standesamt lautet: "Nr. 12. Konnersreuth, 13. April 1898. Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach bekannt, der. Schneider Ferdinand Neumann, wohnhaft zu Konnersreuth, Haus-Nr. 12, kath. Religion, und zeigte an, daß von der Anna Neumann, geb. Grillmeier, seiner Ehefrau, kath. Religion, wohnhaft bei ihm, zu Konnersreuth in seiner Wohnung am 9. April 1898, vormittags um ein Uhr ein Kind weiblichen Geschlechtes geboren worden sei, welches den Vornamen Theresia erhalten habe. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben: (gez.) Ferdinand Neumann. Der Standesbeamte: (gez.) Kutzer". Der Eintrag in das Geburtsregister der Pfarrei Konnersreuth lautet für das Jahr 1898 "Nr. 7. Neumann Theres; Hebamme: Mühlfenzl; Vater: Ferdinand Neumann; Stand des Vaters: Schneider; Aufenthaltsort usw.: Konnersreuth; Name der Mutter: Anna, geb. Grillmeier; Stand der Mutter: Bauerstochter aus Neudorf; Zeit der Geburt: 9. April früh 121/4 Uhr; Tauftag: 10. April; Pfarrer: Ebel ; Taufzeugen: Forster Theres von Waldsassen". Die Geburtszeiten im Standesamts- und im Pfarregister entsprechen sich also nicht. Die Mutter der Therese Neumann bezeichnet beide Zeitangaben als falsch. Sie erklärt, Therese sei schon am 8. April 1898, einem Karfreitag, kurz vor zwölf Uhr nachts geboren. Im erhobenen Ruhezustand der Therese Neumann wurde die Zeitangabe ihrer Mutter bestätigt. Thereses Tauftag, der 10. April 1898, ist der Ostertag dieses Jahres. Ihre Patin ist die an den Haus- und Krämereibesitzer Engelbert Forster in Waldsassen verheiratete Schwester ihres Vaters, namens Therese. Ihre Namenspatronin ist die hl. Theresia a Jesu, die sogenannte große, spanische Therese; ihr Namenstag ist der 15. Oktober.

Von Kinderkrankheiten der Therese Neumann wird wenig berichtet. In den ersten beiden Lebensjahren hat sie Würmer gehabt und deshalb Wurmsamen als Medizin erhalten. Sie war während der Dauer dieses Leidens etwas unruhigen Wesens. Nach Abtreibung der Würmer legte sich dieses. Andere Kinderkrankheiten, wie Masern, Scharlach und Diphtherie, hat sie nicht gehabt. Sie ist bis zum 10. März 1918 nie ernstlich krank gewesen. Nur im Jahre 1914 erlitt sie einmal bei Erdarbeiten einen Unfall. Sie drehte sich die eine Hüfte aus. Im Waldsassener Krankenhaus wurde die Verrenkung völlig behoben.

Als Therese Neumann das dritte Lebensjahr erreicht hatte, kam sie für einige Zeit zu ihrer Patin nach Waldsassen, die in kinderloser Ehe lebt. Pfarrer L. Witt berichtet in seinem Buche: Konnersreuth im Lichte der Religion und Wissenschaft, I. Teil, 1. und 2. Auflage, Waldsassen 1927, ausführlich, was ihm über diese Zeit erzählt wurde. Darnach war Therese ein wohlerzogenes, lebhaftes und anstelliges Kind. Eine Photographie von ihr aus der Zeit, als sie etwa 3 Jahre alt war, ist erhalten. Witt erzählt, welche Freude es ihr bereitete, als das Christkind ihr im Forsterschen Hause die erste "Dockn" (Puppe) brachte. Therese Neumann erinnert sich dessen noch sehr gut; die Freude war zunächst groß, denn es war die erste Puppe, die sie sah. Sie gestand mir aber, daß das Vergnügen daran nur zwei Tage anhielt. Als der Reiz der Neuheit vorüber war, entdeckte sie im Bauch der Puppe Sägespäne und zerschlug sie darauf an einem Tischfuß, da es ihr "zu fad" war, mit ihr zu spielen, "weil sie kein Leben hatte". Auch mit den Puppen der Schwestern hat sie nie spielen mögen. Sehr zum Schmerze der Forsterschen Eheleute, die Therese gern dauernd bei sich behalten hätten, holten die Eltern ihre älteste Tochter bald wieder nach Hause zurück, da sie sich nicht von ihr zu trennen vermochten.

Die Verhältnisse, in denen Therese daheim aufwuchs, waren äußerst beschränkt. Der Vater hatte das Anwesen stark belastet übernehmen müssen. Die Schulden vom Neubau nach dem Brand vom Jahre 1868 standen noch größtenteils darauf. Es gehörte rastloser Fleiß und größte Sparsamkeit des jungen Ehepaares dazu, seinen Schuldverpflichtungen nachzukommen und die sich, rasch mehrende Familie zu ernähren. Wie ärmlich die Verhältnisse waren, läßt sich aus folgendem Erlebnis der Therese Neumann ermessen. Als sie in den Dienst eingetreten war, sah sie, wie ihre Dienstherrin die Brotsuppe mit Butterschmalz abschmälzte. Sie meinte, die Frau habe irrtümlich das Schmalz an die Suppe getan, und erzählte beim nächsten Besuch im Elternhause ihrer Mutter diese Wahrnehmung. Die Mutter aber belehrte sie, daß die Brotsuppe eigentlich so angerichtet werden müsse. Sie selbst hätte es nur nicht tun können, da sie zu arm dazu gewesen seien. Therese solle aber darüber vor den Leuten schweigen, da ihre Eltern sich sonst schämen müßten.

Wenn der Vater eine Schneiderarbeit fertiggestellt hatte, und die Kinder sie den Kunden brachten, so erhielten sie hin und wieder ein paar Pfennige für die Besorgung. Diese wurden aber nicht vernascht, sondern gewissenhaft und freudig in ein Fach der väterlichen Nähmaschine getan. War dann einmal gar kein Geld im Hause, was öfters vorkam, so versammelte sich die Familie um diese Sparkasse, das Fach wurde feierlich geöffnet, sein Inhalt von 30 oder 40 Pfennigen erhoben und im Haushalt verwandt. Die Kleinen waren sehr stolz darauf, auf diese Weise zum Unterhalt der Familie beitragen zu können. Eines Kirchweihfestes vermag sich Therese noch gut zu erinnern Dompfarrer Geiger-Bamberg hat das Erlebnis erstmals berichtet wo wieder einmal gar kein Geld im Hause war. Geiger schreibt : "Es war einmal Kirchweih, Kirchweih im weltentlegenen Markt, das Fest der Feste auf der heimatlichen Scholle. Die Neumannskinder, das ganze Jahr von Kartoffeln und Brot lebend, durften auf einen Kirchweihschmaus hoffen. Der Vater stellte einen Rock fertig für einen begüterten Bauern. Vom Erlös kann man Mehl und Schmalz kaufen; dann backt die Mutter Kirchweihkrapfen! Das Stück wird abgeliefert, doch siehe da, der reiche Bauer frägt nicht einmal nach der Schuldigkeit, und, um die Kundschaft nicht zu verlieren, zieht Neumann stillschweigend, aber bekümmerten Herzens ab. Was tun, um den hoffenden, hungernden Kindern den Kirchweihbraten zu ersetzen? Die Mutter kocht einen Topf Mehlspatzen und gibt zum Fest geschmalzte Zwiebel auf die Kartoffeln; eine brave, alte Frau der Nachbarschaft schenkt einen Laib Brot, niemand sonst erfährt von der Armut der zwölfköpfigen Familie, und es wird fröhlich Kirchweih gefeiert". (Th. Geiger, Die Stigmatisierte von Konnersreuth. München, S. 46). Trotz der mehr als mageren Kost aber entwickelte sich Therese Neumann, die eine starke Esserin war, ebenso wie die anderen Kinder gesund und recht kräftig.

Therese Neumanns Eltern sind von jeher fromme Katholiken gewesen, die ihren kirchlichen Pflichten gewissenhaft und mit innerer Freudigkeit nachkommen. Politisch bekannte sich der Vater früher zum bayerischen Zentrum, jetzt zur bayerischen Volkspartei. Doch ist er politisch nie aktiv tätig gewesen. Zwar wird berichtet, er habe in der christlichen Bauernvereins- und landwirtschaftlichen Genossenschaftsbewegung, die Dr. Georg Heim ins Leben rief, zu dessen ältesten Mitarbeitern gehört. Dr. Heim war bekanntlich Reallehrer im nahen Wunsiedel; seine Tätigkeit als landwirtschaftlicher Organisator ging mit von Konnersreuth aus, wo er so ziemlich am ersten Anklang fand. So sind in der Tat Konnersreuther Bürger, wie der damalige Besitzer des Gasthofs Schiml, der jetzige Ökonomierat und frühere langjährige Landtagsabgeordnete Schiml, und andere auch ein Neumann - in den Reihen seiner ältesten Anhänger zu finden. Dr. Heim hat mir einmal selbst von gemeinsamer Tätigkeit mit dem Vater der Therese Neumann erzählt. Die Nachprüfung aber ergab, daß hier eine Verwechslung offenbar mit dem Wirt Max Neumann vorliegt, der später der Arbeitgeber der Therese Neumann wurde und am 4. März 1922 im Alter von 82 Jahren starb. Auf ihn treffen die Heimschen Angaben zu.

Die Erziehung, die die Eltern ihren Kindern zuteil werden ließen, war eine streng-christliche. Die Kinder wurden sehr früh daran gewöhnt, den Eltern aufs Wort zu gehorchen. Sie wurden aber auch gerecht behandelt, keines wurde dem anderen vorgezogen. Die Eltern suchten die Kinder möglichst unter ihren Augen aufwachsen zu lassen. Dem Herumspielen mit Altersgenossen in fremden Häusern wehrten sie; ebenso dem Herumlaufen auf der Straße. Therese Neumann berichtete, sie seien in großem Respekt vor den Eltern aufgewachsen. Meist habe es genügt, daß der Vater sie streng ansah, um sofort Folgsamkeit zu erzielen, wenn sie einmal unartig oder ungehorsam waren. Doch habe es das nicht oft gebraucht. Zur rechten Zeit hätten sie Schläge erhalten. Für kindliche Spiele blieb nicht viel Zeit. Denn jedes Kind mußte sich nützlich machen, sobald seine jungen Kräfte es gestatteten. In der Kirche achtete der Vater genau darauf, ob seine Kinder auch andächtig wären. Bemerkte er von seinem Platz auf der Empore aus, daß eines schwätzte, so mußte es zu Hause nach der Kirche auf Holzscheiten knien und Rosenkranz beten. Therese erzählt, daß ihre jüngeren Schwestern Anna und Ottilie öfters dieser Strafe verfielen, Marie und sie selbst aber nicht.

Die kleine Therese fügte sich gern und willig in diese strenge, aber auch gütige Erziehung. Die Armut drückte sie nicht. Wenn sie heute erzählt, wie mit dem Heranwachsen und Selbstverdienen der Ältesten die Verhältnisse etwas weniger eng wurden, wenn sie auch eng genug blieben, so kommt ihr bei der Schilderung der Freudigkeit, mit der alle Familienmitglieder die gemeinsame Not trugen, immer wieder über die Lippen: Ach, war das schön. Auf die Zeit ihres Aufenthaltes in Waldsassen bin ich schon zu sprechen gekommen. Auch auf ihr Verhältnis zu Puppen. Kinderbälle zum Spielen kamen erst für die jüngsten Geschwister ins Haus. Ihre Lieblingsbeschäftigung war, Bilderbücher zu betrachten, vor allem aber Pflanzen zu pflegen. Sie begann damit, die Tassen der Mutter zu nehmen und ihnen die Henkel abzuschlagen, damit sie Blumentöpfen ähnlicher sähen. Dann setzte sie in sie kleine Pflänzchen ein. Mit dieser Behandlung der Tassen bereitete sie allerdings der Mutter keine Freude, und sie mußte sich andere Gelegenheiten zum Pflanzen suchen. Bald aber wurde sie dazu angelernt, die jüngeren Geschwister zu warten. Auch arbeitete sie gern im Hause, kehrte die Stube, wusch den Zimmerboden und die Windeln. In jener Zeit, als sie schon in die Schule ging, machte es ihr eine besondere Freude, die Wäsche zu waschen. Kam die Mutter abends von der Feldarbeit heim, so zeigte sie ihr mit Stolz die Stange voll aufgehängter Windeln und zählte - sich selbst lobend, wie sie lächelnd gesteht - die vollbrachten Arbeiten auf.

In der Schule lernte Therese Neumann eifrig. Sie wurde von den Eltern zu Hause außerdem noch zu den Schularbeiten angehalten. Der Vater besonders sprach gern mit seinen Kindern abends, während er nähte, die Aufgaben durch. Ihr Entlassungszeugnis aus der Sonntagsschule möge hier im Wortlaut folgen.

Entlassungszeugnis der Sonntagsschule für Neumann Theresia, geb. am 9. März (1) 1898 zu Konnersreuth,

Bez.-A. Tirschenreuth.

Religion: kath.

Heimat: Konnersreuth

Name des Vaters: N. Ferdinand

Beruf des Vaters: Schneider

Erster Eintritt in die Werktagsschule am 1. Mai 1904 zu Konnersreuth

Entlassung aus der Werktagsschule am 1. Mai 1911 zu Konnersreuth

Bemerkungen: Die Schülerin hat die Sonntagsschule und den damit verbundenen Religionsunterricht vom 1. Mai 1911 bis zum 1. Mai 1914, sohin 3 Jahre und zwar zuletzt in Konnersreuth mit sehr großem Fleiße besucht, ein sehr lobenswürdiges Betragen gepflogen und sich folgende Noten erworben

Religionslehre : Sehr gut

Sachunterricht : Sehr gut

Lesen: Fast sehr gut

Aufsatz: Gut

Rechnen: Fast sehr gut

Schönschreiben: Gut

Fortgangsnote: I. sehr gut.

Die Schülerin ist mit Aushändigung dieses Zeugnisses .aus der Sonntagsschule entlassen und hat ihrer allgemeinen Schulpflicht Genüge geleistet.

Konnersreuth, am 30. April 1914.

Der K. Distriktsschulinspektor (gez.) Baeuml.

Der K. Lokalschulinspektor (gez.) Naber.

Die Lehrerin(S.) (gez.) Käthe Stiefanger.

Ausgehändigt am 3. Mai 1914.

Die Freude anderer Kinder an Märchen hat Therese Neumann nie geteilt. Als ihr der Vater einmal das Märchen vom Schlaraffenland erzählte, erhob sie eifrig dagegen Einspruch. Das könne nicht wahr sein. Denn wenn es wahr wäre, würden alle Menschen ins Schlaraffenland wandern. Schon im ersten Schuljahr "war's ihr fad", wenn die Lehrerin Märchen erzählte, und sie dachte bei sich, "was wird denn dies für eine Lüg' sein?" Therese versicherte mir lebhaft, sie habe nie "etwas Zusammengedichts", nie Romane oder Kalendergeschichten, gelesen. Wahre Geschichten dagegen, also Lebensgeschehnisse, habe sie gern gehört. In der Jugend las sie vor allem den kleinen Katechismus, das Gebetbuch und die Schulbücher. Später, nach der Feiertagsschule, bestand ihre Lektüre vorzugsweise in dem Jungfrauengebetbuch, der katholischen Zeitschrift "Notburga" für Dienstmädchen, der Zeitschrift "Rosenhain", die zur Verehrung der kleinen Therese vom Kinde Jesu gegründet war, der "Handpostille oder christkatholische Unterrichtungen auf alle Sonn- und Festtage des ganzen Jahres" von Leonhard Goffine, die Auslegungen der Episteln und Evangelien und Erklärungen der kirchlichen Gebräuche enthält; ferner der "Philothea, einer Anleitung zum gottseligen Leben" von Franz von Sales. Auch studierte sie eifrig zwei Blumenpflegebücher; denn ihre Liebe zu Blumen war - wie gesagt schon damals groß. Heiligenlegenden las sie nur wenig.

Das religiöse Leben, das Therese Neumann umgab und in das sie hineinwuchs, war ein ausgesprochen christliches. Doch wurden die Kinder nicht zur Bigotterie, sondern zu einer im Leben Kraft und Halt verleihenden Frömmigkeit erzogen. Auch heute noch ist der ganzen Familie Neumann Bigotterie völlig fremd, vielmehr eine maßvolle Lebensfreudigkeit eigen. Therese Neumann zeigte nach übereinstimmenden Angaben auch denen ihres Seelenführers Pfarrer Naber, der seit dem 15. Sept. 1909 in Konnersreuth amtiert niemals ein über die gewohnte Frömmigkeit der überzeugten Katholiken hinausgehendes religiöses Verhalten. Am 18. April 1909 kommunizierte sie zum erstenmal. Die Frage, ob bei ihr, wie bei mancher anderen Stigmatisierten, sich schon in der Jugendzeit außergewöhnliche Erscheinungen eingestellt haben, muß noch offen bleiben. Daß sie mit großem Eifer am Religionsunterricht teilnahm, wird auch durch die Tatsache erwiesen, daß sie sich für die Feiertagsschule das, was sie im Religionsunterricht gehört hatte, daheim schriftlich ausarbeitete. Leider wurden die Hefte, in denen sie ihre Gedanken eingetragen hatte, anläßlich des Umbaus des elterlichen Hauses, im Herbst 1927, als überflüssiger Ballast verbrannt.

Der Haushalt der Eltern zog Therese Neumann schon sehr früh eigentlich von dem Zeitpunkt an, wo sie sich nützlich machen konnte zur Mitarbeit heran, wie es bei Kindern, die in kleinen landwirtschaftlichen Anwesen aufwachsen, üblich ist. Die große Familie und die bedrängte Lage zwang, darauf zu sehen, daß die Kinder möglichst früh mitverdienten. Bereits im letzten Halbjahr der Werktagsschule (1910-1911) mußte sie nachmittags von 1 Uhr ab auf das etwa eine Viertelstunde entfernte Schloß Fockenfeld (mit etwa 300 Tagwerk Grund) zur Arbeit gehen. Sie war, wie sie erzählt, sehr erfreut darüber, daß sie ihrem Vater jeweils 60 Pfennig Lohn für den Halbtag abliefern konnte.

Mit 14 Jahren (1912) taten die Eltern sie in den Dienst auf das Kounlenzen-Anwesen in Konnersreuth (Nr. 6), wie das Schankwirtschafts- und Ökonomieanwesen des damals schon betagten Max Neumann an der Waldsassener Straße mit Hausnamen heißt. Das Anwesen zählt zu den großen in Konnersreuth. Es gehören zu ihm ein großes Haus an der Straße, ein Stall mit 16-17 Stück Vieh, darunter bis zu 6 Ochsen, ein Schuppen, eine Kegelbahn und ein Garten und außerhalb des Ortes an die 60 Tagwerk Feld, Wiesen und Wald. Zur Zeit, als Therese Neumann dort in Dienst trat, führte Max Neumann noch zusammen mit seiner Frau die Wirtschaft. Anfangs ihrer Dienstzeit übergab er es an seinen 1871 geborenen unverheirateten Sohn Martin Neumann. Den Eltern der Therese Neumann war es sehr willkommen, daß ihr ältestes Kind und dann noch Maria, die ebenfalls beim "Kounlenzen", und zwar schon mit 13 Jahren, eintrat in Konnersreuth selbst Dienst fanden. Denn sie blieben so weitgehend unter ihrer Aufsicht. Während des Krieges trat auch die Tochter Anna dort ein.

Die Dienstherrschaft, der Therese Neumann führte ein christliches Haus. An Arbeitsleistung aber konnte ihr nicht leicht Genüge geschehen. Der Dienst war ausgesprochen streng, vor allem, als der Krieg ausbrach und Martin Neumann ebenso wie der Knecht 1916 zum Heeresdienst eingezogen wurde. Therese Neumann schreckte vor diesen starken Anforderungen jedoch nicht zurück, denn sie war arbeitsfreudig und hatte sich noch dazu so kräftig entwickelt, daß sie z. B. einen Getreidesack von 11/2 Zentner Gewicht ohne abzusetzen über fünf Stiegen auf den Hausboden tragen konnte. Ihr vor allem fiel daher später auch die Männerarbeit zu. Sie pflügte, säte mit der Maschine und besorgte die Fuhren. An Lichtmeß, dem 2. Febr. 1917 wurde sie deshalb als Ochsenknecht angestellt.

Therese Neumann erzählte mir, daß ihr Männerarbeit immer viel mehr Freude gemacht habe, als Frauenarbeit. Stricken, Nähen usw. habe sie j a gelernt und betrieben, für. feinere Frauenarbeit wie Häkeln, Sticken habe sie jedoch nie Interesse gehabt, auch nicht fürs Kochen. Waschen und Putzen sei ihr schon viel lieber gewesen. Deshalb sei ihrer Schwester Marie der Posten der Köchin im Diensthause zugefallen. Sie, Therese, habe stets gern gearbeitet und nie unbeschäftigt sein können. Aber die Arbeit habe sie erst dann richtig gefreut, wenn es "heiß zugegangen" sei und soviel Arbeit vorgelegen habe, daß man sozusagen mit beiden Armen hätte hineingreifen können, vor allem wenn das Wetter schön war und man auf dem Felde arbeiten konnte. "Aufs Feld hab' ich mich immer gefreut", berichtete sie wörtlich. War aber schlechtes Wetter, so daß man nur im Hause arbeiten konnte, so war sie nicht in der richtigen Stimmung. Auch die Härte der Arbeit störte sie nicht, denn sie war nicht wehleidig. Einmal trat sie sich auf einem Stoppelfeld einen scharf abgeschnittenen Halm in den Vorderteil des Fußes. Sie stieß ihn einfach durch den Fuß durch, suchte sich an einer nahen Tanne Harz und verstrich damit die beiden Wundöffnungen.

War die Herbstbestellung besorgt und die Ernte ausgedroschen, so ging man an das Einebnen der Wiesen. Der Wasen wurde abgehoben und die Buckel abgegraben. Mit der so gewonnenen Erde wurden die Vertiefungen ausgefüllt und der Wasen wieder sorgfältig daraufgebreitet. Dabei mußte der oft gefrorene Boden mit Eisenkeilen und Schlegeln, im Frühjahr mit dem Pickel bearbeitet werden. Auf Schlitten wurden die gefrorenen Erdballen fortbewegt. So hat Therese Neumann etliche Winter "planiert". Von dieser Arbeit erzählt sie noch heute mit besonderer Freude, obwohl sie sehr hart war. Denn sie brachte ihr manches reizende Erlebnis mit den Tieren des Feldes und Waldes. Im tiefen Winter, der in der kalten Fichtelgebirgsgegend viel Schnee mitzubringen pflegt, traten die Rehe öfters aus dem Walde heraus und ließen sich betrachten. Die Rebhühner und Hasen aber kamen sogar zutraulich heran, wenn man sie fütterte. Eine ausgesprochene Freude an der Natur, besonders am Kleinen besaß Therese Neumann schon in ihrer Jugend. Eine Blume mochte noch so klein sein, sie sah sie doch gern. Und junge Tiere liebte sie ebenso wie die kleinen Kinder. Sehr gern hatte sie schon damals und noch heute Singvögel. Nur gegen langhaarige nicht aber gegen Wolle tragende Tiere empfand sie von jeher Widerwillen. Deshalb gehörten Katzen nie zu ihren Freunden. Die Abneigung hat sich auch auf das langhaarige Pelzwerk übertragen, dessen Berührung ihr, wie ich selbst wiederholt sah, Widerwillen einflößt. Diese Erscheinung wird damit erklärt, daß ihre Mutter sich einmal an einem haarigen Tier sehr erschreckt hatte, als sie ihre Tochter Therese erwartete. Therese Neumanns Tierliebe ist aber nicht sentimental. Das Tier hat für sie Anspruch darauf, daß der Mensch es anständig behandle und nicht quäle. Aber es ist bestimmt, den Menschen zu erfreuen und ihm zu dienen, und zwar zur Arbeit und zur Ernährung.

Ihr Wirkungskreis im Wirtsanwesen selbst war vor allem der Viehstall. In der Schankwirtschaft half sie nur mit, wenn Außerordentliches zu tun war, z. B. wenn Versammlungen oder Tanzvergnügungen besondere Arbeiten verlangten. Hin und wieder ein Schluck Bier, wenn es recht heiß war und die Arbeit schwer, habe ihr, wie sie mir erzählte, recht gut geschmeckt, aber einen halben Liter habe sie nicht gezwungen. Auf den Tanz sei sie nie gegangen; dagegen habe sie auf dem Tanzboden des öftern einschenken müssen. Sie war aber keine Duckmäuserin; bei jedem nicht rohen Scherz war sie dabei.

So stand Therese Neumann schließlich mit zwei Schwestern Maria und, Anna im gleichen Dienst. Es ergab sich daher von selbst, daß sie die jeweils später Eintretende anlernte und die beiden Jüngeren betreute. Ihre früh entwickelte Charakterfestigkeit und Selbständigkeit, dazu ihr fast männlich energisches Wesen, befähigten sie auch dazu.

Natürlich fand Therese Neumann auch Bewerber, doch begegneten diese bei ihr keiner Gegenliebe. Einer von ihnen versuchte es einmal mit Gewalt. Sie aber sprang, als sie sich in Gefahr sah, kurz entschlossen vom Stadelboden mehrere Meter tief hinab auf die Tenne. Unverletzt lief sie davon. Der Bursche aber ließ daraufhin von ihr ab. Eines anderen Bewerbers erwehrte sie sich auf folgende Weise. Da er ihr trotz aller Abweisungen keine Ruhe ließ, bestellte sie ihn zu einem Stelldichein abends in der Dunkelheit. Sie selbst ging mit dem Ende eines Peitschenstiels bewaffnet dort hin. Als nun der Bursche erschien, schlug sie ihm den Peitschenstiel ein paarmal derart kräftig an den Kopf, daß ihm die Neigung zu ihr verging. Sie hatte sich nämlich als Beruf ausersehen, Missionsschwester zu werden. Sie wollte zu den "Schwarzen" und schaffte sich von ihrem Lohn nach und nach die Aussteuer an, die sie ins Kloster mitzubringen hätte.

Nur der Krieg verhinderte ihren Eintritt in den Orden. Weil der Vater im Felde war und die Familie den Verdienst der ältesten Tochter benötigte, verlangte die Mutter, daß diese bis zum Kriegsschluß warte. Sie hat auch zugesagt, sich aber gleichzeitig fest vorgenommen, sich über diesen Zeitpunkt hinaus nicht mehr von der Durchführung ihres Wunsches abhalten zu lassen.

Der Unfall beim Brand am 10. März 1918

Für Sonntag, den 10. März 1918 hatte Therese Neumann sich vorgenommen, zur Kommunion zu gehen. Sie stand deshalb schon kurz nach 5 Uhr morgens auf, um mit ihrer Früharbeit rechtzeitig fertig zu werden. Da damals in der Konnersreuther Kirche keine Frühmesse gelesen wurde, mußte sie bis zur Spendung der Kommunion, die um 8 Uhr zu geschehen pflegte, nüchtern bleiben. Ungefähr um 7 Uhr war sie mit dem Viehfüttern fertig und ging darauf in das Wohngebäude zurück. Sie befand sich gerade auf der Treppe nach dem Hof zu, als ihr Dienstherr Martin Neumann aus der Küche in den Hausgang heraustrat. In diesem Augenblick kam ein Nachbar, Christian Sölch, ins Haus, zog Martin Neumann zu der hinteren Treppe vor, von der man über den Hof blicken konnte und sagte, über diesen hinwegweisend: "Martin, schau einmal hinüber, was da ist" Dieser rief darauf: "Oh, oi, oi, Dies muß doch dem Schmied sein Stadel sein." Therese Neumann wandte sich nun in die gleiche Richtung und sah aus dem Dache des bezeichneten Stadels Qualm aufsteigen wie aus einem kleinen Schlot. Sowohl Neugierde, wie Sorge um das der Brandstelle naheliegende Elternhaus, als auch Lust zu helfen, da das Anwesen des Dienstherrn nicht gefährdet schien, veranlaßten sie, sofort in das Elternhaus zu eilen. Als sie auf die Straße trat, traf sie schon zahlreiche Männer und Frauen, die aufgeregt "Feuer!, Feuer!" schrien. Da schrie auch sie mit: "Feuer! Feuer! Beim Schmied brennt's!"

Im Elternhause fand sie den Vater, der erst am Tag vorher aus dem Heeresdienst in Urlaub gekommen war, noch schlafend im Bett. Sie weckte ihn mit den Worten "Vater! Geht's aussa, beim Schmied brennt's!" Dann eilte sie rasch weiter zur Brandstelle. Als sie in dem brennenden Stadel glühende Garben und Balken herunterstürzen sah, gruselte es sie - nach ihren eigenen Worten mir gegenüber - "wie Kindern, denen der Nikolaus begegnet". Sie griff aber sogleich nach ihrer Art tatkräftig zu, zog ein Kalb und ein Schwein aus dem Stall und führte sie über den Marktplatz in den gegenüberliegenden Gasthof zum Weißen Roß des Hugo Schiml. Auf dem Rückweg konnte sie die Straße zu ihrem Dienstplatz hinaufschauen. Da sah sie zu ihrer Überraschung, wie Leute zu diesem Anwesen eilten. Sofort lief sie auch dorthin. Dort räumte man gerade aus dem aus Holz errichteten Schuppen das. Heu aus, da der Wind sich drehte und direkt vom Brandplatz auf diesen zu stehen begann. Es war etwa 8 Uhr morgens. Ihr Dienstherr empfing sie mit den Worten: "Wo rennst denn umeinander?" Sie antwortete : "Beim Schmied war ich. Oi, sind da die brennenden Balken ummig'fallen", und wollte erzählen, was sie gesehen hatte. Martin Neumann aber herrschte sie an: "Wir sind selbst in der größten Gefahr! Angepackt jetzt!" Darauf dachte sich Therese Neumann, wenn dem so, sei, wäre es das Klügste, wenn sie erst ihre hauptsächlichsten Wertsachen, wenigstens ihr Sonntagsgewand und ihre beste Wäsche, in Sicherheit brächte. Sie holte sie von ihrer Dachkammer herab und trug sie, über die Straße in ein Nachbarhaus. Dann half sie aus dem gefährdeten Stadel Stroh ausräumen. Unterdessen griff das Feuer auf die Scheune des direkten Nachbargrundstückes des Wirtsanwesens über, die parallel zur Neumannschen hölzernen Kegelbahn stand. Dazu trieb jetzt der Wind glühende Fetzen Stroh und anderes gerade auf diese Kegelbahn selbst und den Schuppen zu, deren hölzerne Wände bereits Feuer fingen. Beide Gebäude zeigen noch heute Brandspuren. Das Gesinde und Nachbarn schleppten Eimer Wassers herbei, mit denen man die gefährdeten Wände von außen abgoß, solange die Hitze und das Funkenfliegen eine direkte Annäherung noch zuließen. Therese Neumann beteiligte sich an dieser Arbeit. Als aber das immer heftigere Feuer die Annäherung an die Schuppenwände ständig schwieriger machte, kam ihr der Gedanke, es sei am besten, wenn sich jemand auf den Dachboden des Schuppens begebe und die gefährdete Giebelwand von innen her mit Wasser angösse, damit das Holz feucht würde und weniger leicht anbrenne. Ihr Vorschlag wurde angenommen. Martin Neumann selbst kletterte durch die Lucke im Boden des Schuppens hinauf. Da zu dieser Lucke keine Stiege hinaufführt, wurde ein fester Hocker (ein Stuhl ohne Lehne), auf den man beim Ausschank die Bierfässer zu legen pflegte, aus der Wirtschaft geholt und in der Ecke zwischen Stall und Kegelbahn direkt unter der Lucke aufgestellt. Weil Therese Neumann besonders kräftig war, wurde ihr die Aufgabe, auf dem Stuhl stehend die vom Brunnen herbeigebrachten gefüllten Wassereimer dem oben auf dem Boden befindlichen Mann hinaufzureichen. Die Höhe von dem aus gestampfter Erde bestehenden Fußboden des nach dem Hof zu offenen, zum Einstellen von Wagen und Ackergeräten benutzten Erdgeschosses des Schuppens zu der Decke, in der sich die Lucke befindet, beträgt 2,70 bis 2,75 m. Die Hocker, wie sie in der Neumannschen Gastwirtschaft noch heute Verwendung finden, haben mit ihrer Sitzfläche eine Durchschnittshöhe von 50 cm. Therese Neumann maß ungefähr 1,65 m. Sie mußte also die Eimer noch möglichst weit über ihren Kopf hinaufheben, damit der Mann auf dem Dachgeschoß des Schuppens sie erreichen konnte. Sie faßte dabei die ihr von links hinten zugetragenen Wassereimer mit der rechten Hand am Henkel, mit der linken am Rand des Bodens. Bei dieser Arbeit wurde sie bald völlig durchnäßt. Doch war sie gegen den Funkenflug geschützt, auch konnte sie das Feuer selbst nicht mehr sehen.

Bei dieser Löscharbeit ging es natürlich genau so aufgeregt zu, wie stets in solchen Fällen, zumal wenn sich mit der längeren Dauer der Arbeit die Erschöpfung geltend macht. Auch Martin Neumann wurde durch das ständige Sichbücken und dann wieder Aufstehen zum Ausgießen der Eimer stark angestrengt. Er trieb deshalb seine Gehilfin immer wieder an, ihm die Eimer möglichst hoch hinaufzureichen, indem er ihr vorwarf, sie höbe sie ihm nicht so weit entgegen, als sie es bei gutem Willen und der nötigen Anstrengung vermöchte. Therese Neumann, die sich selbst größte Mühe gab und natürlich ebenfalls ermüdete, wehrte sich mit der Antwort, sie tue ja, was sie könne.

Als sie so schon über 2 Stunden hindurch ohne Unterbrechung auf dem Stuhl stehend gearbeitet hatte und gerade einen vollen Eimer wieder einmal recht weit hinaufzuheben versuchte, spürte sie im Kreuz plötzlich einen "Knicks, wie wenn mich was gezwickt hat". Der Eimer entfällt ihren Händen. Ihr rechter Fuß gleitet vom Stuhl ab. Trotzdem kommt sie noch auf dem Erdboden zum Stehen, ohne umzufallen, weil sie sich an die gleich neben dem Stuhl befindliche Kegelbahnwand anhalten konnte. Eine Frau und ein Mädchen (eine Zigeunerin), die sich am Wassertragen beteiligten, sprangen hinzu, sie zu stützen, doch war ihre Hilfe nicht erforderlich. Sie vermochte sich aus eigener Kraft aufrechtzuhalten und auch zu gehen. Weiterzuarbeiten wie bisher, war sie nicht mehr imstande.

Welchen Inhalt und damit Gewicht gerade der Wassereimer hatte, bei dessen Emporheben der Unfall geschah, ließ sich nicht genau feststellen, da die hilfeleistenden Nachbarn eigene Kübel mitgebracht hatten. So weit ich die dort üblichen Wassereimer prüfen konnte, haben sie einen Fassungsraum von 10-15 Liter, mithin ein Gewicht von 20-30 Pfund ohne das Eigengewicht des Eimers selbst.

Nach dem Brandunfall

Nach dem Unfall, der gegen 12 Uhr Mittag geschah, bemerkte Therese Neumann, daß sie ihre Füße nicht mehr so recht spürte. Sie waren wie eingeschlafen, wie "pelzig". Als sie ihre Kammer im Dachgeschoß des Gasthofes aufsuchen wollte, um die durchnäßten Kleider zu wechseln, konnte sie die Stiegen nicht mehr hinaufsteigen. So ging sie in den nassen Kleidern in den Stall, um das wegen der Löscharbeiten unversorgte Vieh zu füttern, konnte sich aber nicht mehr bücken und auch nicht den leeren Futterkorb. vom Boden aufheben. Die beim Löschen mittätige Margarete Lindner hat ihr daraufhin beim Füttern geholfen. Da sie also nichts arbeiten konnte und außerdem während des Tages noch nichts genossen hatte, setzte sie sich zunächst zum Essen, trank Kaffee und aß "Spauzen" (einheimische Kartoffelklösse). Nach dem Essen spürte sie Brechreiz. Ob sie sich auch erbrochen hat, weiß sie nicht mehr. Der Schmerz im Kreuz begann sich allmählich zu verstärken und in den Leib auszustrahlen. Sie empfand ein sehr starkes Bedürfnis, sich niederzulegen und auszuruhen. Da sie zu ihrer Kammer nicht hinaufzusteigen vermochte, ging sie in das nahe Elternhaus. Leute, denen sie auf dem Wege begegnete, fragten sie, was ihr fehle; sie gehe, als hätte sie Zentnerschwere in den Beinen. Die Mutter empfing sie mit der Frage, was sie denn habe, sie komme ja ganz krumm daher. Sie antwortete, sie wisse es nicht, ihr täte das Kreuz weh und es sei ihr geradezu, als ob man ihr mit einem Strick den Leib zusammengeschnürt hätte, während sie im Unterleib kein rechtes Gefühl hätte. Sie habe sich vielleicht einen Hexenschuß oder eine Verrenkung, vielleicht auch Rheumatismus zugezogen, weil sie so lange durchnäßt in der Kälte gestanden habe. Vielleicht läge es aber auch daran, daß sie sich nicht geschont habe, obwohl sie an diesem Tage die Menstruation hatte. Vielleicht. seien der Sturz und die Schmerzen auch die Folgen der ununterbrochenen Arbeit und Nüchternheit bis zum Mittag. Jedenfalls könne sie nicht mehr. Sie meine aber, ihr Zustand werde sich durch Ruhe und Schwitzen bessern. Die Mutter erzählte, ihre Tochter sei stark nach vorn und nach links hinübergebeugt gegangen. Sie habe die Beine nachgezogen und sie nur mühsam bewegt, auch keine Kraft mehr in ihnen gehabt. Sie seien ihr nach ihrer Erklärung sehr schwer vorgekommen. Den Schmerz über die Zusammenziehung des Leibes habe sie als sehr heftig geschildert. Er ging von der schmerzenden Stelle im Kreuz schräg nach vorn und unten.

Therese Neumann legte sich darauf in der Wohnstube auf die Ofenbank. Ihre Müdigkeit wich bis gegen Abend, nicht aber die Schmerzen. Abends ging sie wieder zu ihrem Dienstplatz. Da sie sich aber sehr leidend fühlte, versuchte sie sogleich, ihr Bett in der Dachkammer aufzusuchen. Dabei zeigte sich, daß sie jetzt wieder die Treppen steigen konnte, allerdings, nur in der Weise, daß sie sich mit der einen Hand am Geländer hochzog und mit der anderen auf den Stufen aufstützte.

Am nächsten Morgen versuchte sie trotz der Fortdauer der Schmerzen. aufzustehen, konnte sich aber nicht aufrecht auf den Füßen halten, sondern mußte sich wieder niederlegen. Einige Tage Bettruhe gaben ihr die Fähigkeit zu stehen und zu gehen zurück. Doch ging sie nur mühselig und mit schweren Füßen in der schon geschilderten vorgebeugten Haltung nach links vorn gebeugt. Ihre Mutter ermahnte sie, sich diesen Gang wieder abzugewöhnen, man müsse sich ja mit ihr vor den Leuten schämen, denn sie gehe wie jemand, ,der die Abzehrung habe und mit dem es bald dahingehe. Sich zu bücken und etwas vom Boden aufzuheben, war sie nicht imstande. Wollte sie letzteres tun, so mußte sie sich dazu auf ein Knie niederlassen. Sie hatte ständig das Gefühl, als habe sie keinen Halt mehr im Kreuz, das nach wie vor schmerzte und von dem aus auch der Gürtelschmerz weiter ausstrahlte. Sie langte sich deshalb öfters an die schmerzhafte Stelle im Rücken, weil sie erkunden wollte, ob dort nicht irgend eine Beschädigung wahrnehmbar sei. Doch konnte sie zu dieser Zeit noch nichts weiter fühlen außer einer Schmerzverstärkung, wenn sie auf diese Stelle drückte, weil sie noch "zu stark im Fleisch" war, wie sie sich selbst ausdrückte. Sie wog damals 147 Pfund. Die Durchnässung beim Brand in der Märzkühle der ohnehin klimatisch kalten Fichtelgebirgsgegend hatte ihr außerdem eine Erkältung mit Husten gebracht, der hartnäckig anhielt. Dazu. stellten sich die bereits bei dem Mittagessen am Brandtage aufgetretenen Magenstörungen verstärkt und dauernd ein. Nach dem Essen fester Speisen bekam sie Brechreiz und mußte in der Regel das Genossene wieder von sich geben. Dagegen behielt sie breiige Speisen, insbesondere Schleimsuppe bei sich, zumal wenn sie sich nach dem Essen niederlegte. Die bisherige Arbeit vermochte sie nicht mehr zu leisten. Schon bis zu ihrem Eintritt in das Waldsassener Krankenhaus magerte sie wegen dieser Ernährungsstörungen erheblich ab, ein Vorgang, der sich in der Folgezeit weiter fortsetzte.

Als teilweiser Ersatz für den Ausfall ihrer Arbeitskraft trat ihre Schwester Ottilie in den Dienstplatz ein. Diese mußte aber zum Schlafen in das Elternhaus gehen, da im Wirtsanwesen kein Bett für sie frei war. Denn Therese Neumann blieb noch dort, weil sie als die älteste in der Wirtschaft besser Bescheid wußte, als die drei. weiteren jetzt dort bediensteten Schwestern, und also noch beratend mithelfen und auch die fünfzehnjährige Schwester Ottilie anlernen. konnte. Auch hoffte sie bald wieder völlig arbeitsfähig zu sein. Trotz ihres leidenden Zustandes suchte sie sich an ihrem Dienstplatz weiter möglichst nützlich zu machen. So versuchte sie Taxen (Tannenstreu) zu hacken. Dabei hat sie sich mit dem Hackmesser einmal den Ballen der linken Hand und ein andermal die Daumenkuppe der linken Hand aufgeschlitzt. Sie suchte sich darauf Harz, strich es auf die Wunde und arbeitete weiter. Diese und andere Arbeitsversuche machte sie ebensowohl freiwillig aus Arbeitslust wie aus Nötigung. Denn, so wenig, wie sie selbst, faßten ihre Dienstherrschaft und ihre Allgehörigen das Geschehnis beim Brand als einen ernsthaften Unfall auf. Daß in der Zeit der allgemeinen Einziehung der männlichen Landbevölkerung zum Kriegsdienst eine starke. und tüchtige Arbeitskraft ausfallen sollte - Therese Neumann hatte ja die Stellung des Ochsenknechts inne - wurde begreiflicherweise unangenehm empfunden. Und sie bekam diese Mißstimmung auch deutlich zu spüren. Als einmal der Dienstherr sich mit einem Teil des Gesindes zum Feld hinausbegab, um Kunstdünger zu streuen, versuchte sie sich auf den Wagen zu setzen, weil ihr das Gehen zu Fuß große Beschwerden machte. Sie wurde dessen aber von dem Dienstherrn mit der Erklärung verwiesen, sie solle nicht so faul sein. Auch erhielt sie wiederholt von verschiedenen Seiten den Vorwurf, sie sei eine Drückebergerin.

Der Unfall auf der Kellerstiege anfangs April 1918

Therese Neumanns Versuche, in der Neumannschen Wirtschaft mitzuarbeiten, führten einige Wochen nach dem Brande, also im ersten Drittel des April 1918, zu einem neuen schweren Unfall, der ihren Zustand erheblich verschlechterte. Über diesen Unfall war folgendes in Erfahrung zu bringen. Therese Neumanns Schwestern wollten am Nachmittag dieses Tages Frühkartoffeln legen. Während des Winters hatte sie den Kartoffelvorrat durchgeklaubt. Da ihre Schwester Ottilie im Kartoffelkeller noch nicht so Bescheid wußte und die anderen Schwestern mit der Arbeit im Gedränge waren, worüber der Dienstherr "brummte", bat sie ihre älteste Schwester, die nötige Menge Saatkartoffeln herzurichten. Die anderen Schwestern wollten währenddessen noch rasch zu Mittag das Vieh füttern. Therese Neumann begab sich darauf in den unteren Bierkeller der Wirtschaft, wo die Kartoffeln aufbewahrt wurden, und suchte ein "Schwingerl", d. h. einen Korb voll, aus. Ein Schwingerl faßt etwa 30-50 Pfund. Um ihren Schwestern Arbeit zu ersparen, kam sie zu dem Entschluß, die Kartoffeln gleich selbst hinaufzutragen. Sie füllte sie deshalb aus dem Korb in einen Sack um, den sie auf die rechte Achsel nahm. Es gelang ihr auch 5 - 6 Stufen emporzusteigen, dann fiel sie rücklings die Stiege hinunter, deren unterste steinerne Stufe doppelt breit angelegt ist. Auf diese Steinstufe schlug sie derart mit dem Hinterkopf auf, daß sie eine blutende Wunde erhielt, die längere Zeit stark eiterte, ehe sie nach Bleiwasserumschlägen verheilte. Sie wurde sofort ohnmächtig. Als ihre Schwester Ottilie, die die Kartoffeln benötigte, in den Keller kam, fand sie sie noch am Boden und erst halb wieder bei Besinnung; sie hatte nicht ganz eine Stunde dagelegen. Von ihr aufgerichtet- und gestützt, konnte Therese Neumann - wenn auch sehr mühsam - die Kellerstiege wieder emporsteigen. Ottilie hieß sie gleich zum Essen hineingehen, sie aber erklärte: "Ich brauch nichts, ich lang", und setzte sich im Stall auf einen Hocker. Sie hatte sehr starke Schmerzen im Kopf, vor allem im Hinterkopf : "Mir tut mein Kopf weh, daß mir die Augen außefallen möchten", äußerte sie. Der Kopfschmerz milderte sich etwas, wich aber in der Folgezeit nicht ganz. Sein Hauptsitz war im Hinterkopf, aber der ganze Kopf tat ihr weh. Dazu war sie beständig müde und "dösig".

Nach kurzer Zeit sah ihr Dienstherr nach ihr, weil sie mit auf das Feld sollte. Sie sagte aber, daß sie nicht gehen könne. Darauf erklärte er, dann könne sie daheim bleiben, solle aber Streu hacken. Als die andern aufs Feld gefahren waren, versuchte sie den Auftrag auszuführen, vermochte es aber nicht, sondern setzte sich erschöpft auf. den Hackstock. So sah sie eine Nachbarin, Frau Karoline Eckert. Als diese von ihr ihren elenden Zustand erfuhr, veranlaßte sie sie, ins Elternhaus zu gehen und sich niederzulegen. Wegen ihres leidenden Zustandes blieb sie für die nächste Zeit nachts im Elternhause. Dort mußte sie das Bett. mit ihrer Schwester Ottilie teilen, wie das auf dem Lande, zumal in ärmeren Familien mit zahlreichen Kindern, noch vielfach üblich ist. Jetzt traten auch die ersten Symptome eines sie auf das äußerste bedrückenden Leidens auf: Blase und Darm funktionierten nicht mehr nach ihrem Willen, sondern entleerten sich unwillkürlich - sie konnte die Ausscheidungen nicht mehr zurückhalten und die Folge waren regelmäßige Verunreinigungen an Leib- und Bettwäsche. Weil sie sich nach der üblichen Art junger Mädchen dessen außerordentlich schämte, ließ Therese Neumann ihre Mutter auf dem Glauben, die jüngere Schwester, bei der freilich auch früher nie derartiges beobachtet worden war, sei die Kranke, während in Wirklichkeit der Sturz von der Kellerstiege ihr zu den übrigen Störungen auch diese gebracht hatte. Da sie damals und in der Folgezeit, wohl wegen der durch das häufige Erbrechen verminderten Nahrungsaufnahme, überhaupt nur sehr wenige Ausscheidungen auf natürlichem Wege hatte, konnte sie diese Störungen jetzt und bis zu ihrer völligen Bettlägerigkeit leicht verbergen. Begünstigt wurden ihre Bemühungen, diese Leiden zu verheimlichen, auch durch den Umstand, daß die Mutter in jener Zeit außerordentlich in Anspruch genommen war. Denn der Vater war wieder im Heeresdienst, auf ihr lastete also die ganze landwirtschaftliche Arbeit. So konnte sie nicht jedem ihrer acht Kinder im Hause viel Aufmerksamkeit widmen. Therese machte deshalb die leichte Hausarbeit, wie Bettmachen, nach Möglichkeit selbst. Daß die Mutter ihre erwachsene, bisher so bewährte Tochter Therese, die ja schon jahrelang bei fremden Leuten in Dienst gestanden hatte, ohne daß die geringste derartige Wahrnehmung bei ihr zu machen gewesen war, dabei am wenigsten kontrollierte, ist selbstverständlich.

Therese Neumann hielt sich nach dem Sturz von der Kellertreppe mindestens zehn Tage im Elternhause auf. Obwohl jetzt ihr Bett an ihrem Dienstplatz frei war, ließ die Mutter ihre Tochter Ottilie doch nicht dort schlafen, da sie sich wegen deren vermeintlichen Leidens "vor den Leuten schämte". Mit der Bettruhe gingen die Schmerzen und die Bewegungsstörungen bei Therese Neumann etwas zurück, der quälende Husten aber und die Magenstörungen hielten in der beschriebenen Weise weiter an. Ob sie nach dem Sturz von der Kellerstiege Augenstörungen gehabt hat, vermochte sie nicht gewiß zu sagen. Da sie mir nur berichten wollte, was sie noch sicher weiß, möchte sie es eher verneinen. Sie habe damals nur selten und kurz gelesen. Dagegen weiß sie noch mit Sicherheit, daß sie nach diesem Sturz beim Ankleiden eine Schmerzverstärkung im Kreuz fühlte, wenn sie die Arme rückwärts bog und sich den Unterrock oder die Schürze auf dem Rücken zubinden wollte. Der Schmerz strahlte zum .Kopf und zu den unteren Extremitäten aus.

Seit dem Unfall im Keller verschlechterte sich ihre früher stets heitere Laune ständig mehr. Sie wurde "maßleidig", "sie war nimmer zum haben", wie mir die Mutter sagte, weil sie nicht mehr arbeiten konnte. Sie begann deshalb in der Familie schwer erträglich zu werden, so daß man ihren Zustand ernster nahm und ihre Überführung in das Waldsassener Krankenhaus ins Auge faßte.

Im Waldsassener Krankenhaus vom 23. April bis 10. Juni 1918

So wurde denn Therese Neumann mit dem Postwagen nach Waldsassen gebracht, und zwar zu dem Arzte Dr. Goebel. Der Leiter des Krankenhauses in Waldsassen, Sanitätsrat Dr. Otto Seidl, befand sich im Feld.

Fußnote: In dem Prozeß Dr. Aigner gegen v. Lama hat Dr. Seidl nach ,mir vorliegenden Zeitungsberichten auf Anfrage erklärt, er habe Therese Neumann seit-1918, auch während des Urlaubs 1918, behandelt. Therese Neumann kann sich nicht erinnern, daß sie von Dr. Seidl vor dem Januar 1919 behandelt worden sei. Ebenso wenig erinnerten sich ihre Eltern. In der Zeit ihres Aufenthaltes im Krankenhaus Waldsassen sei Dr. Seidl auf ein paar Tage in Urlaub zu Hause gewesen. Er habe auch das Krankenhaus besucht, und sei von einem Kranken zum andern gegangen. So sei er auch zu ihr gekommen. Er habe sie aber weder- untersucht, noch behandelt.

Therese Neumann erzählte, daß sie von vorneherein gegen Dr. Goebel eine Abneigung empfunden - "ihn nicht gemöcht" - habe und deshalb nicht aus sich herausgegangen sei, sondern sich im wesentlichen auf die Beantwortung seiner Fragen beschränkt habe. Auf die Frage, was ihr fehle, wies sie zunächst nach der schmerzenden Stelle im Rücken und fuhr von da mit beiden Händen nach vorne, wie wenn sie sich einen Gürtel anlegen wollte. Sie erklärte, sie hätte das Gefühl, wie wenn ihr der Leib mit einem Strick gewaltsam zusammengeschnürt wäre. Auch berichtete sie über den Brechreiz, unter dem sie litt, und daß sie nur selten Ausscheidungen habe. Die Unfähigkeit, Blase und Darm nach ihrem Willen in Funktion treten zu lassen, verschwieg sie.

Dr. Goebel überwies sie dem Waldsassener Krankenhaus, in das sie am 23. April 1918 aufgenommen wurde, um es am 10. Juni des gleichen Jahres ungeheilt wieder zu verlassen. Er behandelte sie nach ihrer und ihrer Eltern Mitteilung auf Magensenkung und verordnete Bettruhe, gestrecktes Liegen und Fasten; dazu an Arzneien Eisen, Karlsbader Salz und ferner Brom für die Nerven. Morphium erhielt Therese Neumann ebenfalls, und zwar bei besonders starken Anfällen von Schmerzen im Kreuz und Zusammenschnürung des Leibes (Gürtelschmerz), die jeweils nach Krampfanfällen auftraten. Auf eine Klage über diesen nach Therese Neumanns Ansicht vom Kreuz ausgehenden Gürtelschmerz antwortete der Arzt, wie sie erzählte: "Ach was, das sind die Sehnen vom Magen." Ob sie noch andere Arzneien erhalten -hat, ist nicht mehr festzustellen.

Als Nahrung erhielt sie zeitweilig nur eine kleine Menge Milch für den Tag, sonst etwas Mehlmus. Sie hatte dabei fürchterlichen Hunger, ihr Zustand besserte sich aber nicht. Ihr Vater, der damals mit Rücksicht auf die zahlreiche Familie für einige Zeit aus dem Felde beurlaubt war, besuchte sie eines Tages es war um Pfingsten und brachte ihr sieben Schmalzküchel mit, von denen sie vier sofort und ohne nachfolgende Beschwerden verzehrte, während sie die restlichen drei versteckte und später aß. Ebenso brachten ihre Brüder ihr gelegentlich Butterbrot; auch dieses aß sie vorschriftswidrig, aber mit größtem Appetit und ohne nachteilige Folgen.

Therese Neumann berichtete mir, daß das fortwährende Liegen ihr eine erhebliche Milderung sowohl des Brechreizes wie des Kreuz- und Gürtelschmerzes gebracht habe. Dagegen hätten die auftretenden Krämpfe jeweils ihren Zustand erneut verschlimmert. Über diese Krampfanfälle selbst ließ sich folgendes in Erfahrung bringen. Der erste stand im Zusammenhang mit dem Besuch des Vaters. Dieser hatte ihr, wie schon erzählt worden ist, Küchel mitgebracht, von denen Therese Neumann einen Teil sich aufgehoben und in ihrem Nachtkastel versteckt hatte. Als sie sie später zum Essen hervorholen wollte und sich deshalb nach links über den Bettrand herabbeugte, trat ein Krampf auf. Der nächste begegnete ihr gegen Ende ihres Aufenthaltes im Krankenhaus, als sie sich ebenfalls zum Nachtkästchen herumdrehte, um ihm ihre Pantoffel zu entnehmen. Der dritte trat ebenfalls zu dieser Schlußzeit ihres Krankenhausaufenthaltes auf, als sie sich im Bette aufkniete und den Oberkörper scharf nach rechts herumdrehte, um zum Fenster hinaus in den, Garten zu sehen, wo die Krankenschwestern arbeiteten. Dieser Anfall war so stark, daß die Krankenschwestern zu ihrer in Waldsassen wohnenden Patin Frau Forster, der Schwester ihres Vaters, später sagten, sie hätten gemeint, jetzt gehe es mit. der Resl dahin. Die Krämpfe waren von Bewußtseinsverlust begleitet. Bei ihrem Beginn zuckten ihr dabei die nach der Handfläche eingebogenen Finger. Allmählich wurde dann der Körper unter kleinen Zuckungen starr. Die Behauptung, Therese Neumann habe im Waldsassener Krankenhaus auch Blutbrechen gehabt, wird von ihr ganz entschieden als falsch bezeichnet. Dagegen blieb vom April 1918 an die Menstruation aus, trat aber im Juli 1918 einmal wieder auf, um vom Sommer 1918 und zwar offenbar von Anfang August an ganz aufzuhören. Durch Einnehmen einer sehr starken Arznei, die ihr im Jahr 1920 oder 1921 - das Jahr ist nicht mehr genau in der Erinnerung der, Therese Neumann und ihrer Angehörigen - ein Naturheilkundiger gab und deren Art nicht festgestellt werden konnte, wurde ein ganz geringfügiges Wiederauftreten der monatlichen Funktionen erreicht. Da sie aber gleichzeitig fast sterbenskrank wurde, hörten die Angehörigen erschreckt mit dem Eingeben dieser Arznei auf. Abgesehen von diesem Zwischenfall, so erzählt ihre Mutter, hat Therese Neumann also vom Sommer 1918 an bis heute nicht mehr menstruiert.

Auch im Waldsassener Krankenhaus litt Therese Neumann an den vorhin geschilderten Blasen- und Darmstörungen. Es war ihr aber um so leichter möglich, diese sie sehr beschämenden Erscheinungen auch vor den Krankenschwestern zu verbergen, weil sie täglich als Gesamtmenge der Nahrung wegen der angeblichen Magensenkung nur sehr wenig, zeitweilig nur eine Tasse Milch erhielt, und deshalb die natürliche Ausscheidung naturgemäß ohnehin auf eine ganz geringe Menge zurückging.

Der fortwährende fürchterliche Hunger gab ihr schließlich den Gedanken ein, heimlich das Krankenhaus zu verlassen; auch konnte sie die Ruhe nicht mehr ertragen und wurde von steigendem Mißtrauen gegen den Arzt erfüllt, so daß die Krankenschwestern ihr die Kleider versteckten, um ein heimliches Entweichen zu verhindern. Schließlich wurde sie von Dr. Goebel auf ihr eigenes Verlangen am 10. Juni 1918 entlassen. Er erklärte ihr aber beim Abschied, daß sie noch nicht geheilt sei. Therese Neumann blieb auch weiter in seiner Behandlung, damit sie des Krankenkassengeldes nicht verlustig ging. Sie erschien zeitweilig in seiner Sprechstunde in Waldsassen. Sie benutzte zur Fahrt dorthin, die Postkutsche, da ihr, das Gehen der 6,2 km zu große Mühe machte.

Der Sturz von der Leiter- im elterlichen Stadel um den 1. August 1918

Nach der Heimkehr aus dem Waldsassener Krankenhaus setzte Therese Neumann ihre Versuche, sich nützlich, zu machen, fort, obwohl ihr Siechtum in allen wesentlichen Äußerungen 'das gleiche geblieben war. Diese Versuche führten etwa am Ende des Juli oder Anfang des August 1918 zu einem neuen schweren Unfall. Sie hatte es übernommen, im elterlichen, Stadel Garbenbänder für die Getreideernte herzurichten. Diese Bänder werden von Jahr zu Jahr aufbewahrt, müssen aber jeweils. vor der neuen Verwendung frisch gedreht werden. Sie wurden im elterlichen Stadel auf einem etwa mannshohen" Bansen", das ist ein den halben Stadel in einer Höhe von 1,90 m vom Erdboden durchziehender Querboden aufbewahrt, den man mittels ,einer. Leiter erreicht, die zum Dachboden hinaufführt. Als Therese Neumann die guten und schlechten Bänder auseinandergesucht und zurechtgelegt hatte und auf dem Rückweg von dem Bansen gerade auf die Leitersprosse treten wollte, fiel sie rücklings hinunter uns schlug mit dem Kopf voraus auf dem festgestampften Lehmboden auf. Es erfaßte sie ein Krampf und sie verlor das Bewußtsein. Wie sie wieder zu sich kam, war sie stark benommen. Als sie ihre .Umgebung wieder erkannte, sah sie sich am Boden liegen, mitten in einem Kreise von Kindern des Ortes, die durch das offene Tor hereingekommen waren und sie neugierig betrachteten. So fand sie die Mutter, die sich inzwischen auf das Feld begeben hatte, um Hafer zu holen, wozu sie eine gute Stunde benötigte. Sie hob ihre Tochter auf und brachte sie, sie stützend, ins Bett, das sie zwei bis drei Wochen hüten mußte. Wie beim Sturz von der Kellerstiege hatte sie auch diesmal sehr starke Schmerzen im Kopf und in den Augen, die ihrem Gefühl nach aus ihren Höhlen quellen wollten. Das Schmerzgefühl in den Augen ging während der erzwungenen Ruhe wieder vorüber, der Kopfschmerz milderte sich, blieb aber in der Stärke, in der er seit dem Sturz von der Kellerstiege bestand.

Während der Zeit der Bettlägerigkeit nach diesem Sturz von der Leiter bemerkte sie zweifelsfrei das Auftreten von Sehstörungen. Sie war anfänglich so benommen gewesen, daß sie stumpf und teilnahmslos dagelegen hatte. Als die Ruhe sie wieder etwas gekräftigt hatte, kam sie auf den Gedanken, sich die Zeit mit Lesen zu verkürzen. Wie sie das erste Mal zu lesen begann, nahm sie Flimmern vor den Augen und schwarze Punkte und Fäden im Gesichtsfeld wahr. Die Augen ermüdeten rasch, doch schmerzten sie sie nicht. Eine Änderung der Sehschärfe gegen früher ist ihr nicht aufgefallen. Therese Neumann beantwortete meine Frage, ob sie; bemerkt habe, daß diese Störungen nur auf einem Auge bestanden hätten oder auf beiden, also doppelseitig gewesen wäre, dahin, sie wären ihrer Beobachtung nach doppelseitig gewesen. Sie habe früher in ihrer gesunden Zeit wegen der außerordentlichen Inanspruchnahme mit Arbeit sehr wenig Zeit zum Lesen gehabt; sie sei also nicht an längeres Lesen gewöhnt gewesen, und deshalb nach dem Unfall, als sie nicht mehr die gewohnte Arbeit tun konnte, auch zunächst nicht auf den Gedanken gekommen, mehr zu lesen. Sie habe sich vielmehr untertags möglichst viel von solchen Arbeiten gesucht, die sie noch leisten zu können glaubte. Da ihr das Nichtstun unerträglich war, habe sie sich eben möglichst nützlich gemacht. Die Ernährungsstörungen hätten außerdem einen solchen Rückgang ihrer Körperkraft herbeigeführt, daß sie abends zum Lesen zu müde gewesen sei. Im Waldsassener Krankenhaus sei ihr, ebenso wie den andern Patientinnen des Saales nur wenig Lesen gestattet gewesen; so habe sie also auch zu dieser Zeit keine besonderen Beobachtungen über das Verhalten ihrer Augen beim Lesen machen können. Diese Sachlage habe sich erst im Sommer geändert, wo sie - beginnend mit dem Sturz von der Leiter nach den Unfällen immer längere Zeit bettlägerig gewesen und so dazu gekommen sei, allerlei zu lesen. Die Störungen habe sie vor allem beim Lesen ihres Gebetbuches bemerkt, da dieses einen besonders kleinen Druck habe. Aber sie traten auch beim Lesen von Druckschriften mit größeren Buchstaben auf. Bestimmt könne sie sich erinnern, daß sie die geschilderten Störungen ganz deutlich im August 1918 nach dem Fall von der Leiter im elterlichen Stadel bemerkt habe, wo die lange Bettlägerigkeit von 2-3 Wochen sie veranlaßte, mehr zu lesen. Damals sei sie erstmals über dieses neue Leiden richtig stutzig geworden, das sie in ihrem religiösen Leben erheblich störte. Das Ausmaß der Störungen sei nicht dauernd das gleiche gewesen. Mit der Besserung der Allgemeinerscheinungen durch eine längere Bettruhe, vor allem mit der Abschwächung der Kopfschmerzen und der Rückkehr der Gehfähigkeit, hätten sich auch die Augenstörungen gemildert, um bei neuen Unfällen ebenso wie die, anderen Beschwerden verstärkt einzusetzen. Daß ihre Sehschärfe nach dem Sturz von der Leiter geringer geworden sei, glaubte Therese Neumann verneinen zu müssen. Sie meinte, bei solchen Arbeiten, wie Unkraut ausjäten und besonders Gänse rupfen, was sie noch am 19. Oktober 1918 ausführen konnte, wäre ihr eine verminderte Sehschärfe wohl aufgefallen. Sie habe aber eine Behinderung in der Arbeit durch mangelnde Sehschärfe nicht bemerkt.

Arbeitsversuche und Unfälle vom August bis zum Oktober 1918

Nach dem Sturz von der Leiter im elterlichen Stadel begegnete ihr erstmals, daß sie ohnmächtig im Krampf zusammenstürzte, wenn sie ihre Schürze oder ihren Unterrock auf dem Rücken zusammenbinden wollte und zu diesem Zwecke die Arme nach hinten bog. Es fiel ihr auf, daß dies stets beim Anlegen eines bestimmten Unterrocks eintrat, der hinten schwierig zu schließen war. Deshalb zog sie in der Folgezeit diesen Rock überhaupt nicht mehr an. Derselbe Unfall stieß ihr zu, als sie einmal versuchte, ihr Rückgrat abzutasten, um zu erkunden, ob nicht irgend etwas "Abnormes" bemerkbar wäre. Darauf ließ sie von derartigen Versuchen ab. Ein andermal stürzte sie im elterlichen Keller zusammen und zwar aus folgendem Anlaß. Sie wollte einen Milchtopf holen, der zur Kühlung in eine Wasserbütte gestellt war. Um ihn zu erreichen, mußte sie sich in die Bütte hineinneigen. Da sie sich ja nicht zu bücken vermochte, mußte sie sich aufs Knie niederlassen und dann den Oberkörper über den Rand der Bütte hineinbeugen. Sie lag nicht ganz eine halbe Stunde am Boden. Ein andermal begegnete ihr der Unfall, als sie sich zu einer Mäusefalle bückte, die sie in ihrem Zimmer aufgestellt hatte. Sie hatte dabei vergessen, sich vorher aufs Knie niederzulassen und den Oberkörper stark zu beugen versucht. Dann wieder verunglückte sie, als sie im Garten des Neumannschen Wirtsanwesens Gemüsebeete jäten wollte. Sie hatte sich zwar zur Vorsicht einen Schemel mitgenommen, auf den sie sich setzte. Als sie sich aber von diesem niederbeugte, das Gras auszureißen, erlitt sie doch den Krampf. Nach den Berichten der Angehörigen ist sie bei solchen Unfällen von Sinnen gewesen und es hat sie "ein bisserl gerissen, wie wenn sie Krämpfe hätte". Der Mund war zusammengedrückt und die Hände eingezogen.

Therese Neumann schilderte die Schmerzgefühle, die sie bei diesen Unfällen wahrnahm, folgendermaßen: Sie habe plötzlich einen starken Schmerz im Kreuz gefühlt. Von dort ausgehend habe sich der Schmerz in die Glieder verbreitet. Er sei bis zu den Füßen herunter"geklettert"; ebenso in die Hände, die er zuckend zusammengezogen habe. Dann sei er ins Genick und den Hinterkopf gedrungen. Sie habe diesen letzteren Schmerz als einen "furchtbar stark ziehenden" empfunden, "wie wenn innen" sie wies auf das Rückgrat - "was zu kurz ist und angezogen wird, und zwar bis ins Genick und den Hinterkopf". Dann sei sie ohnmächtig geworden. Später, als ihre Glieder gelähmt waren, habe sie während der Dauer der Lähmungen in diesen besonders in den unteren Gliedern keine Schmerzen gespürt. Wenn die Bewußtlosigkeit auftrat, haben ihre Eltern später mit ihr des öftern Atembewegungen gemacht. Einmal, als sie sechs Tage hindurch ohnmächtig und im Krampf lag, haben sie ihr eine Feder vor die Nase gehalten, um zu sehen, ob sie noch lebt, so gering war die Atmung. Der Anlaß zu diesem Krampf und dieser Ohnmacht war nicht mehr festzustellen. Die Krämpfe dauerten manchmal immer wieder angehend stundenlang. Doch trat diese Verschlimmerung erst mit der völligen Bettlägerigkeit auf

Nach derartigen Unfällen war sie stets eine Zeitlang bettlägerig. Die Krankheitssymptome selbst waren verstärkt. Durch das Liegen aber besserte sich jeweils ihr Zustand. Die Schmerzen gingen auf das gewohnte Maß zurück. Sie konnte wieder gehen. Doch blieb der Gesamtzustand der gleiche, Wenn sie wieder aufstand, hatte sie auch wieder das Gefühl im Kreuz, als habe sie dort keinen Halt mehr. Ebenso blieben Kreuz- und Gürtelschmerz. Die Haltung des Körpers war dauernd die gleiche, wie sie nach dem Unfall beim Brand aufgetreten war. Auch die Blasen- und Darmstörungen hielten in der Form an, wie sie sich nach dem Sturz von der Kellerstiege eingestellt hatten. Doch gelang es Therese Neumann immer noch, vor jedermann zu verheimlichen, daß sie daran litt. Da sie nach der Rückkehr vom Waldsassener Krankenhaus den ganzen Sommer und Herbst hindurch bis zu dem Unfall am Kirchweihsamstag wieder mit ihrer Schwester Ottilie zusammen schlief, glaubte ihre Mutter auch jetzt noch immer, diese leide an diesen Störungen.

Auch in den Zeiten, in denen sie herumzugehen vermochte, litt sie an Brechreiz, der besonders dann auftrat, wenn sie feste Speisen genoß. Deshalb wurde ihre Hauptnahrung Mehlbrei, "Kindermus", wie sie sagte. Die Not an Nahrungsmitteln im letzten Kriegssommer und die damalige Bedrängnis zeigt sich in der Art, wie dieses gewonnen wurde. Da Weizenmehl, das ihr besonders bekömmlich war, nicht zu kaufen war, wurde Weizen, den der Vater schickte, in einer kleinen Schrotmühle gemahlen, die als Kaffeemühle für die große Familie heute noch benützt wird, dann von der Kleie durch Sieben mittels Mehlsieb befreit und als Mus zubereitet. Dieses Weizenmus behielt sie meist bei sich, zumal wenn sie sich gleich nach dem Essen niederlegte. Wenn sie schwerer aß, z. B. Fleisch, zumal Schweinefleisch, so spürte sie Brennen im Magen und Hals. Das Wasser trat ihr im Mund zusammen und es würgte sie sehr stark. Da Lebensmittel damals sehr knapp waren und die elterlichen Birnbäume reiche Ernte trugen, hatte sie oft ein Gelüste nach Birnen. Aber jedesmal, wenn sie einige gegessen hatte, traten diese Beschwerden besonders heftig auf. Beim Trinken und Essen von Brei wurde sie aber nicht davon geplagt.

Dr. Goebel verordnete ihr gegen die Magenbeschwerden Wismut, gebrannte Magnesia und Belladonnaextrakt ; auch erhielt sie gelegentlich Karlsbader Salz. Zur Kräftigung verschrieb er ihr weiter Arsen-Eisen-Tinktur. Andere Arzneien ließen sich nicht mehr feststellen.

Wie ich berichtet habe, hatte sich Therese Neumann infolge der Durchnässung bei der Löscharbeit am 10. März 1918 einen heftigen Husten zugezogen. Er hatte sie seither nicht mehr verlassen, sondern sich sogar sehr verschärft, und würgte sie schließlich wie ein starker Keuchhusten. Dazu hatten sich ständig stärker werdende Stiche in der rechten Brustseite gesellt. Dr. Goebel verschrieb ihr dagegen neben Codein, Dionin und Morphium auch Aspirin und Lösungsmittel. Da aber dieses Leiden hartnäckig anhielt, beschloß die Mutter, heimlich neben Dr. Goebel, der ihre Tochter als Kassenpatientin weiter behandelte, diese als Privatpatientin von einem alten Arzte untersuchen zu lassen, der in der Gegend einen großen Ruf hatte. Es war dies Dr. Wilhelm Burkhardt, wohnhaft in Hohenberg a. d. Eger, der regelmäßig in Arzberg Sprechstunden abhielt. Arzberg ist etwas über 7 km von Konnersreuth entfernt; zwischen diesem Ort und Konnersreuth bestand damals noch kein Postkutschenverkehr. Diesen Weg hin und zurück zu Fuß zu machen, war Therese Neumann aber bei ihrem Zustand unmöglich. Freundliche Arzberger, namens Sonntag, Nothaft und Kammermüller, ließen sie bei Geschäftsfahrten teils die ganze Strecke, teils Teile derselben hin oder zurück mitfahren. Stets mußte sie aus Sorge vor Krampfanfällen ein Angehöriges meist war es eine Schwester begleiten und stützen. Einmal hatten sie keine Gelegenheit zur Rückfahrt, so daß sie wohl oder übel versuchten, zu Fuß nach Hause zu gehen. Da Therese Neumann sehr stark schwitzen und sich jeweils nach einigen Schritten niedersetzen mußte, so brauchten sie etwa vier bis fünf Stunden und kamen so in die Nacht hinein. Die beiden jungen Mädchen fürchteten sich sehr, so allein in der Dunkelheit auf der Landstraße zu wandern. Besonders die fünfzehnjährige Ottilie, die sie diesmal begleitete, wurde angesichts der Hilflosigkeit der Schwester und deren Anfälligkeit für Krämpfe von der Angst, ob sie .sie überhaupt nach Hause bringen werde, so erfaßt, daß sie schließlich laut weinend neben ihr herging. Nach diesem Marsch war Therese Neumann völlig "kaputt" und mußte vierzehn Tage zu Bett liegen. Es war daher für sie eine große Erleichterung, als Dr. Burkhardt sie in Konnersreuth besuchte, sooft er dort mehrere Patienten hatte.

Therese Neumann berichtet, Dr. Burkhardt habe sie bei der ersten Befragung, bei der sie sich vor allem über den schon so lange anhaltenden Husten und die starken Schmerzen in der rechten Brustseite beklagte, auf diese Beschwerden untersucht und eine trockene Rippenfellentzündung festgestellt, gegen die er Tropfen und Mittel zum Einreiben sowie Tee zum Schwitzen verordnete. Eine Magensenkung erklärte er als nicht vorliegend. Als sie sich ihm wieder vorstellte, konnte sie ihm berichten, daß der Husten und die Brustseite besser geworden seien. Sie habe aber außerdem dauernd über Kreuzweh zu klagen, auch seien ihr die Füße ganz "pelzig" usw. Kurz, sie schilderte ihm etwas ihr dauerndes Leiden. Dr. Burkhardt untersuchte sie darauf genau und lange, so daß sie sehr fror. Er untersuchte vor allem eingehend den Rücken, den er mit der Hand herunterstrich. Hierbei fühlte sie jedesmal einen starken Schmerz und es gab ihr gleichzeitig immer einen Riß, sobald er mit der Hand auf die schmerzende Stelle im Kreuz drückte. Er beklopfte ferner mit einem Hämmerchen die Knie, wobei das linke Bein sich weniger bewegte als das rechte. Darauf fragte er sie, ob sie einmal irgendwo heruntergefallen sei oder schwer gehoben und sich dabei weh getan habe. Sie möge genau nachdenken. Es könnte vielleicht schon vor Jahren geschehen sein, aber sie müsse sich irgend einmal etwas getan haben. Sie solle ihm sagen, seit wann sie die Schmerzen im Kreuz spüre. Sie antwortete: Seit dem Brand. Einen besonderen Schmerz aber habe sie damals, als sie den Knicks im Kreuz empfand, nicht gespürt. Darauf fragte Dr. Burkhardt, was damals vorgefallen sei, und Therese Neumann mußte ihm genau schildern, wie es ihr bei der Löscharbeit ergangen sei und welche Folgen sie davongetragen habe. Die Blasen- und Darmstörungen verschwieg sie, weil sie sich ihrer schämte. Als sie geendet hatte, sagte ihr Dr. Burkhardt nur: "Ja, Kind, da haben wir's schon. Das kann noch lange dauern. Sie können aber auch plötzlich mal zusammenbrechen."

Therese Neumann spricht heute noch mit großer Verehrung von diesem Arzte, dessen Wesen ihr starkes, Vertrauen einflößte. Er sei ein "braver, lieber, alter Mann" gewesen und habe sich die Zeit nicht reuen lassen, sich gründlich mit ihr zu befassen. Bedauert habe sie nur immer, daß er nie genauer gesagt habe, wofür er ihr Leiden halte. Ihn direkt zu fragen, habe sie "keine Schneid" gehabt, und doch hätte sie brennend gern gewußt, wie sie mit sich daran sei. Er habe ihr zwar Trost zugesprochen, aber sie habe doch bemerkt, wie er bei der Untersuchung wiederholt bedauernd mit den Achseln gezuckt habe, wenn er meinte, sie könne es bei ihrem abgewandten Antlitz nicht sehen. Sie wird bei dieser Erzählung ganz erregt und schildert, während ihr bei der Erinnerung die Tränen in die Augen treten, "wie hart es ihr damals gewesen" sei, daß sie "siech" geworden war. "Denken's, Herr Doktor, ein junger Mensch, der sich auf den Beruf freut, den er erkannt hat. Und ich wollte doch Missionsschwester werden, ich hätte nie gedacht, daß es anders möglich sei, und ich hätt's auch durchgesetzt, meinen's nicht? Und nun so !"

Wegen ihrer Magenstörungen riet ihr Dr. Burkhardt Schafgarbentee zu trinken. Auch gab er ihr etwas zum Einreiben .des Rückens. Als sie ihm aber bei einem späteren Besuch meldete, daß kein Erfolg bemerkbar sei, ließ er hiervon ab.

Der Sommer und Herbst des Jahres 1918 vergingen also ohne Besserung des Gesundheitszustandes der Therese Neumann. Doch konnte sie sich bis jetzt noch ziemlich viel außerhalb des' Bettes aufhalten und herumbewegen. Die Ruhe und gestreckte Lage im Bett führte nach den einzelnen Unfällen jeweils zu einer gewissen Rückbildung der gleich darnach verstärkt aufgetretenen Krankheitserscheinungen. Denn die Zeiten der Bettlägerigkeit folgten - soweit ich feststellen konnte - regelmäßig auf Unfälle.

Der Sturz am Kirchweihsamstag, dem 19. Oktober 1918

Am Sonnabend, dem 19. Oktober 1918, sollte ihr bei einer. Arbeitsversuch ein neuer schwerer Unfall zustoßen. An diesem Tage, dem Vortag des Kirchweihfestes, an dem im Neumannwirtshaus viel vorzubereiten war, übernahm Therese Neumann von ihrer dort bediensteten Schwester Marie den Auftrag, eine Gans zu rupfen. Sie machte sich auch sofort an die Arbeit. Sie vermochte beim Rupfen auch die kleinen Federchen und Kiele in der Haut zu sehen. Nach kurzer Zeit kam ihr der Gedanke, daß es zweckmäßiger wäre, die gerupften Federn sofort in ein Sieb zu sammeln. Sie stieg deshalb auf den Getreideboden, ein solches zu holen. Der Getreideboden der Neumannwirtschaft ist - weil sich unter ihm der Saal befindet - mit starken und ziemlich hohen Längsbalken durchzogen, die sich über dem Fußboden erstrecken und die nicht durch Säulen unterstützte Saaldecke tragen. Da sie das hochhängende Sieb nicht anders erreichen konnte, kletterte sie auf einen solchen Balken. Mit der linken hocherhobenen Hand suchte sie sich an einem der dort von der Decke frei herabhängend aufbewahrten, mit Federn gefüllten Säcke festzuhalten, mit der rechten langte sie nach dem Sieb. Dabei wich der freihängende Federsack aus, sie verlor auf dem Balken den Halt, fühlte einen heftigen Schmerz im Kreuz, stürzte rückwärts hinunter, schlug mit dem Hinterkopf am Boden auf und blieb ohnmächtig liegen. So lag sie ungefähr eine Stunde, als die Schwestern sie vermißten. Zwei machten sich einen Krampfanfall befürchtend auf die Suche und fanden sie - "noch nicht ganz bei sich" - am Boden liegend. Sie versuchten sie aufzurichten. Doch konnte sie sich nicht aufrecht halten. Ihre beiden Schwestern mußten sie in ein Bett der Wirtschaft schleppen, in dem sie sie - jede an einer Seite ihr unter den Arm fassend - trugen, während ihre Beine am Boden und auf der Treppe nachschleiften. Sie fühlte eine außerordentliche Verstärkung des Kopfschmerzes, auch schienen ihr die Augen wieder aus den Höhlen quellen zu wollen. Als ich ihr die Frage vorlegte, ob sie hier schon etwas von der späteren Sehschwäche bemerkt habe, erklärte sie, sie sei nach dem Sturz zunächst "so damisch gewesen", daß sie gar nichts wahrgenommen habe. Nachdem sie in der Neumannwirtschaft ein paar Stunden geruht hatte, schleppten sie die Schwestern in das elterliche Haus, indem sie sie in der gleichen Weise wie vorher zu zweit halb tragend stützten. Sie hatte infolge der Ruhe soviel Bewegungsfähigkeit in den Beinen zurückgewonnen, daß sie allerdings nur sehr mühsam und langsam die Füße voreinander setzen konnte. Doch vermochte sie sie nicht vom Erdboden zu erheben, sondern mußte sie am Boden schlurfen lassen, wie man es bei alten gebrechlichen Leuten beobachtet. Als sie durch die Straße zum Elternhause geführt wurde, sah sie schlecht. Alles war verwischt. Bei der Begegnung mit der Mutter im Elternhaus vermochte sie diese nicht recht wahrzunehmen. -Therese Neumann vermag aber nicht mit Sicherheit zu sagen, ob die Ursache dieser Sehschwäche in ihren Augen oder in ihrem Allgemeinbefinden lag. Sie äußerte sich dahin: "Ich war noch damisch und bin gleich ins Bett gelegen. Die Augen hab ich meist zugehalten, weil mir so schlecht war." Auf meine Frage, ob sie nicht irgendwelche Beobachtungen gemacht habe, antwortete sie, sie hätte wegen zuviel Schmerzen im Kopf und Rücken keine Beobachtungen machen können. Im Elternhaus wurde sie in ein Bett der Giebelstube im ersten Stock gelegt.

Am nächsten Tag, am Kirchweihsonntag, dem 20. Oktober 1918, fühlte sie sich immer elender werden, so daß sie meinte, "es gehe jetzt mit ihr dahin". Sie konnte die Zimmereinrichtung nicht klar erkennen. Ihr war so elend, daß sie viel lieber liegen geblieben, als aufgestanden und zur Kirche gegangen wäre. Da sie aber ihre gewohnte Pflicht des sonntäglichen Kirchenbesuchs nicht versäumen und gerade wegen ihres elenden Zustandes sie befürchtete sterben zu müssen beichten und kommunizieren wollte, entschloß sie sich, alle Kraft zusammenzunehmen. Als sie noch im Bett lag, griff sie nach dem Gebetbuch, um sich auf den Sakramentenempfang vorzubereiten. Dabei bemerkte sie, daß sie das Buch nur "dumpf" sehen konnte. Die Buchstaben erkannte sie überhaupt nicht mehr, ebenso nicht die Linien. Sie bemerkte nur, daß "etwas Schwarzes auf dem Weißen gewesen ist". Sie gab darauf ihren Versuch zu lesen auf, kleidete sich mit Hilfe an und ging, von ihrer Schwester Agnes gestützt, zur Kirche. Auf dem Wege sah sie alles "wie im Nebel", obwohl es Vormittag und ein heller Tag war. Die Helligkeit des Tages ließ sie es wahrnehmen, wenn ihr Leute begegneten. Ihre Gesichter aber konnte sie nicht erkennen. Sie konnte überhaupt niemanden mehr mit den Augen erkennen. Dabei sagte sie sich: "Ja nichts sagen, daß die Mutter sich nicht aufregt. Es wird schon wieder vorübergehen." Beim Beichten konnte sie sich nur mit größter Mühe und indem sie sich an der Beichtstuhl anlehnte, auf beide Kniee niederlassen. An der Kommunionbank gelang ihr dies sogar nur für einen kurzen Augenblick. Die Kircheneinrichtung sah sie nur undeutlich. Den Weg zum Beichtstuhl und zur Kommunionbank fand sie, weil sie die Plätze genau kannte. Das Hochamt hielt sie nicht mehr aus, sondern mußte nach Hause gebracht werden, wo sie wieder in der oberen Stube niedergelegt wurde.

In der Hoffnung auf die Wirkung eifrigen Gebetes ließ sie sich abends nochmals in die Kirche geleiten, indem man sie rechts und links stützte und mehr trug als führte. Aber es wurde ihr sofort wieder schlecht, sie wurde schwindelig. Es drohte Bewußseinsschwund. Sie mußte sich heimbringen lassen. Die Sehfähigkeit war noch geringer geworden. Am Kirchweihmontag, dem 21. Oktober 1918, konnte sie sich beim Auf stehen nicht auf den Füßen halten, sondern mußte sich sofort wieder niederlegen. Die Mutter vermutete einen Anfall von Grippe, wie sie bei ihr selbst und den übrigen daheim befindlichen Mitgliedern der Familie, mit Ausnahme der Schwester Kreszentia, schon ausgebrochen war. Es war ja gerade die Zeit einer großen Grippeepidemie. Die Sehschwäche nahm während des Montags steigend zu, so daß sie, wie das folgende zeigt, in der Nacht vom Montag zum Dienstag im wesentlichen nur mehr hell und dunkel unterscheiden konnte.

Der Eintritt der völligen Bettlägerigkeit und der Winter 1918/19

Am Kirchweihdienstag, dem 22. Oktober 1918, mußte Therese Neumann früh morgens, kurz nach Mitternacht, einmal auf den Krankenstuhl gehen. Beim Sitzen sackte sie völlig zusammen und konnte sich kaum mehr aufrichten. Es erschienen ihr dabei alle Farben vor den Augen. Sie mußte ins Bett getragen werden. Ihr wurde so elend, daß sie um 2 Uhr in der Frühe ihre Mutter bat, den Pfarrer zu holen, der sie auch mit den Sterbesakramenten versah. Dabei sah sie den Pfarrer nur mehr als eine weiße Gestalt - wegen seines weißen Chorrockes dastehen- und unterschied ihn von dem Ministrantenknaben allein durch die Größe. Die Stubeneinrichtung selbst konnte sie nicht erkennen.

In diesen Tagen nach dem Kirchweihsonntag (20. Oktober 1918) befand sich die Familie Neumann also in folgender bejammernswerter Lage. Der Vater stand beim Heer in Lüttich. Die Mutter, die ; damals die hauptsächlichste Ernährerin der Familie war, war grippekrank. Ebenso befanden sich alle ihre Kinder, auch die sonst im Dienst befindlichen, mit Ausnahme der Tochter Kreszentia, krank im Elternhause. Denn sie litten ebenfalls an der Grippe. Auch ihre Tochter Therese war von ihr erfaßt, sie hatte einen heftigen Husten zu den übrigen Leiden hinzuerhalten und schien sogar jeden Augenblick sterben zu sollen. So entschloß sich der Bürgermeister, die Beurlaubung des Vaters zu beantragen, der dann auch bald in Konnersreuth eintraf, in der Überzeugung, seine Tochter Therese liege im Sterben. Als er an ihr Bett trat, vermochte sie ihn nicht mehr zu erkennen.

Bevor er aber heimkam, war es der Mutter gelungen, ärztliche Hilfe für ihre kranke Familie zu gewinnen, was damals nicht leicht war. Denn die Grippe herrschte - allenthalben sehr stark, und es war für die Einwohner von Konnersreuth, in dem kein Arzt ansässig war, schwierig, einen Arzt zu erreichen. Dr. Burkhardt wurde ebenfalls durch die Epidemie in seinem engeren Wirkungskreis um Hohenberg festgehalten. Kam zufällig irgendein Arzt nach Konnersreuth, so wurde er sogleich von vielen um Rat gebeten. Die Ärzte nahmen auf diese Umstände Rücksicht und suchten der Not zu wehren, indem sie möglichst in jedes Haus gingen, wohin man sie rief. Zufällig kam der Arzt Hitzelsberger aus Mitterteich am 23. Oktober nach Konnersreuth. Die Mutter, die davon erfahren hatte, bat ihn, auch ihre kranke Familie zu untersuchen. Die Kranken lagen sämtlich in dem Giebelzimmer. Therese erzählt, wie der Arzt von einem zum andern gegangen sei und gesagt habe: "Du wirst wieder gesund." Zu ihr habe er gesagt: ;,Du wirst schon wieder gesund werden." Sie habe den Unterschied im Wortlaut wohl gemerkt und sei auf den Arzt böse gewesen. In ihrem Zorn habe sie nach seinem Fortgang sein Urteil in seinem Tonfall oft nachgesprochen. Ein heute noch im Besitze ihres Vaters befindliches Rezept dieses Arztes für eine "Tochter Neumann", das übliche Arzneien gegen die Grippe verordnet, aber eben wegen seiner allgemeinen Angabe der Patientin nicht sicher auf Therese Neumann zu beziehen ist, trägt die Zeitangabe: "Konnersreuth 23. X. 18". Für Therese Neumann verordnete Hitzelsberger am gleichen Tage Kampfer und am folgenden oder nächstfolgenden Tage Digitalis, also Mittel zur Herzbelebung.

In der oberen Stube, in der Therese Neumann lag, befanden sich - wie schon gesagt auch die übrigen Grippekranken der Familie, von denen einige bereits außer Bett weilen konnten, während andere noch bettlägerig waren und der Sohn Engelbert im Fieberdelirium laut sang. Von Therese Neumann nahm die Mutter an, daß sie jeden Augenblick an der Grippe sterben könnte. Damit sie, die unten in der Küche und im Stall zu tun hatte, ihre Tochter leichter beobachten und versorgen konnte, trug sie sie auf ihren Armen in die Arbeitsstube zu ebener Erde hinunter, Dabei bekam Therese Neumann, der bei ihrer Schwäche der Kopf tief über der Mutter Arm hinabsank, einen ganz schweren Krampf mit Bewußtlosigkeit. Sie vermochte neun Tage lang die Augen überhaupt nicht zu öffnen; zog man ihr die Lider auseinander, so zeigte sich, daß die Pupillen nach oben zu den Nasenwinkeln standen. Man sah fast nur das Weiße der Augäpfel. Dabei schmerzte sie der Kopf und alle Glieder heftig; ebenso die schmerzhafte Stelle im Kreuz. Als sie wieder aus eigener Kraft die Augen öffnen konnte, hatte sich eine Besserung der Sehfähigkeit nicht eingestellt. Irgendeinen Lichtschimmer während dieser Zeit wahrgenommen zu haben, kann sie sich nicht erinnern.

Mit ihren Augen hat sich der Arzt Hitzelsberger nach Therese Neumanns Erinnerung eingehender beschäftigt. Er hielt ihr Gegenstände vors Auge, die sie bezeichnen sollte. Da sie sie nicht zu erkennen vermochte, langte sie mit der Hand darnach, was ihr der Arzt untersagte. Sie erfuhr hernach, daß er seine Uhr, seine Schlüssel und sein Messer ihr vor die Augen gehalten hatte. Am 27. bzw. 28. November 1918 erhielt sie von ihm Morphium muriat. 0,2, Atropin sulfur. 0,02/20,0, Spirit. 10,0 verordnet, also ein Mittel, das Schmerzen lindern und vielleicht auch auf die Augen wirken sollte. In dieser Zeit der Hochflut der Grippeepidemie hat `offenbar aus den angegebenen Gründen auch Dr. Frank-Waldsassen gelegentlich die Familie Neumann besucht. Ob er jetzt schon auch Therese behandelte, ist nicht sicher festzustellen. Gewiß ist nur, daß es im Januar geschah.

Auch nach dem Unfall am Kirchweihsamstag 1918 dauerten die Blasen- und Darmstörungen bei Therese Neumann weiter an. Da sie nun dauernd bettlägerig war, erhielten die Eltern jetzt von ihnen Kenntnis. Die Mutter gab ihr sogenannte Wickelkinder-Kissen zum Unterlegen, damit das Unterbett, das ihr über den Strohsack gebreitet war, etwas geschont würde. Gummiunterlagen kannte die Mutter nicht. Offenbar weil Therese Neumann nicht mehr viel trank und fast gar nichts Festes, sondern meist nur ein wenig Breiiges aß, waren die Ausscheidungen nicht häufig. Manchmal in Zeiten, wo ihr etwas leichter war, wie sie sich ausdrückte, merkte sie die Ausscheidungen, doch konnte sie sie nicht halten. Die Flecken sind aus dem Bettzeug nicht mehr herausgegangen. Bei den Darmausscheidungen wandte die Mutter meist das Verfahren an, sie eine Zeitlang auf den Krankenstuhl zu setzen, bis durch das Aufrechtsitzen der Stuhl von selbst abging. "Eine Anstrengung dazu hat nichts genützt. Das war nicht so, daß man sich hätte helfen können." Als ich sie fragte, ob sie unter "Anstrengung" die Tätigkeit der Bauchpresse verstehe, sagte sie, sie wisse das nicht mehr. Auch der Brechzwang blieb.

Vom November 1918 an besuchte Dr. Burkhardt wieder seine frühere Patientin in Konnersreuth. Das Nachlassen der Grippeepidemie gab ihm dazu die Möglichkeit. Er untersuchte sie sehr eingehend und erfuhr jetzt auch von den Blasen- und Darmstörungen. Therese Neumann berichtete, er habe erneut ihren Rücken untersucht und ihr mit Nadeln an den verschiedensten Stellen in die Beine gestochen - auch die Mutter konnte sich dessen erinnern und ihr befohlen anzugeben, wo sie Schmerz fühle. Sie aber habe nichts gespürt, obwohl die Eltern ihr nachher sagten, die Stichstellen hätten geblutet. Da sie so gelagert war, daß sie von diesen Maßnahmen nichts sehen konnte sie hätte übrigens, wie sie sagte, auch wegen der Sehschwäche ihrer Augen das Stechen nicht wahrnehmen können so suchte sie mit den Händen die Beine abzufühlen, was Dr. Burkhardt aber nicht zuließ. Bei dieser Untersuchung murmelte er oft vor sich hin: "Schlimme Geschicht, schlimme Geschicht." Er kam dann auf ihre Augen zu sprechen und fragte sie, ob sie nicht einmal mit dem Kopf aufgefallen sei. Sie antwortete, sie sei öfters gefallen und zwar sei sie das erste Mal schon gleich im Frühling beim Sturz von der Kellerstiege mit dem Hinterkopf aufgeschlagen.

Dr. Burkhardt riet ihr an, ruhig zu liegen und ermahnte die Angehörigen, ja recht vorsichtig zu sein, wenn sie sie aus dem Bette und wieder zurückhöben. Therese Neumann erklärte mir, sie habe in ihrem damaligen leidenschaftlichen Drang, wieder gesund zu werden, genau auf alles geachtet, was dieser Arzt, der ihr Vertrauen besaß, sagte. Deshalb habe es sich ihrem Gedächtnis besonders eingeprägt. Als Kur verordnete Dr. Burkhardt Moorbäder. Therese Neumann und die Eltern können die Zeit hierfür deshalb sicherer angeben, weil man noch den Torf aus einem der Moore der Umgegend holen konnte, da diese noch nicht zugefroren waren, wie das in der kalten Fichtelgebirgsgegend im tiefen Winter regelmäßig geschieht. Die Eltern entliehen sich von einem Nachbarn namens Männer, der ein Schmied ist, eine Badewanne und bereiteten ihr im Zimmer das Bad. Therese Neumann schildert heute noch mit leichtem Grausen ihre Moorbäder. Ins Bad, das ihr wegen des "Drecks" Widerwillen einflößte, wurde sie gehoben, indem man sie an den Schultern und Füßen faßte und hineinsenkte. Sie erlitt dabei regelmäßig einen Krampf und eine Ohnmacht. Sie bezeichnete mir gegenüber als Ursache für diese Erscheinungen, daß das Bad ihr zu stark war. Dann wurde sie in der Badewanne auf ein Stühlchen gesetzt, mit warmem Wasser abgespült Und immer noch ohnmächtig und mit im Krampf zuckenden Gliedern wieder ins Bett getragen. Als Dr. Burkhardt, der sie in der Regel jede Woche einmal besuchte, hiervon erfuhr, es waren zwei Bäderversuche gemacht worden, hieß er mit den Worten "Laßt es sein, das arme Kind!" von dieser Kur Abstand zu nehmen. Er ermahnte Therese Neumann, viel Geduld zu haben und riet wieder zur Vorsicht, wenn man sie aus dem Bett heben müsse. Tee ließ er sie weiter trinken. Auch verordnete er ihr nach ihrer Angabe Mittel fürs Herz; nach einer Verordnung vom Dezember 1918 erhielt sie Digitalis, ferner gegen die Krämpfe und Schmerzen Natrium Bromatum, Morphium und außerdem Pyramidon.

Vom Kirchweihdienstag, dem 22. Oktober 1918, an war also Therese Neumann ständig ans Bett gefesselt. Sie war zunächst im Giebelzimmer oben und dann und zwar bis zum März 1919 im Erdgeschoß des Hauses in. der Arbeits- und Wohnstube untergebracht, die neben der Küche lag. So befand sich in der Regel mindestens ein Angehöriges meist der in der Stube nähende Vater oder die daneben in der Küche tätige Mutter in der Nähe, wenn Hilfeleistungen nötig waren. Der Zustand ihrer unteren Gliedmaßen war in der Folgezeit nicht ganz gleichmäßig. Die Empfindungsfähigkeit wechselte von völliger Empfindungslosigkeit, wie bei Burkhardts Untersuchung, bis zu einem gewissen, an den beiden Beinen verschiedenen Empfindungsgrad. Die Bewegungsfähigkeit war in der Folgezeit durchwegs ganz gering, und zwar konnte vor allem das Kniegelenk ein wenig bewegt werden. Daß einzelne Unfälle auch diesen Zustand zeitweilig änderten, werden die folgenden Zeilen berichten. Kraft in den Beinen besaß sie bis zur Heilung von der Lähmung nicht mehr. Ebenso war sie nicht mehr imstande, sich aus eigener Kraft im Bette aufzurichten oder aufrechtzuhalten. Richtete sie jemand auf, so mußte sie sich an irgend etwas anhalten, damit sie nicht nach vorn hinüberfiel. Sie hatte dabei ein ständiges Schmerzgefühl im Kreuz mit Ausstrahlung der Schmerzen bis zum Genick und Hinterkopf hinauf und in die Füße hinunter, sowie Schmerzen im Leib (Gürtelschmerz). Anfänglich vermochte sie sich wenigstens zeitweilig noch aus eigener Kraft im Bett von einer Körperseite auf die andere zu legen, später verlor sie auch diese. Fähigkeit, sich zu drehen. Denn bei späteren Versuchen setzten jedesmal sofort Krämpfe und Bewußtlosigkeit ein. Sie gab die Zeit des Auftretens dieser Erscheinung in der Weise an, daß sie sagte: als sie unten lag und anfangs auch oben, habe sie sich noch im Bett drehen können. Dazu hatte sie ständig Kopfschmerz.

Zu Anfang des Winters 1918 traten die Krämpfe besonders heftig, auf. So wurde sie beim Aufrichten in den Armen der Mutter unter Krämpfen bewußtlos, wenn das Aufgerichtetsein wie sie meinte etwa fünf Minuten überschritt. Die Anfälle beim Baden in der Badewanne haben wir bereits erwähnt. Krämpfe stellten sich überhaupt ein, wenn sie sich selbst im Bette etwas bewegen, umdrehen, heben oder dehnen (strecken) wollte. Am schlimmsten war es, wenn der Oberkörper auf der schmerzenden Stelle der Wirbelsäule lastete. Bei den Krämpfen schwitzte sie stark und "strampelte sich bloß", so daß sie sich regelmäßig erkältete, wenn gerade niemand anwesend war, der sie zudeckte. Sie litt deshalb jetzt und während der ganzen Zeit, in der Krämpfe auftraten, häufig an heftigem Husten.

Zum Zwecke des Bettmachens wurde sie in das zweite im Zimmer befindliche Bett hinübergetragen oder auf den Krankenstuhl gesetzt, auf dem sie vornübergebeugt saß, wobei sie sich mit dem Kopf und den Händen auf die Lehne eines davorgestellten Stuhles stützte. Doch mußte sie immer von jemandem meist war es der Vater - hinten im Genick an der Nachtjacke gehalten werden, sonst fiel sie leicht hinunter. Ebenso war es, wenn sie auf den Krankenstuhl gesetzt wurde. Zwar wurde stets ein Stuhl mit Lehne vor sie hingestellt, damit sie den Kopf und die Hände auf die Stuhllehne legen und sich an ihr festhalten konnte. Der Krankenstuhl hatte nämlich keine Lehnen. Denn er war von ihrem Vater nur notdürftig aus einem früher selbstgefertigten festen Kindergehstuhl hergerichtet, weil das Geld zum Kaufe eines richtigen fehlte. Deshalb geschah es. jetzt und in der Folgezeit öfters, daß ihr Kopf und Oberkörper - meist seitlich - von der Stuhllehne abrutschten und sie zu Boden fiel. Es konnte dies dann geschehen, wenn diejenige Person, die sie halten sollte, aus irgendeinem Grunde sie plötzlich sich selbst überlassen mußte. Auch auf dem Krankenstuhl bekam sie öfters Krämpfe und Zuckungen mit Emporschnellen des ganzen Körpers, wenn sie nicht rasch wieder niedergelegt wurde.

Die Krämpfe gingen in der Weise vor sich, daß "es sie erst riß, dann zusammenzog und sie ganz steif wurde", und zwar "wie Eisen", so daß der ganze Körper mitging, wenn man gewaltsam ein Glied hochzuheben suchte. Bei solchen Krämpfen, in denen es sie bisweilen mit dem ganzen Körper emporschnellte, kam es öfters vor, daß es sie aus dem Bett warf, und zwar vor allem dann, wenn der Strohsack neu aufgeschüttet, also hoch war, und sich mit seinem oberen Rande annähernd in einer Ebene zu dem gegen das Hinausfallen der Therese Neumann an der Vorderseite des Bettes angebrachten Brett befand. Manche Krämpfe waren auch von einem sehr heftigen Aufeinanderbeißen der Zähne begleitet, was im Laufe der Jahre zur Absprengung der oberen Schneidezähne führte, so daß zeitweilig starke Zahn- und Gesichtsschmerzen auftraten, bis die bloßgelegten Nerven auseiterten und abstarben. Doch hat Therese Neumann auch jetzt noch gelegentlich Zahnschmerzen. Um das Aufeinanderbeißen der Zähne zu verhindern, band man ihr vom Hinterkopfe her ein Tuch ums Kinn. Die Mutter berichtete auch, daß sie sich bei einem Krampf einmal in die Zunge gebissen habe. Dagegen wurde nie beobachtet, daß ihr Schaum vor den Mund getreten ist. Sofort mit dem Einsetzen der Krämpfe wurde ihr "immer duselig"; dagegen weiß sie nicht sicher, ob sich dieser Zustand der Benommenheit jedesmal zu einer vollen Ohnmacht entwickelte.

Nachdem Therese Neumann dauernd bettlägerig geworden war und ihre Mutter ihr auch beim Wechseln des Hemdes helfen mußte, bemerkte diese eines Tages an ihrem mittlerweile stark abgemagerten Körper eine Veränderung im Kreuz. Dr. Burkhardt hatte bei der ihm eigenen Schweigsamkeit keine weiteren Andeutungen über Therese Neumanns Verletzung gemacht, als oben wiedergegeben sind. Als nun die Mutter ihr einmal an die Lendenwirbel - das "Kreuz" langte, schrie sie laut auf. Die Mutter betrachtete darauf die Stelle genauer, brach in die Worte aus: "Ja, was ist denn dies?" und rief den Vater.

Ich habe den Vater Neumann selbst genau über seine Beobachtungen an der Wirbelsäule seiner Tochter befragt es war an seinem Arbeitstisch in seinem Konnersreuther Haus. Er nahm zunächst ein Stück Kreide und zeichnete mir auf einem Stück dunklen Tuchs, das er gerade zuschnitt, die Dornfortsätze der Wirbelsäule in der Form einer punktierten Linie auf. In der Lendenwirbelgegend rückte er zwei Dornfortsätze nach rechts aus und zwar nicht in schiefer Stellung, sondern wagerecht, so daß diese zwei Dornfortsätze in einer senkrechten Parallellinie zu den übrigen der Wirbelsäule zu stehen kamen. Er erklärte dazu, seines Erachtens seien zwei Dornfortsätze "zwei Knöpperle" etwas nach rechts und nach vorne in das Innere des Körpers verschoben gewesen. Die Mutter bestätigte diese Schilderung. Der Vater Neumann hält trotz aller Einwendungen von Ärzten unbedingt an seiner Beobachtung fest. Vorausnehmend sei erwähnt, daß die Mallersdorf er Krankenschwester Regintrudis erklärte, die gleiche Beobachtung gemacht zu haben. Pfarrer Naber vermag sich zu erinnern, daß diese Schwester Regintrudis zu ihm sagte: "Wenn man Theresens Rückgrat mit der Hand entlang fährt, spürt man im Kreuz eine Vertiefung nach innen und nach der Seite nach rechts." Therese Neumann hat damals bei der ersten Entdeckung dieser Erscheinung durch die Mutter und später noch öfter ihre Lend