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Dr. Erwein Freiherr von Aretin
Die Sühneseele von Konnersreuth
Herausgegeben von VERLAG SIEGFRIED HÄCKER GROBENZELL BEI MÜNCHEN
"Im Gehorsam gegen die Dekrete des Papstes Urban VIII. erklären wir, daß den geschilderten Vorgängen keine andere als menschliche Glaubwürdigkeit zugesprochen werden kann, solange die Kirche hierüber nicht entschieden hat."
Alle Rechte vorbehalten 1956 2. erheblich erweiterte Auflage 6. - 10. Tausend Gesamtherstellung Salesianische Offizin München Titel der ersten Auflage "Therese Neumann" Mit kirchlicher Druckerlaubnis
Vorwort *Einleitung *I. T E I L *1. Kapitel *Die Erscheinungen von Konnersreuth (1946) *2. Kapitel *Die erste Begegnung mit Konnersreuth (7.-13. Juli 1927) *3. Kapitel *Aufenthalt in Konnersreuth am 10./11. März 1938 *II.TEIL Überleitung *4. Kapitel *Ärztliche Untersuchung in Konnersreuth *Zur Aufklärung über Konnersreuth *5. Kapitel *Das Aramäische in Konnersreuth *Von Dr. Johannes Bauer Professor der Semitischen Philologie, *Universität Halle *
Das Büchlein über Therese Neumann erscheint in einer zweiten, wesentlich erweiterten und ergänzten Auflage. Es war die letzte Arbeit meines Vaters, der am 25. Februar 1952 nach einem langen Leiden gestorben ist, und ist in seiner ersten Fassung etwa ein halbes Jahr nach seinem Tod erschienen. Mein Vater war bei seiner Abfassung bereits zu krank, um selbst die Feder zu führen. Er diktierte mir die Einleitung, die unverändert in diese neue Auflage übernommen wurde. Erwein von Aretin galt nach dem Tode Gerlichs (ermordet am 30. Juni 1934) und Prof. Wutz (gest. 1938) als der beste Kenner von Konnersreuth. Er ist daher von vielen Seiten nach dem Tode von Prof. Wutz zu einer zusammenfassenden Darstellung gedrängt worden. Wutz hätte wie kein anderer den Inhalt der vielen Visionen wiedergeben und sie, mit seinem reichen Missen konfrontiert, zu einer großen Schau der Ereignisse von Konnersreuth vereinigen können. Erwein von Aretin hat hier die Grenzen seines theologischen Wissens wohl zu genau erkannt, um ein solches Werk von sich aus in Angriff zu nehmen, so sehr ihn auch seine große schriftstellerische Begabung wie seine Begeisterung für Konnersreuth zu einer solchen Arbeit gereizt haben mochten. In Freundeskreisen hat er immer wieder von Konnersreuth erzählt. Auch dieses Büchlein will nichts anderes, als Begebenheiten schildern, die mein Vater erlebte. Es sind freilich nicht die Erlebnisse irgendeines Laien, sondern die eines Mannes, der mit kritischen, wissenschaftlich geschulten Augen die Dinge betrachtete, wenn er auch weder als Arzt noch als Theologe fachlich zu den Ereignissen Stellung nehmen konnte. Er darf jedoch das Verdienst für sich beanspruchen, durch seinen Artikel 1927 die Welt auf Therese Neumann aufmerksam gemacht zu haben. Konnersreuth blieb das große Anliegen seines Lebens. Es ist daher zum Verständnis dieses Büchleins vielleicht nicht unerwünscht, einige biographische Angaben an den Anfang zu stellen. Erwein von Aretin wurde am 19. September 1887 als Sohn des späteren Regierungspräsidenten von Regensburg Anton Frhr. von Aretin und dessen Gemahlin Maria Prinzessin von der Leyen in Bad Kissingen geboren. Er entstammte einer Familie, die immer betont bayerisch war und aus der im 19. Jahrhundert eine Reihe bedeutender Politiker, Wissenschaftler und Journalisten hervorgegangen ist. In Landshut und Regensburg besuchte er das Gymnasium und entschloß sich nach dem Abitur zum Studium der Mathematik und Astronomie. Er studierte auf den technischen Hochschulen in München und Leipzig und vollendete seine Studien an der Universität Göttingen. 1912 promovierte er mit einer Aufsehen erregenden neuen Entfernungsberechnung eines von ihm entdeckten Sternes. Aber schon in seinen Göttinger Jahren zeigte es sich, wie wenig er zum modernen Spezialistentum geeignet war. Er bewies weitgespannte Interessen und brachte das Kunststück fertig, gleichzeitig Assistent an der Sternwarte und am Kunsthistorischen Seminar der Universität Göttingen zu sein. 1913 kam er an die Kufnersche Sternwarte nach Wien und heiratete 1914 in Lösch bei Brünn die Enkelin des österreichischen Ministerpräsidenten von 1866 Grafen Belcredi. In Wien hatte er Rainer Maria Rilke kennen und schätzen gelernt. Mit Rilke tat sich ihm eine neue Welt des Geistes auf. Es entwickelte sich eine Freundschaft, die bis Rilkes Tod anhielt und die in einem umfangreichen noch unveröffentlicht im Rilke-Archiv in Weimar liegenden Briefwechsel seinen Niederschlag fand. Der erste Weltkrieg, den er wegen eines schweren Herzfehlers nicht an der Front mitmachte, warf Aretin aus dem Beruf und machte seine Absichten, als Wissenschaftler tätig zu werden, zunichte. 1919 war er einige Tage als Geißel von der Räteregierung verhaftet. Nach dem ersten Weltkrieg begann er seine journalistische Tätigkeit. 1924 trat er in Beziehungen zu den "Münchner Neuesten Nachrichten" und wurde 1926 Leiter der innenpolitischen Abteilung dieser größten süddeutschen Tageszeitung. Es gelang ihm, die dem ausgesprochen liberal orientierten Blatt eine katholisch-konservative Richtung zu geben. 1924 bis 1927 war er der erste Vorsitzende des Heimat- und Königbundes, der unter seiner Leitung zu einer politischen Organisation wurde, die mehrmals in die bayerische Politik eingriff. Hierbei gelang es ihm gegen den heftigen Widerstand seiner eigenen Anhänger, den Gedanken der Monarchie aus der Sphäre der Putschisten herauszulösen. Er machte den Heimat- und Königbund zu einer dem neuen Staat gegenüber absolut loyalen Organisation, wodurch es ihm andrerseits wieder gelang, auf die Landespolitik einigen Einfluss zu erhalten. Die seit 1920 in Bayern regierende bayerische Volkspartei nahm ihm sein Eingreifen sehr übel und es fehlte ihm in Bayern nicht an Feinden. Um so mutiger war daher sein Eintreten für Konnersreuth im Juli 1927 durch seinen Artikel in der Beilage der Münchner Neuesten Nachrichten "Die Einkehr", der hier in Kapitel 2 zum Abdruck kommt. Man muß sich die Situation vom Sommer 1927 kurz vergegenwärtigen. Seit Ostern 1926 schwirrten vollkommen unkontrollierte Gerüchte über das Geschehen in Konnersreuth durch ganz Deutschland, besonders in den Boulevardblättern. Um diesen immer unwahrscheinlicher klingenden Nachrichten auf den Grund zu gehen, fuhr Erwein von Aretin im Auftrag des Herausgebers der Süddeutschen Monatshefte und der Münchner Neuesten Nachrichten, Prof. Paul Nikolaus Coßmann, nach Konnersreuth. Tief ergriffen kam er zurück und schrieb den bereits erwähnten ersten Artikel. Dieser Bericht war eine echte Sensation. Sensationell daran waren jedoch nicht nur die Konnersreuther Ereignisse, sondern auch die Tatsache, daß die von früher her als liberal bekannten Münchner Neuesten Nachrichten als ein durchaus seriöses Blatt und ein bekannter Journalist so positiv und so nüchtern über Konnersreuth berichtet hatten. Die ganze Welt, ganz besonders Amerika, horchte auf. Fritz Michael Gerlich, der Chefredakteur der Zeitung, der als religiös völlig indifferent dem Bericht sehr skeptisch gegenüberstand, sagte zu Aretin, er werde in Kürze auf den Schwindel kommen, fuhr nach Konnersreuth und kam nach wenigen Tagen völlig überzeugt zurück. Dieses dramatische Erlebnis schilderte Aretin in seiner Biographie über Gerlich folgendermaßen : "Von meiner Fahrt zurückgekehrt und von ihren Erlebnissen einigermaßen verwirrt, wurde ich von Gerlich aufgefordert, mit ihm und Prof. Coßmann gemeinsam zu Mittag zu essen, um ihnen zu berichten und zu beraten, wie ich am zweckmäßigsten meine Eindrücke in der Zeitung zur Sprache bringen könnte. Mir sagte das wenig zu. Schließlich war Münchens vornehmstes Restaurant, in das mich Gerlich einlud, nicht gerade der geeignete Platz, um zwei Menschen, deren religiöse Einstellung mir ziemlich unbekannt war, über das Leiden Christi und die Schauungen eines Mädchens zu erzählen, von denen vorauszusehen war, daß sie an eine chinesische Mauer von Skepsis und Nicht-Verstehen stoßen würden. So kam es auch. Nach jedem Satz wurde ich von irgendeinem jener Einwände unterbrochen, die ich seither mit geduldiger Ergebung zu ertragen reichlich gelernt habe, mit Hysterie, Suggestion, Autosuggestion, mit Zweifeln an meinen Beobachtungen oder auch nur - und das war noch schlimmer - mit einem Blick, den beide Zuhörer wechselten und der an meinen geistigen Fähigkeiten, freilich im Rahmen liebenswürdigster Höflichkeit, einige Zweifel auszudrücken schien. So schien es zunächst schwierig, zu erreichen, daß in der Zeitung der notwendige Platz zu meiner Schilderung eingeräumt würde. Aber man ging doch darauf ein und stellte mir sogar eine ganze Nummer der Beilage "Die Einkehr" zur Verfügung. Die Zeitung hatte es nicht zu bereuen: jene Nummer mußte in zehn Tagen viermal nachgedruckt werden, der Artikel wurde in nicht weniger als 32 Sprachen übersetzt - sogar in jener der Irokesen ist er erschienen - und am 31. August 1937, das heißt an seinem zehnten Jahrestag, an den ich wirklich nicht gedacht hatte, schrieb mir Coßmann einen seine gütige Freundschaft zu mir ehrenden Brief, in dem er nicht zögerte, jenen Artikel als die größte journalistische Sensation zu bezeichnen, die er während der rund vierzig Jahre seiner publizistischen Tätigkeit erlebt habe. Bei jenem Mittagessen freilich war davon noch keineswegs die Rede. Schließlich blieb mir nur übrig, meinen freundlichen Tischgenossen abschließend zu sagen: "Ja, meine Herren, gehen Sie doch selbst hin und schauen Sie sich die Sache an". Es sei hier vorweggenommen, daß beide meinem Rat gefolgt sind, daß beide im Zusammenhang damit konvertierten und daß beide von den Nationalsozialisten ermordet wurden, Gerlich in Dachau, Coßmann in Theresienstadt. Der Erfolg meines Artikels ließ Gerlich keine Ruhe. Ihn plagte die Angst, daß seine Zeitung über etwas berichtet hatte, was sich über kurz oder lang als ein groß angelegter Schwindel herausstellen müsse, dem ich zum Opfer gefallen sei und dessen Folgen für die Zeitung irgendwie gemildert werden müßten. Deshalb machte er sich am Abend des 14. September 1927 auf die Fahrt. Um sich zu, verabschieden, kam Gerlich zu mir auf das Büro und wollte sich in aller Freundlichkeit von mir mit den Worten entfernen: Ich garantiere Ihnen: dem Schwindel komme ich schon auf die Spur! Mich packte eine Art vom Angst. Nicht davor, daß er einen Schwindel entdecken könnte, wo keiner war, sondern, in Verantwortungsgefühl ganz anderer Art. Ich kannte nun Gerlich seit mehr als drei Jahren als einen ganz ungewöhnlich scharf und logisch denkenden Mann. Es war völlig ausgeschlossen, daß ein solcher Kopf in Konnersreuth nicht sofort den erhabenen Ernst der Lage erkennen würde. Er würde sich nicht wie stumpfere Gemüter mit dem Narkotikum der Schlagworte Hysterie und Suggestion eigener folgenschwerer Erkenntnis zu entziehen versuchen. Bei diesem Mann mußte es zu inneren Auseinandersetzungen drängen. Welche Folgen würden sich für Gerlich ergeben, wenn er aus irgendeinem Grund nicht den Mut fände, der blendenden Wahrheit mit allen ihren Folgerungen für das persönliche Leben in die Augen zu blicken. Da ich nicht allein im Zimmer war, eilte ich ihm auf den Vorplatz nach und sagte zu ihm: Gehen Sie ruhig in der Annahme hin, daß es ein Schwindel sei! Aber ich warne Sie: Sie kommen keinesfalls als der zurück, als der Sie hinfahren. Überlegen Sie sich noch einmal, ob Sie wirklich hinfahren wollen; denn Sie sind nicht der Mann, für den Konnersreuth nur eine Angelegenheit der Neugierde sein kann!' Fünf Tage später, am Abend des 19. September 1927, kam Gerlich wieder in mein Zimmer, wie er eben von der Bahn gekommen war und sagte mir nur: Können Sie mitkommen? Ich folgte der Einladung sofort, und nun schritten wir bis 2 Uhr nachts bei leichtem, kaltem herbstlichem Regen die Ludwigstraße auf und ab. Und er wurde nicht müde, in immer neuen Wendungen von seinen Erlebnissen zu erzählen. Es war erschütternd, diesen Mann, mit dem ich bisher nur mehr oder weniger Dienstliches, Politisches besprochen hatte, von unserem Heiland reden zu hören ....Sein Leben war fortan völlig ausgewechselt, bis er sieben Jahre später erschossen wurde. Und bei allen Konnersreuther Konversionen, die ich beobachten konnte, war es genau so. Das Wort des heiligen Paulus von der zentralen Stellung des Wunders bei der Auferstehung Christi, steht nicht umsonst da. Und ich teile völlig aus der eigenen Erfahrung, daß das Wunder hundertmal mehr Menschen überzeugt, als je einem Denkvorgang möglich ist. Daher hat es so viele Feinde." Letzteres hat auch Aretin zu spüren bekommen. Sein Konnersreuther Artikel wurde im Völkischen Beobachter und von Ludendorff scharf angegriffen. Aber nicht nur von dieser Seite. Der katholische Presseverein denunzierte Aretin in Rom, wohin er, um sich zu rechtfertigen, 1929 fuhr und besonders bei Kardinal Pacelli viel Verständnis fand, dem sowohl Aretin wie Konnersreuth durch seine Tätigkeit als Nuntius in Deutschland bekannt waren. Pacelli wurde kurz darauf Staatssekretär. 1938 ließ er Aretin wissen, daß er ihn gerne wegen Konnersreuth sprechen würde, doch kam die Reise nicht zustande, da Aretin kein Ausreisevisum erhielt. In der Beilage der Münchner Neuesten Nachrichten "Die Einkehr" wurde im Jahre 1927 noch dreimal nach Aretins Artikel vom August das Thema Konnersreuth aufgegriffen. Am 6. November erschien Gerlichs Artikel "Erlebnisse in Konnersreuth", am 30. November sein "Konnersreuth als historisches Problem" und am 14. Dezember vom Professor für semitische Philologie an der Universität Halle Dr. Johannes Bauer "Das Aramäische in Konnersreuth". Dieser Bericht ist als 5. Kapitel in diesem Büchlein abgedruckt. Damit war über Konnersreuth von drei Männern berichtet worden, die von drei verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen her ein geübtes Auge und einen kritischen Verstand besaßen: Fritz Michael Gerlich als Historiker (er war einige Zeit Mitarbeiter der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften), Erwein von Aretin als Mathematiker und Prof. Johannes Bauer als Philologe und alle drei waren zu dem Schluß gekommen, daß sich in Konnersreuth Dinge begaben, die von Menschen nicht erklärt und auch nicht als Schwindel abgetan werden konnten. Von diesen Tagen an hat die Diskussion über Konnersreuth nicht mehr aufgehört. Wenn auch immer wieder versucht wird, die Wahrheit über Konnersreuth zu ergründen, und wenn auch dieses Thema immer eine beliebte Sensation abgeben wird: was jene drei Männer zusammen mit dem Theologen Prof. Wutz und dem medizinischen Gutachten 1927 feststellten, hat bis heute kein Mensch wissenschaftlich erschüttern, geschweige denn widerlegen können. Bis 1933 trat Gerlich in der Debatte um Konnersreuth in den Vordergrund. Er schrieb 1929 darüber ein zweibändiges Werk, das bis heute wohl die vollständigste und aufschlußreichste Darstellung ist. 1931 folgte die Broschüre "Der Kampf um die Glaubwürdigkeit der Therese Neumann". Aretin war 1930 in Ergänzung eines längeren Berichts von Gerlich nur mit einem kurzen Artikel an die Öffentlichkeit getreten. Seit 1928 führten die Wege Gerlichs und Aretins auseinander. Gerlich schied aus der Redaktion der Münchner Neuesten Nachrichten aus und übernahm die Redaktion des "Geraden Weg", der von dem Konnersreuth sehr nahe stehenden Fürsten Erich Zeil finanziert wurde und wohl das schärfste Kampforgan gegen den heraufkommenden Nationalsozialismus war. Seit 1931 kämpfte Aretin gegen die heraufkommende Hitlerdiktatur und zugleich für die Einführung der bayerischen Monarchie, die er als letzte Möglichkeit einer Rettung vor den Nazis betrachtete. Mit seinem Artikel "Warum nicht Hitler" vor der Reichspräsidentenwahl 1932, in dem er Hitler des Wortbruchs bezichtigte und sein ganzes Wissen von der kriminellen Vergangenheit vieler führender Nationalsozialisten ausbreitete, machte er sich Hitler zum persönlichen Feind, was er in den Jahren 1933-45 mehr als einmal zu spüren bekommen sollte. Gerlich polemisierte gegen die Nazis mit aller Schärfe. Diese mutige Haltung brachte sie beide ins Z und im März 1933 trafen sie sich auf dem Gang des Münchner Polizeipräsidiums in der Ettstraße als Gefangene wieder. Über diese seit 1931-34 hinterließ Aretin Erinnerungen, die unter dem Titel "Krone und Ketten" 1955 erschienen sind . Nach dem Tode Gerlichs und nach seiner Freilassung verteidigte Aretin Therese Neumann, die während der Nazizeit, besonders in den Jahren 1936-38, das Ziel heftiger, zum Teil äußerst gehässiger Angriffe war, hinter denen zum Teil auch kirchliche Kreise standen. Er war dabei, wie er in einem Brief vom 22. April 1937 schrieb, von der Überzeugung durchdrungen, daß Konnersreuth ein Prüfstein für den deutschen Katholizismus sei. Obwohl er als KZ-ler natürlich einen schweren Stand hatte, gibt in seinem Nachlaß noch ein umfangreicher Schriftwechsel Zeugnis davon, daß Aretin keinen Angriff auf Therese Neumann unerwidert hingehen ließ. Von Prof. Wutz aufgefordert, schrieb er im November 1937 einen Artikel, in dem er zusammenfassend alle Angriffe auf Therese Neumann beantwortete. Dieser Artikel, der aus politischen Gründen in keiner deutschen Kirchenzeitung erscheinen konnte, kam auf Vermittlung von Prof. Wutz über den Fürstbischof von Salzburg, Dr. Waitz, schließlich im Februar 1938 in der Salzburger Kirchenzeitung. Er ist hier als 4. Kapitel veröffentlicht. Eine weitere Verteidigung Therese Neumanns, die Aretin im Sommer 1939 für die Zeitschrift "Das Hochland" schrieb, konnte nicht erscheinen und ist leider verloren gegangen. In diesem Artikel hatte sich Aretin besonders mit einem Dr. Aigner auseinandergesetzt, der Konnersreuth in der Zeitschrift der SS "Das schwarze Korps" angegriffen hatte. Auch Aretins Besuch im März 1938 in Konnersreuth, über den er seinen dritten Bericht schrieb, galt der Abwehr solcher Angriffe. Der Bericht, der hier als 3. Kapitel zum erstenmal veröffentlicht wird, ist, wie aus der Korrespondenz hervorgeht, auf Bitten von Prof. Coßmann entstanden. Die Pause in den Veröffentlichungen zwischen 1930 und 1938 ist unter anderem auch dadurch bedingt, daß Aretin von 1930 bis zum 1. Mai 1937 Therese Neumann nicht sah. Er traf sie 1937 in Eichstätt bei Prof. Wutz. Aretin war in seinem Eintreten für Konnersreuth durch ein ihm von den Nazis auferlegtes Schreibverbot stark behindert. Unter dem Pseudonym Thomas Fischer ließ er 1937 in der Schweiz ein Buch "Bindung und Bekenntnis" erscheinen, das, nachdem der wahre Autor entdeckt war, in Deutschland sofort verboten wurde. Nicht zuletzt hatte sich Aretin durch Erzählungen über Konnersreuth verraten. Nach dem Zusammenbruch 1945 war Aretin noch zweimal im August 1946 und im Herbst 1948 in Konnersreuth, ohne Aufzeichnungen zu hinterlassen. 1946 wandten sich die Berliner Monatshefte an ihn mit der Bitte, einen Bericht über Konnersreuth zu verfassen. Da dieser Artikel den besten Überblick gewährt, ist er in diesem Büchlein an den Anfang gestellt. Auch er brachte der Zeitschrift eine Rekordauflageziffer ein. Es war das erstemal nach der Hitlerdiktatur, daß man Authentisches über Konnersreuth erfuhr. Auch in Vorträgen setzte sich Aretin für Therese Neumann ein, bis ihn im Herbst 1947 diese um deren Einstellung bat, weil sie sich vor Besuchern nicht mehr retten könne. Nach 1945 nahm Aretin seine Tätigkeit als Politiker und Journalist wieder auf und wurde besonders 1945-47 durch seine mutige Haltung den Amerikanern gegenüber bekannt. Aber gerade die noch stark kommunistisch orientierten Morgenthauleute der ersten Besatzungszeit konnten mit diesem "Junker", der so offen seine Meinung sagte und freimütig zugab, ein Monarchist zu sein, wenig anfangen. Intrigen verhinderten, daß er in seinen alten Wirkungskreis zurückfand. Als Vizepräsident des deutschen Caritasverbandes und mehrerer Adelsvereinigungen erfuhr er wenigstens von dieser Seite die verdiente Ehrung. In den dreißig Jahren, die vergangen sind, seit Aretin auf Konnersreuth hinwies, hat sich in dem stillen oberpfälzischen Dorf nichts verändert. Es ist das abgelegene, jedem Fremdenverkehr abholde Dorf geblieben. In diesen dreißig Jahren ist auch Therese Neumann ein Bestandteil unserer Zeit geworden. Die Leiden und die Visionen gehen weiter. Konnersreuth hat sich nur unwesentlich verändert. So sind denn auch diese Berichte und Erzählungen weiter aktuell geblieben. Dieses Büchlein geht in einer wesentlich veränderten zweiten Auflage hinaus. Zur Ergänzung des Gesagten habe ich Anmerkungen beigefügt, die Aretin zu einem nicht erschienenen Buch gemacht hat und die oft wesentliche Ergänzungen enthalten. Auf diese Anmerkungen sei daher besonders hingewiesen. Sie sind von mir noch durch einige, mir notwendig erscheinende Erweiterungen vervollständigt worden. Mit dieser neuen Einteilung soll dem Gedankengang meines Vaters entsprochen werden, keine Deutung des Geschehens in Konnersreuth zu geben, sondern mit historischer Genauigkeit der Nachwelt jene Ereignisse so zu überliefern, wie sie von einem durchaus kritischen Beobachter gesehen wurden. Es ist daher die Gefahr mancher Wiederholungen in Kauf genommen und das Manuskript, von einigen Polemiken in dem bisher unveröffentlichten 3. Kapitel abgesehen, völlig unverändert zum Druck gegeben worden. Jedoch wird de Leser bald bemerken, daß auch in den Wiederholungen die geschilderten Vorgänge jedesmal eine neue Beleuchtung erfahren. Ich selbst war niemals mit meinem Vater in Konnersreuth. Ich kenne von zwei kurzen Aufenthalten dort (1945 und 1951) Therese Neumann. Daher nehme ich persönlichen Anteil an der Herausgabe dieses Büchleins. Ich weiß mich dabei ebenso in Übereinstimmung mit den Wünschen meines Vaters, wie ich es bei der Herausgabe seiner Erinnerungen wußte. Möge dieses Buch der Wahrheit dienen!
München, Pfingsten 1956
Dr. Karl Otmar Frhr. von Aretin
Der Name Therese Neumann ist in den letzten dreißig Jahren immer wieder durch die Weltpresse gegangen. Von allem Anfang bis heute war er ein Fremdkörper in unserer glaubenslosen Zeit, die nicht darum glaubenslos genannt werden muß, weil sie nicht glaubensfähig wäre. Es gibt wohl kaum ein Zeitalter unserer Erde, das so sehr geneigt war, dem Humbug der Sterndeuterei und dem Aberglauben zu huldigen, wie unseres. Aber eben darum war und blieb Konnersreuth ein Fremdkörper, denn daß man es unternahm, jahrtausendealte Wahrheiten in unsere Zeit zu verpflanzen, das eben war das Unerhörte. Es gibt wohl kaum eine Tollheit, die, wenn man es nur verstand, ihr ein wissenschaftliches Mäntelchen zu geben, nicht allgemein für Wahrheit gehalten wurde, aber es ist ein Unterfangen unerhörten Ausmaßes zu behaupten, daß etwas, was ist und sich ereignet, mit menschlichem Ermessen nicht zu fassen ist und daß eben dieses die alten Heilswahrheiten der Kirche beinhaltet. Nie, obwohl in dreißig Jahren Zeit genug dazu gewesen wäre, ist das Rätsel Konnersreuth gelöst worden und doch sind auch heute die Stimmen nicht verstummt, die das Ganze mit der Überheblichkeit des modernen Menschen als einen Schwindel erklären. Wie überheblich und töricht zugleich dünkt dem, der Therese Neumann kennt, das Gerede um sie, all jene Versuche auf irgendeinem psychoanalytischen Gebiet nun doch den Ausweg zu finden, der es gestattet, das Ganze als wissenschaftlich erklärbares Phänomen zu deuten. Es ist, als würde niemand erkennen, daß eben jene Wissenschaft in den hundert Jahren ihrer Herrschaft bewiesen hat, daß sie nicht Wahrheit zu erkennen im Stande ist, sondern daß ihre Geschichte eine Geschichte erhabener Irrtümer ist. Es ist aber nicht der Sinn dieser Zeilen, in diesen Streit einzugreifen. Sie stehen darüber, denn sie wollen nicht das Phänomen Therese erklären, sondern schildern, und der Verfasser kann nur das eine Vorrecht erbitten, ihm zu glauben, daß er nicht Märchen erzählen will, sondern Ereignisse und Erlebnisse, die er alle selber mit der Skepsis eines Menschen des 20. Jahrhunderts gesehen und erlebt hat. Er will es unternehmen, jene Erlebnisse zu schildern, die sich, seit er sie sah, mit unerhörter Regelmäßigkeit wiederholt haben und von denen jedes Einzelne mit dem normalen Menschenverstand nicht zu erklären und zu begreifen ist. In der Stille, die der Terror der Diktatur erzwang, sind die Ereignisse weiter gegangen. Das Kriegsende brachte schwere Drangsal über den Ort. Die sich zurückziehende Waffen-SS beschoß mit allen Waffen Konnersreuth und richtete schweren Schaden an. Diese Verwüstungen sind heute zum größten Teil behoben und der Ort glänzt im Schmuck frisch renovierter Häuser. Trotzdem ist dieses oberpfälzische Dorf in den 25 Jahren, in denen ich es kenne, dasselbe geblieben. Obwohl manchmal an den Kartagen bis zu 3000 Personen nach Konnersreuth pilgern und der Strom der Besucher das ganze Jahr nicht abreißt, hat sich der Ort nicht verändert und ist noch heute so fern von allem Verkehr und aller Bequemlichkeit des Fremdenverkehrs, wie ein abgelegenes Dorf des Bayrischen Waldes nur sein kann. Es hat sich hier nichts gewandelt, seit dieser Ort Schauplatz so ungewöhnlicher Ereignisse wurde. Das ist zunächst für den Besucher der stärkste Eindruck. Dieses Dorf in seiner Weltabgeschiedenheit verkörpert gleichsam das große Ideal der Resl von Konnersreuth: "Die große Liebe zum Herrgott, die in tiefer Ergebenheit alles hinnimmt, was Er bestimmt, und die alles, was geschieht, mit der Zurückhaltung, fast möchte ich sagen Scham echter Religiosität zudecken möchte, als ginge es nur den Herrgott, Sie und jene an, denen dadurch geholfen wird." Das Dorf zeigt die Zurückhaltung und das Abweisende, das oft in die Züge der Resl tritt, wenn ein Fremder sich ihr neugierig nähert und die Symptome bestaunen will. Am Karfreitag 1951 ging die Nachricht durch die Welt, daß die Visionen und das Leiden ausgeblieben wären, nachdem sie am Gründonnerstag begonnen hätten. Die Nachricht erregte Aufsehen. Prophezeiungen und Vermutungen knüpfen sich daran. Und merkwürdig, man erregte sich nicht darüber daß 24 Jahre ein völlig unerklärlicher Vorgang eingetreten, sondern darüber, das er zum 25. Male ausgeblieben war. So sehr ist das Geschehen in Konnersreuth zu einem Teil unserer Zeit geworden. Inzwischen sind die Visionen wieder weitergegangen. Auch das Leiden hat sich wieder eingestellt. Therese Neumann von Konnersreuth ist für diese ein Rätsel geblieben, für di es ein Rätsel war. Für alle anderen ist der Vorgang ein Überirdischer, für den eine irdische Erklärung nie eine Verlegenheit war, weil sie die Aussichtslosigkeit erkannten, danach zu suchen.
Die Erscheinungen von Konnersreuth (1946)
Wie leicht würde es mir fallen, diesen Aufsatz zu beginnen, wüßte ich, welche Erinnerungsbilder meine Leser mit seiner Überschrift verbinden! Es werden immerhin 1947 zwanzig Jahre verflossen sein, seitdem alle Zeitungen des In- und Auslands voll waren von Artikeln über das Mädchen Therese Neumann in Konnersreuth in der Oberpfalz, das seit der Fastenzeit 1926 die Wundmale des Herrn an Händen und Füßen und an der Brust trug und seit Weihnachten 1926 ohne jegliche Nahrungsaufnahme lebt, nachdem es schon seit Dreikönig 1923 keine feste Nahrung mehr zu sich genommen hatte. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, zumal wenn die Weltgeschichte sich die Mühe gibt, sie so sehr mit den umstürzendsten, den apokalyptischsten Ereignissen anzufüllen, wie sie es in diesen zwanzig Jahren tat. Immer eindringlicher werdend, hatten sich von Anfang (1926) an seltsame Ekstasen und Visionen bei diesem Mädchen eingestellt, Visionen der verschiedensten Art, von denen jene des Leidens Christi die einprägsamsten und furchtbarsten zu sein schienen. Sie traten regelmäßig in der letzten Stunde jedes Donnerstags auf und dauerten an den Freitagen bis in die Mittagsstunden, wo der grausame Tod Christi in der kleinen Bauernstube in Konnersreuth ein getreues Abbild zu finden schien. An den Freitagen der Fastenzeit pflegten diese Leidensvisionen immer intensiver, immer reicher an Einzelheiten zu werden, um endlich am Karfreitag, weit über den Tod Christi bis zu seiner Beisetzung ausgedehnt, in einem völligen, todesähnlichen Erschöpfungszustand zu enden, der den ganzen Karsamstag anhielt, um erst in der Osternacht dem Auferstehungsjubel zu weichen. Nur wenn ein kirchlicher Festtag auf einen Freitag fiel, unterblieb die ungeheuerliche Vision, d. h. die am Donnerstag begonnene brach Punkt um Mitternacht ab. Ebenso unterblieben diese Leidensvisionen - die anderen nicht -- in der Osterzeit, so daß alljährlich zwischen dem Karfreitag und dem Freitag nach dem Fronleichnamsfest (Freitag nach Trinitatis) keine Vision jenes furchtbaren Leidens die freudvolle Zeit unterbrach. Und dies hat sich in all den Jahren nicht um ein Jota geändert. Mochten Hitlers besessener Wahnsinn und die feige Frechheit seiner Kumpane noch so sehr toben, mochte die deutsche Jugend und mit ihr jene aller Kontinente auf den Schlachtfeldern des verbrecherischsten aller Kriege verbluten, mochten Niederlage und völliger Untergang über unser Land hereinbrechen: pünktlich wie der Pendelschlag einer Uhr blieb das Konnersreuther Geschehen immer das gleiche: die Leidensvisionen, die am Donnerstag begannen und die in der Osterzeit unterblieben. Das Dritte Reich hat schon sehr bald jede Veröffentlichung über Therese Neumann in Acht und Bann getan. Ich kann mich nur zweier Notizen aus dieser Zeit erinnern: einmal tauchte in der Presse die Nachricht auf, das Mädchen sei eine glühende Anhängerin Adolf Hitlers, später jene, es sei gestorben. Überflüssig zu sagen, daß beide Notizen erlogen waren. Über die Einstellung der Therese zu Adolf Hitler gibt es eine Geschichte, die jenen recht zu geben scheint, die das unbegreifliche Erleben der letzten Jahre sich nur metaphysisch als eine zugelassene Herrschaft Satans erklären können, so wie sie die stigmatisierte Katharina Emmerich schon 1829 für die Zeit vor der Mitte des 20. Jahrhunderts - nicht nur für Deutschland! geweissagt hatte: als Therese einmal um 1940 in benommenem Zustand in ihrem Bett lag - sie ist bei dieser Gelegenheit völlig blind! - reichte ihr ein Besucher eine Postkarte mit dem Bild des "Führers" in die Hand. Mit ,allen Zeichen des Entsetzens schleuderte die Blinde das Bild mit dem Ruf von sich: "Rauch und Feuer aus der Hölle!" Das verbreitete Märchen von ihrem Tode aber hatte für sie die höchst erfreuliche Folge, daß die Besucherzahl stark zurückging, zumal auch das bischöfliche Ordinariat Regensburg keine sogenannten "Besuchserlaubnisse" mehr ausstellte - die niemals "Erlaubnisse" gewesen waren, sondern Empfehlungen, die zum Empfang ihrer Träger abmachungsgemäß verpflichteten. Denn das Haus Neumann hat in den ungezählten Besuchen von Fremden immer nur eine Last gesehen, der es sich, wenn es irgendwie möglich war, entzog! Aber es ist wohl nötig, dem Leser von heute in äußerster Kürze zunächst einmal wieder die Daten des seltsamen Geschehens ins Gedächtnis zu rufen! Als ältestes von zehn Kindern der Schneidermeisters-Eheleute Neumann in Konnersreuth bei Waldsassen in der Oberpfalz, wenige Kilometer von der bayerisch-böhmischen Grenze, ist Therese Neumann in der Nacht von Karfreitag auf Karsamstag 1898 geboren. Das Kind zeigte keinerlei Besonderheiten. Es war sehr einfach, naiv, fromm und heiter wie die meisten seiner Altersgenossinnen, fern jeder Exaltiertheit oder Frömmelei, mit dem einen Wunschtraum im Herzen, eines Tages als Missionsschwester bei den Benediktinerinnen in Tutzing einzutreten. Dies war bereits eine abgemachte Sache, aber da der Vater als Artillerist im Krieg war und die Mutter die Hilfe ihrer Ältesten nicht entbehren mochte, verschob man den Eintritt bis nach der Rückkehr des Vaters. Therese ging, um dem sehr ärmlichen Etat ihres kinderreichen Elternhauses etwas aufzuhelfen, als Magd in die Dienste eines Nachbarn, der auch Neumann hieß, und der sie wegen ihrer Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit, aber auch wegen ihrer großen körperlichen Kraft besonders schätzte. Der Wendepunkt ihres Lebens war der 10. März 11)18: bei einem Brande reichte Therese, auf einem Stuhle stehend, zwei volle Stunden lang einen wassergefüllten schweren Lösehehler nach dein andern über ihren Kopf hinauf. Plötzlich fühlte sie im Rücken einen starken Schmerz und fiel rücklings, ganz durchnäßt, vom Stuhl auf die Erde. Mit der urwüchsigen Kraft eines kräftigen Bauernmädels hat sich Therese gegen das Hereinbrechen unabsehbarer Krankheit gewehrt. Es half nichts. Eine Lendenwirbelverschiebung warf die von furchtbaren Krämpfen und Lähmungen Gepeinigte auf ein Krankenlager, das sieben lange Jahre dauern sollte! Gleichzeitig traten schwere Störungen des Sehvermögens auf, die 1919 zur völligen Erblindung führten! Bis hierher hat nichts Außergewöhnliches Theresens Leben ausgezeichnet. Wenn es fortan in nicht enden wollender, unerklärlicher Fülle über dieses kranke Mädchen hereinbricht, so müssen wir dafür die Grundlagen in diesen kaum erträglichen Leidensjahren suchen. Aber wie schwer ist es, sich davon ein Bild zu machen! Wie schwer ist es dem Gesunden, sich in die Gedankenwelt einer gelähmten Blinden einzufühlen, deren Lebenstraum, als Missionsschwester zu wirken, zertrümmert war und die, von furchtbaren Schmerzen gepeinigt, unfähig zu jeder Bewegung, das Elend endloser Nacht ertrug! Wenn Therese mir gegenüber einmal äußerte, jene Jahre seien die schönsten ihres Lebens gewesen - und es wahrhaftig nicht statthaft ist, bei einem so klugen und seelisch gesunden Wesen wie ihr eine Art von Koketterie des Leidens in Rechnung zu stellen -, so müssen in diesen Jahren im Kopf dieses Bauernmädchens Erkenntnisse aufgeleuchtet haben, die alle Qualen vergessen ließen. Wir haben um so weniger Grund, daran zu zweifeln, daß die intensive Beschäftigung mit dem Leben der späteren heiligen Therese von Lisieux zur hilf- und gnadenreichen Brücke in ein höheres Leben wurde, als es feststeht, daß deren Feiertage zu Marksteinen im Leben der ihr innigst seelisch verbundenen Therese Neumann wurden: Am Tage ihrer Seligsprechung (29. April 1923), morgens um 6.30 Uhr, gewann die Konnersreuther Therese plötzlich völlig und dauernd ihre Sehkraft zurück. Am Tage aber, an dem die französische Therese heilig gesprochen wurde (17. Mai 1925), nahm nach einer Lichterscheinung die Lähmung ein so plötzliches und völliges Ende, daß Therese augenblicklich imstande war, zum erstenmal wieder aufzustehen und nach siebenjährigem Krankenlager (!) die einige Minuten entfernte Pfarrkirche zu besuchen . In der Lähmung war der linke Fuß unter dem rechten heraufgezogen gewesen und die Nägel seiner Zehen in das Fleisch des rechten Fußes hineingewachsen. Dazu hatten sich tiefe, eiternde Aufliegewunden gebildet, die jeder ärztlichen Pflege spotteten . All dies mit einem Schlag verschwunden, ohne auch nur die leiseste Narbe zu hinterlassen. Nach den Berichten der Therese Neumann war die Heilung von einer sie ankündigenden Stimme aus dem Unsichtbaren begleitet, die ihr weissagte, sie werde noch viel leiden "dürfen" und kein Arzt werde ihr helfen können. Aber sie solle nicht verzagen: "Ich hab' dir bisher geholfen und werde dir auch in Zukunft helfen!" "Ich habe geschrieben: Durch Leiden werden mehr Seelen gerettet als durch die glänzendsten Predigten!" (Dieser Satz steht im 6. Brief der heiligen Therese von Lisieux an die Missionare und verrät damit die unsichtbare Urheberin der Stimme.) Fortan ist das Leben dieses Mädchens randvoll mit Geschehnissen, die sich natürlicher Erklärung völlig entziehen. Ich übergehe die rätselhafte Heilung von einer Blinddarmentzündung am 17. November 1925, die bereits zum Durchbruch des Eiters in die Bauchhöhle geführt hatte und von der ich den behandelnden Arzt, Sanitätsrat Dr. Seidl in Waldsassen, selbst vor Gericht unter Eid aussagen hörte, es gäbe für ihn, der als Chirurg Spezialist auf diesem Gebiete sei, keine andere Erklärung als ein wunderbares Eingreifen Gottes. Ich übergehe die seltsame plötzliche Heilung von einer Bronchitis ein Jahr später im November 1926, wo die Kranke schon die Sterbekerze in der Hand hielt und der Pfarrer an ihrem Lager die Sterbegebete der Kirche sprach. Damals waren schon die Ereignisse eingetreten, die die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich zu ziehen berufen waren und von denen die Stigmatisation, die Visionen, das Hören fremder Sprachen, die Nahrungslosigkeit, die Sühneleiden und der mystische Empfang der heiligen Kommunion am meisten in die Öffentlichkeit drangen, ohne daß mit solcher Aufzählung auch nur im entferntesten das Konnersreuther Geschehen erschöpft wäre. Indem wir hier diese Phänomene einzeln vornehmen, wollen. wir nicht vergessen, daß erst ihre Gesamtheit ,das wahre Bild von Konnersreuth gibt, daß die Nahrungslosigkeit, so unerklärlich sie ist, nur ein - nicht einmal sehr wesentliches Teilphänomen ist, das etwa das Reden in fremden Sprachen nicht erklärt, noch die Stigmatisation, noch die anderen Dinge, so daß der Besucher kaum je in die Gefahr kommt, der namentlich Ärzte so gern erliegen, mit der natürlichen Deutung eines Phänomens das ganze Rätsel in der Hand zu halten, über dessen überwältigende Kraft sich nur der einen Begriff machen kann, der sie persönlich, an sich erfuhr. Die Stigmatisation. In der Mitte der Fastenzeit 1926 sah Therese nach ihrer Erzählung eines Nachts den Heiland deutlich am Ölberg knien. Gleichzeitig spürte sie es heiß an ihrem Herzen herunterlaufen. Es war Blut, das aus einer Wunde bis zum Mittag des nächsten Tages sickerte und das sie, eine neu Krankheit befürchtend, ihren Angehörige verbarg. Am kommenden Freitag erweitert sich die Vision bis zur Geißelung des Herrn und die Herzwunde begann von neuem zu bluten. Am Karfreitag 1926 aber zeigten sich blutende Wunden an den Hand- und Fußrücken und blieben, auch nachdem die Blutung auf gehört hatte. 1927 drangen sie bis in die Handteller und zu den Fersen vor und verschwanden, wie die Herzwunde, bis heute nicht mehr. Ungezählte Ärzte haben sie untersucht und an diesen seltsamen Gebilden, die nach mannigfachen Veränderungen sich heute am Handrücken als tief dunkelrote, von einem feinen Häutchen überzogene Wunden etwa in der Größe eines 10-Pfennig-Stückes zeigen, ihre Heilkünste ausüben wollen. Sie haben Therese an diesen äußerst empfindlichen Stellen arge Schmerzen bereitet, aber niemand hat es vermocht, diesen niemals vernarbenden Wunden auch nur im Geringsten beizukommen. Ihnen gesellen sich in den letzten Jahren - aber nur am Karfreitag! - die Male der Geißelung und an der rechten Schulter die schwere blutige Wunde, wo bei der Kreuztragung das Kreuzesholz auf der völlig zerschundenen Haut aufliegt. Dauernd sind dagegen die Wunden der Dornenkrone am Hinterkopf, wo sie, von den Haaren bedeckt, nicht ohne weiteres sichtbar sind. Gerade diese Wunden sind es, die an den Freitagen im Augenblick der Vision der Aufsetzung der Dornenk:rone - 7.45 Uhr - so sehr zu bluten beginnen, daß das weiße Kopftuch alsbald zum blutigen Lappen wird. Ebenso stark blutet an den Freitagen die Herzwunde, dagegen ist der Blutaustritt an Händen und Füßen verhältnismäßig gering. Zur Erklärung der Stigmatisation, die kein so seltenes Phänomen ist, wie man glauben möchte - die katholische Kirche (und nur sie) kennt seit dem heiligen Franz von Assisi etwa 400 Fälle! - wird häufig der Begriff der Autosuggestion herangezogen. Es ist hier nicht der Ort, sich auf diesen Disput einzulassen. Aber vielleicht ist es doch erlaubt, darauf hinzuweisen, daß jede Autosuggestion die Wunden zunächst im Handteller entstehen ließe, statt wie bei Therese Neumann am Handrücken. Die Visionen. Sie pflegen sich bei Stigmatisierten regelmäßig einzustellen und scheinen - wenigstens ist dies in Konnersreuth der Fall - den Bewußtseinszustand ihrer Träger derart zu beeinflussen, daß diese in ihnen völlig im Schauen aufgehen, jede Beziehung zu ihrem Alltag verlieren, so daß auch das Geschaute in ihnen keine Erinnerung an vorhandene Kenntnis erweckt und ihr Geisteszustand wie bei einem Kinde sich auf das Aufnehmen der Eindrücke beschränkt, ohne sich zunächst kritisch zu ihnen zu stellen. So kommt es, daß sie den Inhalt der Vision nach ihrem Wiedererwachen mit einer sonst ungewöhnlichen Einprägsamkeit und einem Gedächtnis wiedergeben können, wie man es normalerweise gegenüber einem gesehenen Vorgang (etwa im Kino) nicht besitzt. Bei Therese Neumann sind zwei Formen von Visionen streng zu unterscheiden: die Leidensvisionen der Freitage - die Ausnahmen haben wir kennengelernt - sind von einer Regelmäßigkeit, daß man die Uhr danach richten könnte, in der Tat hat die Reichspostverwaltung im Jahre des größten Andrangs 1927 die Postautofahrten nach Waldsassen so eingerichtet, daß die Besucher von Konnersreuth die erschütternde Vision des Todes Christi um 12.50 Uhr (gleich 15 Uhr der Ortszeit von Jerusalem!!) noch miterleben konnten. In diesen Visionen ist Therese Neumann nicht nur Zuschauerin, sondern Mit-Leidende. Aus ihrem Kopfe springt das Blut bei der Dornenkrönung, sie steht und geht in der Menge, die die Kreuztragung begleiten, und erlebt gleichzeitig die Stürze Christi. An ihren Händen sieht man das Zucken bei den Hammerschlägen der Kreuzigung, sie leidet unter dem Durst des Herrn, und sie stirbt einen qualvollen Erstickungstod, den man sich lange Zeit nicht erklären konnte, bis Doktor Hynek, Prag, den Nachweis erbrachte, daß der Kreuzestod tatsächlich ein Erstickungstod war! (Um ihre sichtbaren Oralen zu lindern, haben fürsorgliche Freundeshände, durch ihre Atemnot erschreckt, im Zimmer, wo die Vision stattfindet, eine sinnvolle Ventilation eingebaut, und man pflegte in diesem Stadium der Vision die Fenster aufzureißen, bis man endlich erfuhr, daß die Atemnot Bestandteil der Teilnahme an der Passion sei. Ebenso zeigte sich regelmäßig, daß Therese plötzlich unter der Hitze zu leiden anfing und dann versuchte, das Oberbett fortzuwerfen. Auch hier mußte man erfahren, daß es nicht die Hitze im Konnersreuther Zimmer war, sondern die Aprilsonne in Jerusalem vor bald 2000 Jahren, die nach dem Gang durch die kühlen Straßen der Stadt vor den Toren plötzlich in aller Stärke auf die Teilnehmer hereinbrach.) Nach der Schauung des Todes Christ! liegt Therese, einige Stunden völlig als Leiche anzusehen, schneeweiß mit dicken Bächen geronnenen Blutes aus beiden Augen mit jener seltsam spitzen und leblosen Nase in ihrem Bett, die für Leichen charakteristisch ist, bis sie endlich wieder imstande ist, das Geschaute, langsam erwachend, zu erzählen. Ganz anders sind die anderen Visionen, die Therese ganz unregelmäßig plötzlich überfallen. Ob sie das Leben Christi oder dasjenige eines Heiligen (in der Regel bestimmter Tagesheiliger) betreffen: Therese ist in ihnen nicht die Mitleidende, sondern nur Zuschauerin. Und Zuhörerin! Da sie körperlich nicht sonderlich groß ist, so kommt es vor, daß ein Teilnehmer der geschauten Szene ihr den Ausblick auf das Geschehen verstellt. Dann biegt sie sich aus ihrer Lage heraus, um an der störenden Gestalt vorbei freie Sicht zu bekommen. So war ich z. B. am Peter- und Pauls-Tag 1929 Zeuge der Vision der Berufung Petri, bei der irgendein Jünger des Herrn der auf einem Kanapee Liegenden den Ausblick auf die beiden Hauptpersonen versperrte. Therese beugte daher den Oberkörper, damit ihr nichts entgehe, so weit heraus, daß der Oberkörper schließlich vom Kanapee weg frei in die Luft ragte. Ich eilte hinzu, um den unvermeidlichen Sturz auf den Boden aufzuhalten, und ergriff sie, um sie zu stützen an der rechten Schulter. Es war unnötig. Sie stürzte nicht, aber ich erlebte das Unerklärliche, daß dieser ganze schwere Körper nicht mehr wog als eine Briefmarke! Die Visionen betreffen in der Fastenzeit die täglichen Evangelien. An Allerheiligen und Allerseelen (1.-2. November) führen sie Therese zu einer Schau des Paradieses und des Reinigungsortes (mit sehr seltsamem Inhalt), an Weihnachten zeigt sich die holde Geschichte von Christi Geburt mit der Anbetung der Hirten und an Epiphanie die, drei Jahre später - das Christuskind hat längst das Gehen gelernt und gibt jedem Besucher die Hand! - Anbetung der drei "Könige". Diese Visionen begleiten das ganze Kirchenjahr. Sie werden ergänzt von den Visionen aus dem Leben bestimmter Heiliger, sei es, daß Therese besondere Beziehungen zu ihnen hat, sei es, daß sie besondere Beziehungen zu Konnersreuth haben, wie etwa der heilige Laurentius, der der Patron der Pfarrkirche ist. So erlebt Therese Szenen aus dem Leben des Evangelisten Johannes, des heiligen Franz von Sales und die Vision, die Bernadette Soubirous am 11. Februar 1858 in Lourdes von der Mutter des Herrn hatte.
Das Hören fremder Sprachen. Als die Freitagsvisionen 1926 begannen, hat Therese Neumann, von ihnen berichtend, ihrem Ortspfarrer Josef Naber Worte wiedergegeben, die sie in den Visionen gehört haben wollte und die der Pfarrer nicht verstand. Er erkannte nur, daß sie nicht hebräisch waren. Erst später, als der Eichstätter Hochschulprofessor Dr. Franz Wutz nach Konnersreuth gekommen war und angezogen von dem dortigen seltsamen Geschehen seinen ersten (äußerst skeptischen!) Besuch achtmal wiederholt hatte, vernahm er zu seinem Erstaunen aus dem Munde der Leidenden in der ihm wie wenigen Zeitgenossen wohl bekannten aramäischen Sprache – der Umgangssprache in Palästina zur Zeit Christi - die Worte des Heilands am Kreuz: "Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!" Den Worten folgten im Lauf der Zeit ungezählte andere. Sie entsprachen nicht immer dem, was Wutz erwartete, und lieferten seinem philologischen Wissensdurst viele Korrekturen. Ich selbst habe wiederholt die Protokollierung solcher gehörter Sätze mitgemacht und mußte immer zunächst über das fabelhafte Gedächtnis staunen, mit dem Therese sie über Wochen hinaus im Kopfe zu behalten pflegt. Dies ist um so schwieriger für sie, als sie von den wiedergegebenen Worten nicht eines versteht. Es ist so, wie wenn ich heute zwei Neger sich in Suaheli miteinander unterhalten hörte, und dieses mir gänzlich unverständliche Gespräch nach einem Vierteljahr genau in dem Tonfall wiedergeben könnte. Diese grammophonartige Wiedergabe geht so weit, daß mein im Aramäischen wirklich gänzlich ungeübtes Ohr die starken Unterschiede zwischen der gepflegten Sprache des Hohenpriesters und der merkwürdig gutturalen, bäuerlichen Stimme des von ihm verhörten Petrus deutlich erkennen konnte. Diese gutturale Stimme, die etwa an das Sprechen der Tiroler erinnert, vergißt sich nicht leicht: sie ist auch zu erkennen, wenn Therese die Pfingstpredigt des Petrus wiedergibt - in ungeschminktem Oberpfälzer-Dialekt: war es doch die Predigt, die ein jeder vernahm in seiner Sprache! Diese Tatsache der Wiedergabe ganzer aramäischer Sätze wurde 1927 auf Veranlassung derZeitung, in deren Schriftleitung ich damals saß ("Münchener Neueste die u Nachrichten") von dem Hallenser Universitätsprofessor Bauer nachgeprüft und bestätigt. Bemerkt sei, daß Therese Neumann die von ihr gehörten hebräischen, nicht aramäischen Gebete, das Griechisch, das sie bei einigen Szenen aus dem Leben des Johannes, das Lateinisch das sie bei der Vision der Marter des heiligen Laurentius das Pyrenäen-Französisch daß sie bei der Lourdes-Vision hört, mit der gleichen Genauigkeit wiederzugeben imstande ist. Man hat zur Erklärung des Phänomens vielfach behauptet es gehe auf Suggestion durch Professor Wutz zurück. Die Tatsache, daß Therese schon vor dem Besuch Wutz' die aramäischen Worte hörte, die ihr Pfarrer nicht verstand, und daß sie sie auch nach dem Tode Wutz' (gest. 19. 3. 1938) weiterhört, macht diese etwas allzu einfache Behauptung illusorisch.
Die Nahrungslosigkeit. In unserem Zeitalter des Wiegens und des Messens ist sie es, die unverdientermaßen zu einer Art Kernproblem gemacht wurde. Für Therese Neumann ist sie eine wahre Tortur, da sie sich um ihretwillen den stärksten Belästigungen und Anpöbelungen, dem unverfrorensten Anzweifeln ihrer persönlichen Ehrlichkeitausgesetzt sieht. Die Nahrungslosigkeit ist für sie weder eine Form der Nachfolge Christi - den sie selbst bei der Hochzeit von Kana essen und trinken sieht! - noch eine Form der Askese: sie ist einfach eine Prüfung ihrer Geduld! Die Nahrungslosigkeit besteht für feste Nahrung seit Dreikönig 1923, für flüssige Nahrung seit Weihnachten 1926. Seither lebt Therese Neumann tatsächlich nur von der heiligen Kommunion. Eine vierzehntägige Untersuchung 1927 (14. bis 28. Juli), die von vier vereidigten Klosterfrauen unter der Kontrolle und nach den Anweisungen des Prof. Ewald, Erlangen (seither in Göttingen), und des Hausarztes Dr. Sei dl durchgeführt wurde, hat von Ewalds damaligem Erlanger Kollegen Geh. Rat Prof. Dr. Specht das Zeugnis erhalten, sie sei "in nicht mehr zu übertreffender Sorgfalt und Wissenschaftlichkeit vorgenommen worden". Therese wurde diese 14 Tage Tag und Nacht von je zwei Schwestern im Auge behalten. Das zum Reinigen ihrer Zähne benötigte Wasser wurde vor und nach Gebrauch gemessen, zum Waschen durfte kein Schwamm, sondern nur ein feuchtes Tuch benutzt werden usw. Das Ergebnis war: keinerlei Nahrungsaufnahme. Ihm standen folgende Gewichtsmessungen gegenüber: nach dem ersten Freitag eine Gewichtsabnahme von 8 Pfund, bis zum zweiten Freitag eine Gewichtszunahme von 6 Pfund, am zweiten Freitag eine Gewichtsabnahme von 3 Pfund, bis zum nächsten Freitag eine Gewichtszunahrie von 5 Pfund, so daß Therese, da Ab- und Zunahme je 11 Pfund betrugen, am Ende der Beobachtungsperiode - in der sie nichts zu sich genommen hatte - genau soviel wog, wie an ihrem Anfang. (Mir ist wohl die Annahme erlaubt, daß meine Leser selbst beurteilen können, daß eine Gewichtszunahme von 6 und 5 Pfund in je einer Woche eine Nahrungsaufnahme voraussetzt, die der Beobachtung bestimmt nicht entgangen wäre, so daß hier mit Sicherheit ein natürlich nicht erklärbarer Vorgang vorliegt.) Es ist hier nicht der Ort, dem Labyrinth von Urinuntersuchungen und ähnlichen Dingen nachzugehen, mit denen unsere entgötterte Zeit einem Phänomen zu Leibe rücken will, das im Wesen rein geistiger Natur und von dem die Nahrungslosigkeit nur eine fast belanglose Nebenerscheinung ist. Jedenfalls glaube ich nicht, daß jemand, der jemals wie ich den Konnersreuther Alltag mitmachte, über die Nahrungslosigkeit auch nur einen Gedanken verliert. So unerklärlich sie ist: es gibt dort noch wesentlich Unerklärlicheres. Sankt Bürokratius zog nüchtern die Konsequenz und gab in den Kriegs- und Nachkriegsjahren statt der Lebensmittelkarten einen Zusatz an Seifenkarten, wie ihn die starken Blutungen aus den Haaren, den Augen, der Herzwunde an den Freitagen erwünscht machen. Diese Nahrungslosigkeit dauert nun schon beinahe dreißig Jahre. Ich appelliere an die Phantasie meiner Leser, sich auszudenken, welche Mittel sie gebrauchen würden, um ihrer Mitwelt eine völlige Nahrungslosigkeit vorzutäuschen, deren Ziel nebenbei ganz sinnlos wäre, weil Stigmen und Visionen usw. dem Geltungsbedürfnis eines danach strebenden Menschen wohl genügen dürften und die Nahrungslosigkeit für Therese, wie gesagt, nur die Quelle unendlicher Plackereien und Verdächtigungen ist. Insbesondere stellt die Getränkelosigkeit ein nicht zu lösendes Problem dar: Brotkrumen sind schließlich in einem faltenreichen Rock leichter zu verstecken als Flüssigkeiten! Ich weiß, daß deren Fehlen Therese längstens zur Mumie hätten verdorren lassen müssen, ich weiß aber auch, daß es dies nicht tat. Daß man zweifelnd nach dem "Wieso?" fragt, ist bei allen Menschen selbstverständlich. Gäbe es darauf eine Antwort, so wäre der Fall nicht sonderlich interessant. Erst, daß es keine Antwort gibt, läßt die Zusammenhänge ahnen und von einem "Wunder" reden, das übrigens in der Geschichte der Kirche beträchtlich mehr Parallelen hat, als man glaubt.
Die Sühneleiden der Therese sind zweierlei Art, beide aus überströmender Nächstenliebe geboren. So übernimmt Therese die körperlichen Leiden irgendeiner Person, ohne daß man häufig die Zusammenhänge erkennen kann. Da leidet sie die Lungenentzündung eines andern, die Brandwunden eines dritten mit allen Erscheinungen der Krankheit und der Schmerzen, während der "rechtmäßige" Träger der Schmerzen augenblicklich geheilt ist. Diese Fälle sind ungemein zahlreich. Ebenso die zweite für Therese sehr viel schmerzlichere Art des Sühneleidens: die Übernahme der Leiden der Seele eines Verstorbenen im Reinigungsort. Ein Mensch, dessen ganzes Leben im Schatten und im vertrauten Umgang mit dem Heiland sich abspielt und der auf diesen Umgang freiwillig verzichtet, um das Leiden eines Verstorbenen zu übernehmen, das ein brennendes Leiden der Sehnsucht ist, leistet damit eine heroischere Tat, als wir erkennen können, die wir nicht in dieser seelischen und geistigen Höhenluft leben.
Die mystische heilige Kommunion. Als ich erstmals im Juli 1927 nach Konnersreuth kam, hatte Therese das Kehlkopfleiden eines werdenden Priesters übernommen, der, hätte er es behalten, nicht hätte geweiht werden können. Infolge dieses Leidens war ihr das Schlucken unmöglich und die heilige Kommunion konnte - ich war davon Zeuge - nur in der Weise erfolgen, daß Therese ihren Kopf so hielt, daß ein winziges, angefeuchtetes Stück der heiligen Hostie gleichsam infolge der eigenen Schwere in den Schlund fiel. Wenige Monate später begann eine andere Art der heiligen Kommunion, die seither alltäglich geworden ist: die konsekrierte Hostie wird dem sie reichenden Priester gewissermaßen aus den Fingern gerissen und verschwindet ohne jede Schluckbewegung. Ich bitte meine Leser, überzeugt zu sein, daß ich als Sohn des 20. Jahrhunderts und aus der wissenschaftlichen Schulung eines Astronomen kommend, in der man wahrhaftig exakt zu beobachten gelehrt wird, mir sehr bewußt bin, daß ich auf jene Skepsis stoße, die auch mich in stärkstem Maße begleitete, als ich zum erstenmal in den Umkreis dieses Mädchens trat. "Amicus Plato, magis amica veritas!" ("Kostbar das Urteil der Wissenschaft, wertvoller die Wahrheit aus eigener Erkenntnis!") Wollte ich die Dinge Ale erzählen, die ich in den 19 Jahren meiner Vertrautheit mit Konnersreuth erlebte, so wäre kaum ein Ende zu finden. Ich möchte mich daher mit Phänomenen begnügen, die am meisten Aufsehen erregten und andere, wie z. B. jenes der "Bilokation", wo Therese an zwei entfernten Orten zugleich gesehen wurde, schon deshalb hier übergehen, weil ich nicht Zeuge war und nicht dafür einstehen kann, wie ich es für alles Berichtete tue. Über die Persönlichkeit Theresens mich zu äußern, möchte ich unterlassen. Es ist ja wohl nicht Sitte, sich über das Wesen eines noch lebenden Mitmenschen in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Nur soviel sei gesagt, daß diese kluge, geistig ungemein lebendige und - wie mir scheint - kerngesunde Frau mir in der moralischen Höhenlage ihres Charakters selbst dann den allergrößten und nachhaltigsten Eindruck gemacht hätte, wenn nichts ihre bescheidene und demütige Person so sehr aus der Reihe ihrer Mitschwestern hervorheben würde. Gegnerschaft jeder Art, Anzweiflung ihrer Ehrlichkeit und jener ihrer Angehörigen und Freunde, auch aus den Kreisen der katholischen Geistlichkeit, umdrängen ihre Gestalt. Aber im allgemeinen wage ich es zu sagen, daß die Grenze zwischen ihren Freunden und ihren Gegnern weitgehend identisch ist mit jener zwischen denen, die in Konnersreuth waren, und jenen, die es nicht waren. Es ist besonders in der Hitler-Zeit vielfach die Frage nach Theresens prophetischen Fähigkeiten aufgetaucht und tausend Legenden haben darüber ihre Gestalt gefährlich umspiegelt. Mir ist nie eine Prophezeiung allgemeiner Art von ihr bekannt geworden, so viele ich im privaten Bezirk kenne. Zwei solche, die mich selbst betrafen, darf ich herausgreifen: Am Sonntag, dem 24. Juni 1938, besucht mich plötzlich und unangesagt in Hohenstein in Württemberg der mir befreundete Fürst Erich zu Waldburg-Zeil, im Auto aus Konnersreuth kommend, um mich im Auftrag von Therese Neumann zu warnen, da eine Hausuntersuchung der Gestapo bei mir in den nächsten Tagen bevorstünde. Die Warnung mir brieflich zu schicken hatte Therese meinem Besucher nicht gestattet. Zwei Tage darauf erschien bei mir die Gestapo, machte die Haussuchung und verhaftete mich wieder einmal. Dies war der eine Fall. Der andere spielte zwei Jahre später. Da ich eine Angelegenheit mit Therese Neumann besprechen wollte, fragte ich Ende Juni 1940 bei ihr an, wann ich sie aufsuchen könnte. Die Antwort, die vom 5. Juli datiert ist, lautete, dies könne erst nach dem 15. August der Fall sein. Am 7. Juli 1940 wurde Therese Neumann bei einer Primizfeier in der Umgebung von Eichstätt in der sommerlichen Hitze von einem Gehirnschlag getroffen, der sich am 10. und 13. Juli wiederholte, Theresens rechte Seite vollkommen lähmte und ihr Ableben erwarten ließ. Sie konnte nicht mehr sprechen, und nach dem Berichte des Pfarrers an mich mußte es als vollkommen ausgeschlossen gelten, daß jemals der Zustand sich noch wesentlich bessern würde. Da erfolgte am 15. August, während der Vision der an diesem Tage von der Kirche gefeierten Himmelfahrt Mariä, die vollkommene Heilung. Genau, wie Therese es mir am 5. Juli hatte mitteilen lassen, zwei Tage vor ihrem Schlaganfall, konnte ich sie alsbald nach dem 15. August besuchen und feststellen, daß von der sechswöchigen Lähmung nichts übriggeblieben war. Es sind für die Konnersreuther Phänomene Erklärungen von jeder Art versucht worden, wobei namentlich die Diagnose "Hysterie", wenigstens bei jenen, die nie in Konnersreuth waren, eine erhebliche Rolle spielte. Ich bin nicht Mediziner und weiß nicht, ob Hysterie die beiden mich betreffenden Prophezeiungen erklären kann, über die mich vereidigen zu lassen ich jederzeit bereit bin. Immerhin ist die Diagnose "Hysterie" nicht ohne jeden Anhaltspunkt. Als nach dem oben erwähnten Brandunglück vom 10. März 1918 es sich für Therese Neumann um eine Unfallrente handelte, begründete der behandelnde Arzt, Sanitätsrat Dr. Seidl (der gleiche, der später vor Gericht [15. 4. 1929] unter Eid aussagte, daß die Heilung von der Blinddarmentzündung vom 17. November 1925 nur durch ein wunderbares Eingreifen Gottes im striktesten Sinn des Wortes zu erklären sei), den Antrag auf diese Rente mit der Diagnose "schwerste Hysterie". (Unfallakt vom 27. 2. 1920.) Später ist Dr. Seidl (22. 11. 1927) von dieser Diagnose weitgehend abgerückt. Trotzdem ist es begreiflich, wenn Wissenschaftler, die Therese Neumann niemals gesehen haben, wenn sie sich schon einer Ferndiagnose schuldig machen, sich auf jenes Gutachten von 1920 stützen. Mir fällt dies schwerer. So fern es mir liegt und liegen muß, den Streit der Ärzte mit meinem laienhaften Geplauder zu verwirren, ein kleines Erlebnis möchte ich doch in die Debatte werfen: Ich habe oben erzählt, daß, bei der Freitags-Vision des Leidens des Herrn, Therese Neumann sich ihres Oberbetts mitunter zu entledigen versucht, wenn der Zug der Kreuztragung die schattigen Gassen Jerusalems verlassend, vor den Toren in die pralle Frühlingssonne tritt. Dies geschah auch an dem ersten Freitag, den ich in Konnersreuth war und an dem ich begreiflicherweise das erschütternde Geschehen aus allernächster Nähe aufmerksamer und sorgfältiger verfolgte als jemals später. Es war der Freitag, 8. Juli 1927. Die Füße der Therese Neumann blieben unbedeckt und man sah sie unter den Hammerschlägen der Kreuzigung schmerzhaft zusammenzucken. Bald bildete sich an einem der Fußstigmen ein wachsender Tropfen dunklen Blutes, wuchs, wuchs und löste sich schließlich von der Wunde. Die Schwerkraft hätte eindeutig befohlen, daß er gegen die Fußwurzel hätte fließen müssen. Aber der Tropfen tat es nicht, sondern floß fast senkrecht in die Höhe in der Richtung auf die Zehen, wie er es vor fast 2000 Jahren an Christi Kreuz getan hat! Es gibt auf Erden keine Macht, die einen freifließenden Tropfen zwingen kann, in die Höhe zu fließen, auch nicht die Allerweltszauberin Hysterie. Später erzählte mir der Pfarrer, daß diese Mißachtung der Naturgesetze alltäglich sei, auch an den Armen, wo sie mir nicht auffallen konnte, da deren Lage das Fließen in der Richtung der Schulter hinreichend erklärte. Wer allein kann den Naturgesetzen so gebieten zu schweigen? Doch wohl nur der, der sie schuf. Die Kirche hat zum Falle Konnersreuth vorsichtig noch kein gültiges Wort gesprochen, und ihrem Urteil vorzugreifen, liegt diesen Zeilen fern. Was sich in Konnersreuth begibt, sagt an sich nichts über Therese Neumann aus. Erst wenn ihr Leben vollendet vor dem Urteil der Kirche liegt, kann dieses ausgesprochen werden, wobei Wunder, die an ihr geschahen, nichts oder nur wenig wiegen neben Wundern, die vielleicht einmal durch sie geschehen werden. Was ich hier geben wollte, ist fern von jeder Polemik, eine Darstellung dessen, für dessen objektive Wahrheit ich mich verbürgen kann. Es wird meinen Lesern vielleicht scheinen, daß es erstaunlich genug sei.
Die erste Begegnung mit Konnersreuth (7.-13. Juli 1927)
Professor Wutz erzählte, wie ein Zufall ihn zum erstenmal nach Konnersreuth geführt habe. Er sei mit seinem Auto und einigen Freunden in Waldsassen gewesen und da sei - es war gerade Freitag - der Gedanke aufgetaucht, in dieses Nachbardorf hinüberzugehen und sich die seltsamen Begebenheiten anzusehen, die man sich von dort erzählte. So sei es gekommen, daß er vor mehr als einem Jahre mit Therese Neumann zusammenkam. Er sah, was sich begab. Sah, daß dies etwas anderes, etwas ungleich Ergreifenderes sei, als was gemeiniglich ab und zu von anderen Orten und von krankhaften Frauen erzählt wird. Er kam allein am Samstag wieder, und seither sind wenige Freitage vergangen, an denen er nicht dort war trotz der mehr als zweihundert Kilometer, die seinen Wohnsitz von Konnersreuth trennen. Aber erst nach dem achten Besuch gelang es ihm, Einblick in das zu gewinnen, was die "Resl" sah. Nun muß man wissen, daß Prof. Wutz, mit dem mich von früher her Freundschaft verbindet, unter den heute lebenden Kennern des alten Orients einen der ersten Plätze einnimmt, daß ihm die Sprachen der Zeit Christi in allen Dialekten geläufig sind, daß er das alte Palästina und seine Sitten kennt, wie kaum ein anderer, und ihm das Jerusalem, das Titus zerstörte, in seinen Straßenzügen so vertraut ist, als überliefertes Wort und Ausgrabung es nur vertraut machen können. Man muß dies wissen, um einerseits zu verstehen, daß solch kritisch geschulter Kopf zunächst von mir das Vertrauen erwarten konnte, daß eine Angelegenheit, die sein Interesse in so hohem Maße anzog, kein Reservat für Leichtgläubige sei. Andererseits aber machen solche Kenntnisse es begreiflich, daß das Mädchen in Konnersreuth, das bisher niemanden getroffen hatte, der seine Geschichte besser verstanden hätte, als jeder Kenner der Evangelien es könnte, ihr Vertrauen rückhaltlos dem Manne offenbarte, der die ihr unbekannte Sprache verstand, die sie hörte, der ihr die Häuser und Straßen erklärte, durch die sie ihn im Geiste führte, und der in das Chaos des Geschehens, das sie sah, die Ordnung brachte, die sie selbst nicht bringen konnte. Ich ergriff daher gerne die Gelegenheit in Begleitung meines Freundes Professor Wutz' Konnersreuth zu besuchen. Ich habe mit seiner Hilfe Dinge gesehen und erlebt, die in Worte zu fassen unendlich schwer ist und die doch wie nach einem inneren Gesetz nach Ausdruck drängen. Sechs Tage war ich in Konnersreuth. Ich schmeichle mir nicht, in ihnen das Phänomen ergründet zu haben - wer könnte das? - oder mehr zu wissen, als sechs Tage täglichen Umgangs mit Therese Neumann und Augenzeugenschaft der gesamten Erscheinungen eines Freitags geben können. Ich werde mich im folgenden darauf beschränken zu berichten, was meine gesunden Sinne mir vermittelten, und ausdrücklich bemerken, wenn nicht sie, sondern Erklärungen meines Führers und Freundes Quellen meines Wissens sind. Im Flur des Konnersreuther Pfarrhofs sah ich am Abend eines Donnerstags (7. Juli 1927) Therese Neumann zum erstenmal, ein mittelgroßes Mädchen, dessen bäuerliche Züge auch slawischen Bluteinschlag vermuten lassen und dessen ganzes Gesicht beherrscht wird von zwei großen, tiefliegenden Augen von unendlicher weicher Güte und von einer ungewöhnlich verstehenden Intelligenz. Halbhandschuhe verbergen die Wundmale der Hände, der Gang auf den Kanten der Ferse verrät jene der Füße. Der Donnerstag ist ein unruhiger Tag. Der ganze Pfarrhof ist voll von Geistlichen, die um der Ereignisse des Freitags willen gekommen sind, und alle paar Minuten wird die Türe von Scharen von Laien geöffnet, die scheu und voll Verehrung mit dem Mädchen sprechen wollen und von ihm trotz aller sichtbaren Ungeduld über soviel Neugier, zwar mit einiger Verlegenheit, aber doch mit der natürlichen Güte und dem Takt unserer bayerischen Bauern empfangen und begrüßt werden. Da ist wenig Gelegenheit zu persönlicher Bekanntschaft. Drum sei hier vielleicht eingeschaltet, was mir mein freundlicher Gastgeber, der Pfarrer, im Laufe des Abends über die Resl erzählte. Seit 18 Jahren im Amt hat der Pfarrer die nunmehr (1927) im 29. Lebensjahr Stehende noch in der Schule kennengelernt. Als ältestes von zehn Kindern armer Schneidersleute geboren, war die Resl auf der Schule in keiner Weise eine irgendwie auffallende Erscheinung. Nichts unterschied vor allem die Äußerungen ihrer Frömmigkeit von jenen ihrer Mitschülerinnen. Wenn etwas sie auszeichnete, so war es ihr Fleiß, der sie auch in den Dienst begleitete, in den sie alsbald nach der Werktagsschule als Magd in einem Nachbarhause eintrat. Sie war eine kräftige Helferin, die in den männerlosen Jahren des Krieges tüchtig zugriff und der es nicht schwer fiel, Säcke von einen bis anderthalb Zentner die steilen Treppen in die Speicherräume des Hauses hinaufzutragen. Bei solcher männlicher Tätigkeit ereilte sie auch der Unfall, der ihres Lebens Wendung wurde. Im Frühjahr 1918 brach in dem Anwesen ihres Dienstherrn ein Brand aus. Bei den Löscharbeiten scheint die tatkräftig zugreifende Magd zu schwer getragen zu haben. Auf einer Leiter brach sie anscheinend infolge Verletzung eines Lendenwirbels zusammen und mußte gelähmt vom Platz getragen werden. Über sieben Jahre blieb sie unbeweglich in dem ärmlichen Zimmer im ersten Stock ihrer elterlichen Wohnung, in dem sie noch heute lebt, und eine völlige Erblindung beider Augen, die sich im Jahre 1919 zu dem Unglück gesellte, schien sein Maß bis an die Grenze des Erträglichen zu vollenden. Sie selbst freilich nannte mir gegenüber die Jahre ihrer Blindheit die glücklichsten ihres Lebens. Was sich in dieser erzwungenen Muße in ihr vollzog, wird sich wohl nie ganz enthüllen. Beschränkt auf die Tätigkeit des Geistes, mag sie besonders aufmerksam auf barmherzige Erzählungen gelauscht haben, die ihr u. a. von einer kleinen, ihr schon aus einigen populären Schriften bekannten Französin berichteten, die, erst 24jährig, 1897, in einem Kloster Frankreichs starb und deren kluge und ergreifende Lebensgeschichte, die sie selbst schrieb, der Kranken Stoff zum Nachdenken gab. Zwischen der oberpfälzischen Therese und ihrer toten französischen Namensgenossin Therese Martin entspannen sich geistige Beziehungen, die zu durchforschen weder unsere Aufgabe ist, noch darzustellen wenigstens meiner Feder möglich wäre. Als Chronist, nicht als Augenzeuge verzeichne ich, daß in wiederholten Gesichten die französische Therese der unsern erschien und ihr ein Leben voll Leiden verhieß, die kein ärztliches Mittel lindern könne, daß am gleichen Tag, an dem Papst Pius XI. in Rom die Französin selig sprach (29. April 1923), Therese Neumann plötzlich sehend wurde, und daß endlich 1925, am 17. Mai, am Tage der Heiligsprechung der nunmehrigen heiligen Therese vom Kinde Jesu, der rechte Fuß der Resl vom linken herabglitt, sie sich erheben konnte und am Arme ihrer Mutter in die hundert Schritte entfernte, so lange nicht mehr gesehene Dorfkirche ging, Gott für eine Heilung zu danken, die nicht ihr allein als wunderbar erschien. Ich verzeichne dies als Chronist; denn mein Bericht über das, was ich als Augenzeuge sah, wird vieles zu erzählen haben, was viel wunderbarer scheint, als diese merkwürdige Heilung.Wer heute Therese Neumann aufsucht, dessen Interesse wendet sich zunächst zwei Dingen zu: den Wundmalen Christi, die ihr Körper trägt, und ihrer Nahrungslosigkeit. Die Tatsache der Stigmatisation ist nicht so selten, als man anzunehmen geneigt ist. Eine Aufstellung von Imbert-Gourbayre: "La stigmatisation et l'extase divine" (Paris 1894) zählt bis zum Jahre 1891 seit dem heiligen Franz von Assisi 321 mehr oder weniger vollständige, beglaubigte Fälle, von denen immerhin 41 männliche Wesen betraf en. Auch gegenwärtig ist außer der Therese von Konnersreuth noch die Stigmatisation eines Mannes in Italien bekannt. Nicht hierin also liegt bei aller Seltenheit und Unklärbarkeit das Auszeichnende unseres Falles. Auch das möchte ich nicht als sehr wesentlich betrachten, daß die Geschichte meines Wissens kein Beispiel kennt, in dem die Stigmatisation eine derartig vollkommene ist, wie hier. Nicht nur zeigen Hände und Füße seit Karfreitag 1926 die Wundmale Christi, sondern auch die Wundmale der Dornkrönung sind sichtbar und die große Seitenwunde an der linken Brust, die nach dem mir zugänglichen blutigen Abdruck auf Verbandwatte etwa fünf Zentimeter lang ist und etwa einen Zentimeter weit offen. Die Wunden traten bei den Gliedmaßen zunächst an der Rückseite der Hände und Füße auf und drangen erst in diesem Jahre am Karfreitag bis zur inneren Handfläche bzw. bis zur Fußsohle durch. Prof. Wutz konnte den Vorgang beobachten. Das Mädchen, das an den Freitagen blind ist, klagte plötzlich, daß jemand ihr Wasser in die Handflächen gegossen habe, und als man nachsah, erkannte man, daß diese Flüssigkeit Blut sei. Gleichzeitig war der Durchbruch an den Füßen erfolgt. Das Mädchen selbst erblickte erst am Samstag die geschehene Veränderung. Die Wundmale sind auf dem Rücken der Gliedmaßen schwarz verkrustete Stellen etwa in der Größe eines Zehnpfennigstückes, an der andern Seite etwas kleiner und rötlicher. Sie sind im höchsten Maße druckempfindlich. Am Donnerstag abend verlieren sie ihre Härte und werden mehr wie frische Wunden, doch habe ich die Wunden an den Händen auch am Freitag nicht bluten sehen, während jene an den Füßen im Gegensatz zu früher in letzter Zeit etwas Blut abzugeben beginnen. Doch ist dies gar nicht vergleichbar mit der Blutabsonderung an Brust, Kopf und Augen. Trotz der großen Scheu, die die Resl davor hat, diese sechs Wundmale zum Gegenstand der Neugier zu machen, habe ich sie oft und aus allernächster Nähe gesehen, daß über ihre Natur kein Zweifel sein kann. Was die klaffende Brustwunde betrifft, so befindet sie sich an der linken Brust, also an anderer Stelle, wie bei Christus, ein Widerspruch, der von der Trägerin der Wunde von Anfang an erkannt wurde, die selbst in einer Vision den Speerstoß sah, der von der rechten Brustseite quer durch die Brust gehen, auf der linken Vorderseite der Brust noch di Haut hob. Wie tief bei der Resl die Brust wunde geht, ist gegenwärtig wohl nicht fest. zustellen. In den ersten Monaten schien sie ziemlich flach zu sein, neuerdings scheint sie sich stark vertieft zu haben, so daß das Mädchen das Gefühl hat, auch sie müßte bald durch das Herz durch auf dem Rücken sichtbar werden. Diese Veränderung war eine plötzliche. Wie mir gesagt wurde, geschah sie in diesem Jahre an dem Tage, an dem die Kirche das Herz-Jesu-Fest begeht. Vielleicht darf hier an die überlieferte "transverberatio cordis" der im übrigen nicht stigmatisierten großen heiligen Theresia von Avila erinnert werden, deren Andenken die Kirche am 28. August feiert. Ein Kranz von acht Wunden am Hinterkopf nötigt die Leidende ständig ein Kopftuch zu tragen. An den Augen ist im normalen Zustand nichts für den Laien zu erkennen. In unserer Zeit des Kults alles Meßbaren hat die Nachricht am meisten Staunen erregt, daß Therese Neumann seit Jahr und Tag keinerlei Nahrung zu sich nimmt, seit etwa einem halben Jahre auch keine flüssige mehr. Wie mir mitgeteilt wurde, will ein von Medizinern der Erlanger Universität erstelltes Gutachten nach eingehender Untersuchung dies darauf zurückführen, daß die Schluckmuskeln gelähmt sind. Das Wort "keinerlei Nahrung" ist wörtlich zu verstehen. Nur der tägliche Genuß der heiligen Kommunion in einem kleinen in etwas Wasser aufgeweichten Teil einer Hostie könnte als Ausnahme gelten. Wer aber je, wie ich, solch heiliger Handlung beiwohnen durfte, weiß, mit wieviel Schmerzen und Beschwerden der oft minutenlange Versuch verbunden ist, selbst dieses quantitative Nichts in den Schlund gleiten zu lassen. Wollte man sich vorstellen, daß bei solcher Verfassung eine regelrechte Ernährung stattfände, so wäre eine solche nicht nur nicht ohne Assistenz, sondern auch nicht ohne stundenlange Qualen möglich. Da trotz dieser Nahrungslosigkeit Magen und Nieren normal weiter funktionieren, so möchte ich es medizinisch besser geschulten Federn überlassen, ein Bild der täglichen körperlichen Beschwerden zu entwerfen, die die Folge davon sind. Therese Neumann, die untertags höchst selten allein ist, hat während meines Konnersreuther Aufenthalts fast regelmäßig meinen Mahlzeiten im Pfarrhof beigewohnt. Ihre völlige Enthaltsamkeit gegenüber jeder Speise, die absolute Interesselosigkeit gegenüber Bedürfnissen, die wir als so primär lebensnotwendig empfinden, verblüfft nur kurze Zeit. Das Konnersreuther Erlebnis würde nicht das geringste seiner Größe einbüßen, wenn diese Verhältnisse anders wären, und man wundert sich beinahe, daß gerade diese Seite des Phänomens ein Interesse wachruft, das wohl begreiflich ist, aber an Ort und Stelle wie eine völlig belanglose Nebenerscheinung wirkt. Die Skepsis möchte trotz aller physischen Unmöglichkeit vielleicht nach dem Begriff "Schwindel" greifen. In der Kette der Ereignisse, die ich zu schildern habe, und die weltfern von jedem Schwindel sind, wird vielleicht auch das schärfste Mißtrauen erkennen, wie gleichgültig diese Begleiterscheinungen sind, viel zu gleichgültig, als daß sich Schwindel mit ihnen beschäftigen möchte, ganz abgesehen natürlich davon, daß jene Therese Neumann, die ich kennenzulernen die Ehre und das Glück hatte, weit über diesem niedrigsten aller Verdachte steht. Unsere Schilderung kehrt zu ihrer Person zurück. Wann ihre ekstatischen Visionen begannen, ist nicht sicher festzustellen. Sie scheint sie in begreiflicher Scheu längere Zeit verheimlicht zu haben, bis ein Verbergen nicht mehr möglich war. Gegenwärtig treten die Visionen der Passion mit der größten Regelmäßigkeit in jeder Nacht vom Donnerstag auf Freitag etwa um halb ein Uhr auf und dauern bis Freitag mittag um 12 Uhr 55 Minuten. Ausgenommen sind nur die Freitage der Osterzeit, d. h. von Ostern bis zu dem dem Dreifaltigkeitssonntag folgenden Freitag. An den Kirtagen umfaßten die Ekstasen in diesem Jahre (1927) auch das Abendmahl und gingen unter furchtbarsten Qualen bis weit in den Nachmittag, wo sie auch noch die Ereignisse nach dem Tode Christi umfaßten. Sonst beginnen sie jetzt mit dem Gang Christi in den Garten Gethsemane und enden mit dem Tode Christi, der jedoch regelmäßig, wie oben bereits gesagt, um ein Uhr mittags, also zwei Stunden vor der historischen Zeit, eintritt. Die Durchbohrung mit der Lanze, sowie die der Schächer, die durch Zerschlagen der Gelenke und des Brustkorbes mit Keulen erfolgte, ist also in diesen Visionen nicht mehr enthalten. Andere ekstatische Visionen, auf die ich teilweise noch zurückkommen werde, fanden an Mariä Verkündigung (25. März), an Weihnachten, Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten, sowie an den Gedenktagen der eingangs erwähnten heiligen Therese vom Kinde Jesu statt. Sie sind natürlich nicht mit den Schmerzen verbunden, die sich an das Miterleben der Passion knüpfen, sondern haben, einfach ausgedrückt, lediglich den Charakter historischer Bilder. Was ich in Konnersreuth erlebte an Begebenheiten, die sich unsern Begriffen fast noch mehr entziehen, als unsern Worten, war das Miterleben der Passion Christi am Freitag, 8. Juli dieses Jahres (1927). Um zu vermeiden, daß die Schilderung dieses Erlebens allzu oft durch Erklärungen unterbrochen wird, scheint es mir nötig, hier alles vorwegzunehmen, was dem Drama, das sich vor meinen Augen .abspielte, als äußere Erklärung dienen kann. Wir müssen bei Therese Neumann drei völlig verschiedene Zustände unterscheiden; die Ekstase, die allein ihr die Kenntnis und den Anblick der historischen Begebenheiten vermittelt, die sich um das Leben Christi spinnen, den Normalzustand an allen Tagen der Woche, mit Ausnahme der Freitage und endlich einen Zwischenzustand, der den ganzen Freitag über anhält, auch die Pausen zwischen den einzelnen Ekstasen anfüllt, und den ich im folgenden den Zwischenzustand neuen werde. Über den Normalzustand werde ich am Ende meiner Schilderung noch zu sprechen kommen. Soviel sei nur hier festgestellt, daß genaueste ärztliche Prüfung durch die oben erwähnte Erlanger Kommission zum Ergebnis kam, daß Therese Neumann nicht nur keine Spur eines Zustandes zeigt, den man gerne unter dem Sammelnamen "hysterisch" charakterisieren möchte, sondern daß ihre kritische Wahrheitsliebe besonders hervorgehoben zu werden verdient. In diesem normalen Zustand erzählt sie von dem Inhalt ihrer Visionen, die sie kritisch durchdenkt, und von denen sie in einfachen Worten berichtet., als handle es sich um Begebenheiten, die sie tags vorher etwa in Waldsassen gesehen hätte. Ihr unverbrauchtes, ausnehmend gutes Erinnerungsvermögen an die ihr natürlich unverständlichen aramäischen Worte kommt hiebei der Protokollaufstellung sehr zugute. Ganz anders stellt sich der Zwischenzustand dar. Hier ist ihr ganzes Gedächtnis für früher Geschehenes und Erlebtes völlig ausgelöscht. Sie kann nur den frischesten Eindruck der vorausgehenden Ekstasen wiedergeben und ihr ganzer Intellekt ist etwa auf jenen eines Kindes reduziert, das wohl schauen und hören, aber nicht kombinieren kann. Einfachste Begriffe, wie Bruder, Schule und ähnliches, sind ihr - hievon war ich Zeuge - vollkommen unfaßbar. Nur ihre nächsten Bekannten, außer ihrer Mutter noch der Pfarrer und mein Führer, können sie zu Antworten veranlassen, die im unverfälschten oberpfälzischen Dialekt erfolgen. Auf die Frage nach der Beleuchtung im Garten Gethsemane antwortete sie zum Beispiel: "Da is a großes Licht, und dann brennt oa Holzscheitl und no oa Holzscheitl." Es ist ihr nicht möglich, diese beiden Holzscheitl zu "zwei Holzscheitln" zu kombinieren. Was sie in den Ekstasen sieht, ist am ehesten mit einem Film zu vergleichen, bei dem freilich auch das Ohr beteiligt ist, bei dem aber die erklärenden Textteile völlig fehlen. So kommt es, daß sie außer der ihr ganzes Denken beherrschenden Person des Heilands niemanden dem Namen nach kennt. Petrus heißt den ganzen Tag "der Ohrwaschelabschneider", Johannes "der gumme Mo" (der junge Mann), Pilatus "hat koane Haar am Kopf und ums Mäu", Kaiphas ist der "spöttische Mo, mit dem weißen, gewachsenen Bart", Herodes "der rote Mo". In völligem Vergessen alles Gelernten - ich wiederhole, daß ich nur Selbstbeobachtetes berichte - neigen ihre Sympathien nicht nur zu Pilatus, der den Heiland freundlich behandelt, sondern auch zu Judas, der dein Heiland einen Kuß gibt. Die aramäischen Zurufe der Jünger: "Galapa, Galapa" (Verräter, Verräter!) versteht sie ja nicht und ein Verrat ist nichts visuell Darstellbares, oder wenigstens er wird in diesem Fall nicht dargestellt. Dagegen trifft ihre Abneigung den Petrus, der mit seinem Schwert. hieb gegen Malchus das erste Blut vergießt. Auf den Vorhalt meines Führers.- "0 mei Resl, ich glaub, heut bist a bißl dumm" hat sie nur die flinke Antwort: "Und i glab, du bist der no dümmer!" Ergreifend ist ihre völlige Unkenntnis des Kommenden. Nach jeder Ekstase, die anfangs ganz kurz ist und nur wenige Minuten dauert, glaubt sie, daß der Heiland nun freigelassen wird und kann es nicht fassen, wenn ihr mein Führer erzählt, was noch kommt. Sie lebt, da Professor Wutz ja die Worte kennt, die sie hört, in der Vorstellung, daß er hinter ihr steht und deshalb bei den Gesichten von ihr nicht gesehen wird. So sagt sie ihm, als der Zug des Kreuztragenden vor die Stadt kam: "So, jetzt laufst zur Mutter (des Heilands) und sagst ihr, daß sie ihn freigelassen haben." Sie besteht auf diesem Verlangen, auch nachdem ihr der Führer erklärt hat, er habe gehört, wie die Leute ausgemacht hätten, den Heiland zu töten, und einigt sich schließlich auf das Kompromiß: "Sagst halt, die Resl läß ihr sagen, daß sie ihn freilassen!" Noch am Kreuzigungsplatz beruhigt sie sich mit de Worten: "Sie ham ihn halt a Bauholz rauftragen lassen!", wobei zum Verständnis beige fügt sei, daß der Heiland kein Kreuz, sonder drei lose Balken trägt, die erst auf Golgatha roh zusammengefügt werden (und zwar in Form eines großen Y). Ihre Form der Anteilnahme an dem Gesehenen und Gehörten ist eine doppelte. Einmal jene des "Mit1eidens" im allerwörtlichsten Sinn. Ihr Körper fühlt die Geißelhiebe, ihr Kopf wird mit Dornen gekrönt, durch ihre Hände bohren sich die grausamen Nägel. Und dann erfolgt die Teilnahme genau in der Form, in der ein robustes, sehr temperamentvolles Bauernmädel eben Partei ergreifen will. Einige Proben, die ich erlebte: Als der Heiand nach der Geißelung versucht, nach seiner Kleidung zu greifen, stößt ein an sich unbeteiligter Junge sie mit dem Fuß weg. (Diese Szene schildert auch Katharina Emmerich, deren Visionen der Konnersreuther Resl völlig unbekannt sind.) Gegen diesen rohen Jungen richtet sich ihr ganzer Zorn. Noch am Nachmittag, als immer noch im genannten Zwischenzustand mein Führer darauf zu sprechen kam, bricht dieser Zorn elementar durch. "Die Montur (Christi Kleidung!) hat den Lausbuam scho glei garnix angangen!" und eine Viertelstunde später: "Dem Lausbuam hätt i scho so gern eine runterghaut!" und wieder "Der Lausbürstler, der die Montur genommen hat!". Ihr Zorn richtet sich auch gegen den Helfer bei der Kreuztragung, Simon von Cyrene, der ihrer Auffassung nach viel zu wenig zugreift. Und besonders drastisch ist ihr Ärger bei der Dornenkrönung über die Burschen, die sich an der Verhöhnung beteiligen: "Die Buam habn nimma trunka, da sagt ma schon gsoffa!" (Auch Katharina Emmerich hat dieses Detail ebenso wie das andere von der dreifachen Strohkrone, mit der der Heiland vor Herodes geführt wird.) Ebenso erregt der linke Schächer am Kreuz mit seinem Geschrei und seinem Lästern ihren Ärger. "Neben dem Heiland schreit man nicht so!" Ihm will sie um jeden Preis eine "runterhauen". Und als mein Führer auch für ihn ihr Mitleid erwecken will im Hinblick auf seinen grausamen Tod, kann sie sich nur zu der Konzession herbeilassen: "I hätt eahm ja nit weh tan; i hätt eahm höchstens aufs Mäu eine reinlass'n !" Wenn ich hier diese Aufzeichnungen wiedergebe, die ich unmittelbar am Bett der Leidenden machte, so geschieht dies wahrhaftig nicht, um das ungeheure und entsetzliche Erlebnis, das sie durchzumachen hatte, mit jenem Hauch von Komik zu bekleiden, den für uns (leider!) die kraftvolle und bilderreiche Sprache des Dialektes hat. Aber ich glaube, daß nichts die Unmittelbarkeit des Erlebens und die völlige Abwesenheit jeglicher "Gebetbuchphraseologie" besser kennzeichnen könnte, als diese beliebig zu vermehrenden Beispiele. Im Normalzustand redet die Resl diese Sprache nicht und ihr Dialekt bleibt auch in der Kraft der Ausdrücke durchaus in den erwarteten Grenzen. Aber hier in der Hemmungslosigkeit der Stunde, die diesen Zwischenzustand charakterisiert, fließen die Worte ohne die Kontrolle der Schulbildung, und gerade dies ist neben dem Mädchen, das blutüberströmt und blind in den Kissen liegt, von der ergreifendsten Wirkung. Besonders fein ist auch das Gehör in den Ekstasen. Als die "Trompeter", d. h. die zwei römischen Posaunenbläser, die, um dem Zug in der winkelreichen Stadt Platz zu schaffen, vorangingen, besonders falsch bliesen, griff sie schmerzlich an den Kopf und furchtbar ist ihr auf dem schlechten Pflaster das "Geschepper" der beiden Kreuze, die die zwei Schächer an Ketten hinter sich herziehen müssen. Ihr Gedächtnis für die Worte, die sie hört, ist, wie schon erwähnt, erstaunlich groß. Mein Führer erzählte mir, daß sie einmal frug, was denn bei der Dornenkrönung die Lästerer dem Heiland zuriefen. Mein Führer konnte natürlich nur die Worte aramäisch sagen, die dem biblischen Text entsprechen, und geriet in einige Verlegenheit, als ihm die Resl sagte, sie hätten doch noch mehr gesagt, was denn das auf Deutsch heiße. Erst als ihm die Resl dann den aramäischen Text sagte, erkannte er in ihm weitere sehr drastische Spottworte, von denen die Heilige Schrift nichts berichtet. Die Wiedergabe der aramäischen Sprache durch die Resl ist in normalem Zustand bei aller Lückenhaftigkeit noch so genau, daß mein Führer imstande ist, den galiläischen Dialekt des Petrus von der reineren judäischen Redeform des Kaiphas zu unterscheiden. Ich war selbst Zeuge davon, als wir am 11. Juli, d. h. nach fünf Wochen, die Ereignisse aufzeichneten, die die Resl in der Zeit von Pfingstsonntag abend bis Pfingstmontag morgen sah. Ich möchte als Beispiel die Schilderung der Rede nehmen, die Petrus vor dem Synedrium an diesem Morgen hielt. Die Resl erzählte: "Zuerst hat Petrus beim Reden auf den Geheilten neben sich gedeutet, dann ist er sich mit der rechten Hand durch die Haare gefahren, und schließlich hat er erregt mit der rechten Hand auf die vor ihm sitzenden Hohenpriester gedeutet. Dabei hat er gesagt: (Es folgen etwa zehn aramäische Worte.) Und der Schluß seiner Rede war so: (Wieder einige aramäische Worte)." Die Worte, die Petrus sprach, als er auf seine Richter deutete, lauteten auf deutsch, wie mir mein Führer hernach mitteilte: "Im Namen Jesu Christi des Nazareners, den Ihr gekreuzigt habt", während die Schlußworte jene von dem verworfenen Eckstein waren (siehe Apostelgeschichte 4,8-12). Hier hatte also die Resl ihr unbekannte Worte ganz richtig bei jener Handbewegung gehört, die ihr Inhalt vorschreibt. Petrus und Johannes werden hierauf von Kai phas entlassen und verlassen zusammen mit dem Geheilten den Hof. "Beim Rausgehen is links vorn der Kalvarienberg, gerade vor mir der Tempel usw." Ich sehe meinen Führer stutzen, bis sich aus der weiteren Beschreibung des Weges zum Abendmahlsaal ergibt, daß die beiden Apostel, um den Hof des Kaiphas zu verlassen, ein Tor gewählt haben, das sie zu einem kleinen Umweg zwang. Die Beispiele, daß die Antworten den Erwartungen meines protokollführenden Freundes widersprachen, ließen sich beliebig häufen. Von einer Suggestion oder von Gedankenlesen kann durchaus keine Rede sein. Bei der Aufzeichnung der Ostervision, die am Ostersonntag um 5 Uhr früh stattfand, fügte die Resl bei der Wiedergabe von Worten Christi ganz richtig eine zweisilbige aramäische Nachsilbe an das letzte Wort, das mein Führer vollkommen vergessen hatte.Vielleicht ist es hier nicht uninteressant, noch ein paar Worte von der Pfingstvision zu sagen, obgleich ich weder ihr Augenzeuge noch jener ihrer Aufzeichnung war. Dort ereignete sich nämlich zum ersten und einzigen Male, daß die Resl die Predigt des Petrus deutsch verstand und vollkommen deutsch wiedergeben konnte, während schon die nächsten Worte wieder aramäisch und daher ihr unverständlich waren. Es war nach zweitausend Jahren die Wiederholung des Pfingstwunders von jener Predigt, die ein jeder verstand in seiner Sprache und die wenigstens im Sinne nach vollkommen übereinstimmte mit dem in der Apostelgeschichte 2, 14ff. wiedergegebenen Text. Bei dieser Pfingstekstase, die in der Dorfkirche auf dem Platz stattfand, der der Resl, um sie der Neugier zu entziehen, hinter dem Hochaltar bereitet ist, kam auch jene Lichtbildaufnahme zustande, auf der das Wundmal der linken Hand durch den verdeckenden Handschuh durch gleich einer kleinen Sonne leuchtet. (Jenes der rechten ist unsichtbar, weil diese Hand von der Kante aus aufgenommen ist.) Ich habe das Bild gesehen. Von einem Plattenfehler kann keine Rede sein, ebensowenig natürlich von einer nachträglichen Retuschierung, eine Sache, an die im Banne so vieler unerklärlicher Begebenheiten wahrhaftig niemand zu denken einen Anlaß hat. Das menschliche Auge hat freilich noch niemals meines Wissens eine Lichterscheinung zu entdecken vermocht. Für das Beobachtungsvermögen der Resl spricht noch eine andere Einzelheit, die mir berichtet wurde. Beim letzten Abendmahl fiel ihr die in keiner Weise andächtige, völlig verständnislose Haltung der Apostel auf. Von einem sagte sie geradezu, daß er "furchtbar blöd" aussah. ("Aber, Resl, das sollst nicht sagen. Das war ein guter Mann." "Hast du noch nie einen guten Mann gesehn, der blöd dreinschaut?") An jenem Pfingstmontag aber, an dessen Protokollaufstellung ich teilnehmen durfte, wiederholte Petrus, in den Abendmahlsaal zurückgekehrt, Brotbrechung und Teilung. Und gleichzeitig wiederholten sich die brausenden Erscheinungen des Sonntags. Und diesmal waren die Mienen aller aufs äußerste ernst und gesammelt. Ich könnte mir keine präzisere Darstellung der Wirkung des Pfingstwunders vorstellen. Soweit es möglich ist aus allen diesen Angaben, die teils im normalen Zustand, teils im Zwischenzustand gemacht wurden, Schlüsse zu ziehen, steht es fest, daß die Ekstasen Kenntnisse vermitteln, die weder bei ihrer Trägerin, noch bei irgendeinem Zeugen vorhanden sind. Die Resl erscheint hier ganz als Objekt einer äußeren, den Sinnen nicht erfaßbaren Macht. Dem entspricht auch der Anblick dieser Ekstasen. Mit einer Brutalität ohnegleichen, oft mitten im Wort, ja mitunter mitten in Funktionen, die die Gedankenwelt der Resl weitab von allem Geistigen ziehen, brechen diese Ekstasen wie urweltliche Gewitter herein, reißen sie aus den Kissen oft in Stellungen, die physikalisch nach den Gravitationsgesetzen unmöglich sind, ziehen ihre gespannten Arme nach vorne und lassen nur mehr aus ihrem Mienenspiel, das unerhört lebhaft und deutlich wird, erkennen, was sie erlebt. Die mündliche Erzählung des Erlebten und damit die Deutung des Mienenspiels kann erst danach erfolgen. Alle Empfindlichkeit ist vom Körper gewichen. Die Wundmale, deren Berührung sonst äußerst schmerzhaft ist, können beliebig gedrückt werden, der Kopf, den man etwa auf die Seite dreht, pendelt ohne die Miene zu verziehen, sofort in die alte Lage zurück, kein Laut im Zimmer scheint den Panzer durchdringen zu können, mit dem die Ekstase ihr Sinnenleben umgibt. So traf ich sie, als ich am Freitag morgen um 5 Uhr ihr niederes, ärmliches Zimmer betrat. Nur Professor Wutz war anwesend. Aus dem linken Auge flossen bereits drei dünne Blutbäche. Die Ekstasen, die nach den Aussagen meines Freundes frühe Verhöre von verhältnismäßig geringem Interesse betrafen, waren kurz und von zehn- bis zwölfminutgen Pausen getrennt. Es mußte sorgfältig geachtet werden, daß kein Blut in den Mund kam, da dies schmerzhaften Brechreiz und bei der Unmöglichkeit des Schluckens größte Beschwerden zur Folge hat. In diesen frühen Morgenstunden, wo noch keine ständig wechselnde Schar von Zuschauern ablenkte, waren die Erscheinungen bis in alle Einzelheiten zu verfolgen. Auch die Brustwunde hatte, wie der leicht gerötete Verband erkennen ließ, schon zu bluten begonnen, während die Wundmale an den Händen zwar aufgeweicht und locker waren, aber, wie schon erwähnt, den ganzen Tag kein Blut absonderten. Als ich nach einstündiger Pause etwa um 7 Uhr wiederkehrte, um fortan das Zimmer nur mehr einmal, mittags, zu verlassen, war das Bild bereits ein ganz anderes. In der Breite des ganzen Auges floß rechts und links ein blutiger Strom über das bleiche Gesicht und vereinigte sich am Hals mit einem wahren Blutmeer, das von dem Verband der Brustwunde nicht mehr ganz aufgesaugt werden konnte. In unaufhaltsamer Steigerung rollt sich genau in der durch die Evangelien bekannten Folge das größte und folgenschwerste Geschehen der Menschheitsgeschichte gewissermaßen unmittelbar vor uns ab. Ergreifender Gedanke, in diese blutigen Augen zu blicken, die den Heiland sehen, diese Ohren zu betrachten, die Wort und Töne hören, die in fernem Land vor zwei Jahrtausenden verhallten. Vergebens lauscht der blutige vorgestreckte Kopf den Worten, die der Diener leise dem Pilatus zuflüstert. Barabbas wird freigelassen und Pilatus wäscht sich die Hände. In schmerzlichen Zuckungen der Mienen und teilweise auch des Körpers spiegelt sich die Qual der Geißelung wieder, und drohend versucht, durch die Wunde gehemmt, die Rechte sich zur Faust zu ballen ob des Frevels des oben geschilderten Jungen, der Christi Kleider wegstößt. Wie die Lästerer dem Heiland die Dornenkrone aufs Haupt stoßen, springt aus den acht Wunden des Hinterkopfes Blut und färbt das weiße Kopftuch mit acht vielleicht talergroßen feuchten Flecken. Ein paar Minuten später quillt neues Blut nach und wird es später bei der Kreuzigung wieder tun, so daß das Kopftuch unterhalb der Wunden kaum mehr etwas anderes ist als ein blutiger Fetzen. Mit unheimlicher Regelmäßigkeit, die jeder natürlichen, ach so eifrig versuchten Erklärung spottet, wiederholen sich diese Vorgänge jeden Freitag auf die Minute, so daß Professor Wutz mir mit größter Präzision alles Kommende bis auf die kleinste Geste voraussagen kann. Nach der Dornenkrönung greift die Gequälte in allen, immer kürzer werdenden Pausen zwischen den Ekstasen immer wieder mit den Händen nach dem Kopf, um in rupfender Gebärde die Dornen auszuziehen, die sie peinigen. Um wehen Druck auf den dann immer besonders empfindlichen Wundmalen zu vermeiden, darf ich immer wieder nach diesen armen durchbohrten Händen greifen und sie behutsam zur Ruhe betten, solange ich, wie es die längste Zeit der Fall ist, in unmittelbarster Nähe des Kopfendes stehe, ein seltsamer, unvergeßlicher Dienst. Lärmend tost der Zug des Kreuztragenden durch die engen Straßen der Stadt. Aber wir sehen nur den Abglanz dieses Lärms auf den Zügen der Leidenden. Simon von Cyrene kommt dem Tragenden zu Hilfe, nicht zur Zufriedenheit der Resl. Wir erleben die furchtbaren Stürze des Gemarterten, deren aufbewahrtes Gedächtnis einem plötzlich verständlich wird angesichts der Schmerzen, die sie verursachen. Wie der Zug aus der Stadt tritt, versucht die Gepeinigte, das schwere Kissen wegzustoßen, das sie bedeckt. Die Hitze, die sie quält, ist aber nicht jene des an diesem Morgen leidlich kühlen, wenn auch engen und menschenerfüllten Zimmers, sondern es ist die Sonne, die außerhalb der schattigen Häuser an jenem fernen Tag des Todes auf die staubigen Landstraßen vor der Stadt herniederprallte. Auf der Richtstätte entsteht eine Pause, von der die Heilige Schrift nichts weiß, die aber auch von Katharina Emmerich verzeichnet wird. Wie oben erwähnt, trug Christus kein Kreuz, sondern drei lose Balken, die erst zusammengefügt werden müssen. Während dieser Stunde wird der Verurteilte in ein Loch, wohl ein leeres Grab, gestoßen, wo die Resl ihn in seltenen kurzen Ekstasen kauern sieht, je nachdem das neugierige Gedränge vor dem engen Loch ihr einen Blick auf der Erschöpften, fast schon Sterbenden, gestattet. Nach dieser Pause aber beginnt in fast einstündiger Ekstase (am Karfreitag dauerte sie über zwei Stunden) der furchtbare Schlußakt des Dramas. Man glaubt an den Wundmalen der Hände deutlich die Hammerschläge zu sehen, unter denen sie tiefer zu werden scheinen, während die Finger zu zucken beginnen, so wie es Grünewald malte auf seinen Isenheimer Altar. An den Füßen aber, die sich länger schon von dem schweren Kissen befreiten, beginnt ein wenig Blut zu fließen. Wie in einer Beschreibung der Passion liest man von diesem Kopf, der fast nichts Menschliches mehr hat, alle Worte und Vorgänge ab. Er blickt auf die Mutter, wie die göttlichen Worte sich dorthin richten, geht suchend herüber zu Johannes und begleitet ihn, der offenbar seinen Platz verläßt, um zur Mutter zu gehen. Dann wieder stört das Lästern und Schreien des linken Schächers die Majestät der Sterbestunde. Zum rechten gehen, von gierigen Ohren eingesogen, die trostreichen reichen Worte vom Paradies. Ein Schimmer des Glücks gleitet über das bleiche Gesicht: der Heiland hat hineingeblickt. Fortan wird die Haltung der Leidenden viel steiler und unnatürlicher, da sie näher an das Kreuz herantritt und nunmehr fast senkrecht in die Höhe blickt. Und nun naht der Tod. Die Zuckungen im Gesicht werden langsam matter und müder, die Finger an den gequälten Händen krampfen sich nicht mehr so widerspenstig und gleichen mehr den unruhigen Fingern, die man bei Sterbenden über die Decke greifen sieht, und endlich "ist es vollbracht". Eine letzte ungeheure Zuckung biegt den Leib fast im Halbkreis nach links bis an die Kante des Betts, und wie ein Stein schlägt völlig bewegungslos der Körper in die Kissen. Und was im Kreise längst verstummter, in allen Tiefen aufgewühlter Zuschauer wachsbleich und klein in den Kissen liegt, das ist wahrhaftig nichts anderes als die blutige Leiche eines armen Mädels, das eine unmenschlich grausame Zeit zu Tode gemartert hat ... Der späte Nachmittag brachte, nachdem sie sich etwas erholt hatte, das Gespräch, dessen Bruchstücke ich bereits oben wiedergab, bei dem Versuch, den Zwischenzustand zu erklären. Diese leisen Gespräche sind für sie keine Plage, sondern eine freudig begrüßte Wohltat, die Möglichkeit, ein bißchen sich frei zu reden von dem Erlebnis des Vormittags, um das ihre Gedanken allein kreisen und von dem sie keine Ablenkung zuläßt. Unvergeßliches aber brachte der Abend. Ein Gewitter hatte das elektrische Licht gelöscht und so war das kleine Zimmer nur erfüllt von dem flackernden, ängstlichen Schein zweier Kerzen, deren mattes Licht immer noch über die blassen, blutbedeckten Züge glitt, die jetzt erst nach .Eintrocknung des letzten Blutes gereinigt werden können. Dies ist das Amt der Mutter. Mit einer bäuerlich kleinen Waschschüssel tritt sie ans Bett der Tochter, nimmt zunächst das dunkelrot verklebte Kopftuch ab und enthüllt so eine Stirne, die seltsam weiß und unberührt über dem Grauen der Augen sich wölbt. Und nun beginnt während des behutsamen und sehr schmerzhaften Abwaschens ein Gespräch zwischen den beiden, in dem die Tochter der Mutter in kurzen einfachen Worten die Ereignisse des Tages erzählt und die Mutter mit bäuerlichen Trostworten und Ausrufen des Mitleids nicht kargt, ein seltsam rührendes, altbayerisches Wetterleuchten von dem großen Weltgeschehen, das am Morgen seine furchtbaren Blitze in dieses Zimmer warf. Mit reinem, schneeweißem Gesicht, aber immer noch blind und abgeschlossen von den wenigen Zeugen der Szene liegt nun die Resl im Bett. Sie ahnt nichts von unserer Anwesenheit. Da beginnen ihre Lippen zu reden, ein Gespräch des Mitleids mit ihrem Heiland, und dieses Gespräch gleitet über in ein langes und ergreifendes Gebet, ein bäuerliches Vorbringen von allerhand Anliegen, die ihre Verwandten betreffen und ihre Freunde und jene, die sie um solche Fürsprache baten. Für sich selbst kein Wunsch, es sei denn der, sterben zu dürfen. Alles mit dem kindlichen Refrain: Aber Du bist gescheiter als ich und wirst's schon recht machen. Wer über Konnersreuth schreiben will, darf dieses einsame Zwiegespräch nicht übergehen. Hier drängt sich gewissermaßen die einzige Erklärung zusammen, die wir Menschen von den Geschehnissen geben können und die meilenweit von allen medizinischen Deutungsversuchen und aller Gelehrsamkeit einer ganz rationalistischen Wissenschaft ist. Was sich hier vom geistigen Leben dieses Bauernmädchens enthüllt, ist von einer sittlichen Höhe und einer heroischen Größe, die verstummen macht. "Aber weißt Du, wenn durch mein armes Leiden ein paar Leute mehr dazu kommen, Dich zu lieben, so laß mich die ganze Ewigkeit jeden Tag zehnmal mehr leiden. Ich trag's gern." Nach einem Tag der unbeschreiblichsten Qualen spricht's der zuckende Mund. über einem Schwarm geschäftigter Stare zieht hoch oben, einsam und stolz, ein Adler seinen geraden Weg ins Licht. Wer ist diese Therese Neumann? Sie kennen zu lernen, blieb ich noch vier Tage in dem Dorf in ihrer fast ständigen Nähe. Aber was wissen wir viel vom inneren Erlebnis eines Menschen, der mit gleicher Lebendigkeit in sich das Konnersreuth des zwanzigsten Jahrhunderts neben dem Jerusalem des ersten trägt. Wenn ich von dem letzteren mehr weiß, so verdanke ich das nur meinem Führer, dessen begründeter Anspruch auf Vertrauen sich halb auf mich übertrug. Und hätte nicht der Freitag eine Art von Wall verehrender Scheu aufgerichtet, den jeder eher verstand als eben die Resl, so wäre es vielleicht nicht vermessen von Freundschaft zu sprechen zwischen ihr und mir. Ich hätte trotzdem als Fernerstehender nicht viel gehört von den Gesichten der Ekstasen, hätte nicht viel gesehen von den Wundmalen, die es mit seltsamer Scheu verhüllt. Vor mir wäre nichts gestanden als ein einfaches, freilich von vielen Leiden und Ohnmachten geplagtes Bauernmädchen, ohne jeden Schimmer eines überspannten Wesens, dem man keinen größeren Gefallen tun kann, als indem man gänzlich ignoriert, daß man von ihrem Erleben weiß. Sie ist in keiner Weise aus der Linie ihres Wesens herausgekommen, für ihr eigenes Gefühl selbst nur die Dienstmagd von 1918 ohne jedes Streben, als mehr zu gelten. Eine Sterbende lag im Ort, und ohne es jemand zu sagen, aber auch ohne es zu verheimlichen, humpelte die Resl hin, um der alten Frau mit kundigen Trostworten das Ende zu erleichtern. Und wer könnte das besser als sie, für die der Tod Sehnsucht ist und die doch heiter in eine Welt blickt, deren Schönheit sie nach vier Jahren Blindsein mit unerhörter Reinheit und Intensität genießt. In taktvoller Zurückhaltung grüßen sie die Konnersreuther, und keiner wird mit ihr reden mit dem Hut auf dem Kopf. Weniger taktvoll ist die Schar der Besucher, denen man freilich oft ansieht, daß ihnen die paar Minuten mit der Resl größtes Erlebnis sind. Andere wieder kommen mit einer naiven, zudringlichen Neugier, mit der vorgefaßten Überlegenheit des Städters, der "sich den Schwindel mal ansehen will", mit den Rüstzeugen einer Wissenschaft, über deren allzu früh erreichte Grenzen sie sich wohl nicht klar sind. Und das Temperament, das die Resl einst die, zentnerschweren Säcke schwingen ließ und das wir am liebsten handgreiflich in das biblische Geschehen eingreifen sahen, verleugnet sich dann nicht immer. Vom nahen Wallfahrtsort Kappel kamen am Dreifaltigkeitssonntag 1926 die Böhmen mit ihren Kirchenfahnen auf den Kirchplatz in Konnersreuth und die Resl mußte durch das Gewühl von zwei Gendarmen nach Hause gebracht werden. Denn wenn ich nie einen Menschen sah so fern von jedem egoistischen Gedanken, so habe ich auch nie einen gesehen, der so aufreizend fern von jeder Eitelkeit lebt. In großen Mengen kommen täglich .aus allen Teilen der Erde, besonders auch aus Nordamerika, Briefe ins Haus, gefüllt mit Bitten, aber auch mit frohem Dank, wenn irgendeine Heilung einem Hilfesuchenden wurde, die er auf die Vermittlung der Resl zurückführt. War nicht erst neulich ein junger Beamter aus der Gegend da, stöhnend vor Schmerz über eine endlose Furunkulose, und schrieb schon nach ein paar Tagen über seine völlige, endgültige Heilung? Aber darüber lassen wir lieber spätere Zeiten grübeln und untersuchen und kritisieren. Die Resl redet ganz gewiß nicht davon, und in ihrem Umkreis scheint es fast, als müßte alles so und nicht anders sein. Wo ist das ärztliche Gutachten, das nicht nach 30-50 Jahren schon das Lächeln der alles viel, viel besser wissenden nächsten Generation erweckte und in diesem Lächeln unfehlbar selbst die größte und leuchtendste Tat zugrunde gehen ließ? Nicht hier liegen die ewig gültigen Maßstäbe, sondern allein in der großen Realität des erlebten Lebens. Eines habe ich schon gestreift: die intensive Freude :an der Natur. Am Sonntag, an dem ich in Konnersreuth war, fuhr die Resl im Wagen meines Freundes ein paar Stunden durchs Land, und konnte sich nicht fassen vor Freude über jede Blume und über jeden Vogel, über die wogenden Felder und über den dampfenden Wald. Es ist die ewige Freude des anderen Wundenträgers, der vor siebenhundert Jahren starb, Franz von Assisi, die Freude der Einfältigen, die doch die großen Wissenden sind. Nicht für sie gibt es Wunder. Die gibt es nur in den Gefilden des Unglaubens und des Zweifelns, aber nicht dort, wo das Wort "Ich glaube" Lebensgrundlage und Selbstverständlichkeit ist. Dort ist das keimende Saatkorn, sind die Geheimnisse des Kosmos und jener Mensch, der ißt und jener der nicht ißt, der gleichen allmächtigen Schöpferhand entwachsen. Mag die Forschung Geheimnis enträtseln, sie wird am Ende vor dein Geheimnis stehen, dem Therese Neumann seit 1926 so nahe ist.
"Weil Du Bretter machst, in Deinem Stolze, Willst Du wirklich den zur Rede stell'n, Der bescheiden aus demselben Holze Blätter treiben macht und Knospen schwell'n ?"
Mein verstorbener Freund Rainer Maria Rilke las mir in einer Nacht vor zehn Jahren diese Verse vor, die er Gott dem aufbegehrenden Joseph gegenüber in den Mund legt und mit denen er mit aller Kunst seiner Sprache; Geschöpf und Schöpfer einander gegenüber stellte. In Konnersreuth haben mich diese Verse immer wieder begleitet.
Aufenthalt in Konnersreuth am 10./11. März 1938
Mein vierter Aufenthalt in Konnersreuth war veranlaßt durch zwei maßlos polemische Artikel des Freiburger Arztes Dr. Eduard Aigner, deren Widerlegung unbedingt durch die gegenwärtige Lage geboten erschien. Von Eichstätt kommend, wo wir am Vorabend mit Prof. Dr. Wutz die Lage besprochen hatten, trafen wir über Nürnberg-Bayreuth-Wunsiedel am 10. März nachmittags 3Uhr in Konnersreuth ein, wo wir (Fürst Erich Waldburg-Zeil und ich) im Pfarrhof Wohnung nahmen. Nach längerem Gespräch mit den Eltern Neumann gingen wir etwa um 16.30 Uhr ins Zimmer von Therese Neumann hinauf, das seit meinem letzten Besuch 1930 erhebliche Verbesserungen aufwies. Die Brüder Neumann hatten das Zimmer durch den Anbau eines Erkers bedeutend vergrößert auch war im Zimmer ein ganz neuer recht hübscher Altar aufgestellt, die Beleuchtung des Zimmers und des Altars recht originell geregelt und ein eingebauter leise funktionierender Ventilator ermöglicht es fortan, an de Freitagen der Atemnot der Stigmatisierte in dem niederen Zimmer, in dem die Luft durch die vielen Besucher sich schnell verbraucht, zu Hilfe zu kommen. Therese Neumann empfing uns im Erker an ihrem Schreibtisch sitzend und war über unser, ihr von Eichstätt her telefonisch angekündigtes Kommen sichtlich erfreut. Während unseres etwa eineinhalb ständigen Gespräches, in dem sie meine persönliche Errettung aus den Gefahren des Jahres 1933/34 als ein sichtbares Wunder bezeichnete, da sie bestimmt mit meinem Tode gerechnet hatte, ereignete sich nichts Besonderes. Therese Neumann, die ich am 1./3. Mai 1937 in Eichstätt zum letzten Male gesehen hatte und die ungewöhnlich dankbar für unsern Besuch schien, hat jedenfalls gegenüber 1930 in ihrem Wesen eine starke Änderung erfahren. Mir wenigstens erschien sie im Vergleich zu früher wesentlich selbstsicherer und gewandter bei aller persönlichen Bescheidenheit. Am Karfreitag, den 8. April 1898, geboren (der Kirchenbucheintrag, wonach sie am 9. April geboren ist, ist nach Aussage der Eltern falsch!), ist sie unmittelbar vor ihrem 40. Geburtstag stehend natürlich nicht mehr das einfache Bauernmädchen vom Jahre 1927. Die ungezählten Besuche und die Stöße von Briefen, die sie heute noch aus allen Teilen der Welt, aus Amerika, Südafrika und Australien bekommt, haben ihr bei dem intimen Charakter, der ihnen eigen ist, eine ungewöhnliche Welterfahrung gegeben, die sich in ihrem Wesen ähnlich widerspiegelt, wie etwa bei einer erfahrenen Klosteroberin, bei der man die bäuerliche Herkunft vergißt. Das "Du", das ich ihr seit 1927 mit ihrer Erlaubnis und auf Vermittlung von Prof. Wutz sage, fällt bei dieser Veränderung einigermaßen schwerer. Therese Neumann bat uns, die Lage mit dem zuständigen Bezirksoberamtmann in Tirschenreuth zu besprechen, wohin wir etwa um 18 Uhr fuhren und in dem ich einen Klassenkameraden vom Landshuter Gymnasium 1897 wiedertraf. Nach dem Abendessen gingen wir nochmals, diesmal mit dem Pfarrer, in das Haus Neumann, wo Therese jeden Donnerstag zu beichten pflegt. Während dieser Zeit unterhielten wir uns mit den Eltern. Dann berichteten wir Therese über den Tirschenreuther Besuch. Mitten in einem Wort, das sie an mich richtete, verfiel sie in eine Vision, während der sie, wie an jedem Tage der Fastenzeit, den Vorgang des Tagesevangeliums sah. Da es der Donnerstag nach dem 1. Fastensonntag war, zeigte ihr diese Vision die Heilung der Tochter einer Kanaaniterin auf der Landstraße zwischen Tyrus und Sidon. Da der Vorgang durch die lange Weigerung des Heilands die Heilung vorzunehmen ungewöhnlich dramatisch ist, so ergab sich ein Mienenspiel, das jedem, der das Evangelium kennt, den Hergang des Ereignisses auch ohne Worte plausibel machte. Nachdem sie aus der Vision in den Zustand der Benommenheit geglitten war, schilderte sie in dem in diesem Zustand üblichen unverfälschten Dialekt die ungeheure Freude der Jünger Christi, daß sich der Heiland doch noch zur Heilung entschlossen hatte und kam von dieser Schilderung gar nicht los. Sie beschrieb die Landstraße, weit von jedem Ort, auf der die Szene spielte, und zwei Hunde, die sich herumtrieben und auf die das kanaanäische Weib in ihrer Verzweiflung verwies (vgl. Matth. 15, 21-28, Mark. 7,24-30). Nun war der Augenblick gekommen, sie einige uns interessierende Sachen zu fragen. (Therese Neumann ist in diesem Zustand blind.) Ein Dr. Rendu in Lyon hatte mir ein paar Wochen vorher einen Aufsatz gesandt, worin er den Nachweis führte, daß Therese Neumanns Vision vom Tode des heiligen Franz von Sales, wie sie in Gerlich 1, 214 aufgezeichnet ist, falsch sei: der Heilige sei nicht in einem prunkvollen Gemach gestorben, sondern im Gärtnerhaus eines Klosters, an dem seit 1858 eine Marmortafel an das Ereignis erinnere. Ich hatte darüber mit Dr. Rendu eine Korrespondenz, von der Therese Neumann nichts wußte und wollte die Gelegenheit benützen, um die Wahrheit festzustellen. Dies geschah so: der Pfarrer Naber schlug im Missale den Tag des heiligen Franz von Sales auf, nahm Theresens Zeigefinger und fuhr mit ihm über die Schriftzeichen: Therese Neumann: "Ja, da wird jetzt drüber gstritten, ob er aa da gestorben is." Pfarrer: "Es wird gesagt, daß du uns was Falsches erzählt hast und daß er nicht in einem so schönen Zimmer, sondern in der Gärtnerwohnung gestorben ist." Therese Neumann: "Naa, des stimmt net. In der Gärtnerwohnung hat er gwohnt, bis er krank worden is. Dann hamsn in a gruß Haus nei tragen und da is er nacha gsturbn." Pfarrer: "Ja, Resl, kann man das heut noch feststellen?" Therese Neumann: "Ja, ja, des is scho orgendwo aufkrakelt (aufgeschrieben). Des wird scho rauskommen." Pfarrer: "Weiß das heute schon einer, wo das gefunden werden kann?" Therese Neumann: "Ja, der seil große Pater, der vurigs Jar da war." (Gemeint ist zweifellos der österreichische Salesianer-Provinzial P. Reisinger, der 1937 in Konnersreuth war und gegenwärtig eine Gesamtausgabe der Werke und eine Biographie des Heiligen herausgibt.) Dazwischen kam Therese Neumann immer wieder auf die Vision und auf die Freude zurück, deren Zeugin sie in ihr war, und hob plötzlich mit einem "So hat er's gmacht!" feierlich den Arm, um die Bewegung wiederzugeben, mit der der Heiland den bösen Geist ausgetrieben hatte. Die Geste war ungemein eindrucksvoll. Sie fiel vollkommen aus dem Gehaben der Therese Neumann heraus, so wie wenn ein einfacher Mann plötzlich eine antike Statue kopiert. Sie war dabei in keiner Weise, trotz des Kontrastes mit dem gemütlich dasitzenden, etwas zusammengesunkenen Bauernmädchen lächerlich, sondern nahm einem irgendwie durch ihre Gewalt und durch das Erinnern an jenen, von dem sie vor wenigen Minuten die Geste geschaut hatte, den Atem durch die Unmittelbarkeit, mit der man plötzlich Zeuge einer Bewegung war, die vor 1900 Jahren der heiligste Arm der Erde gemacht hatte. Es war meine Absicht, Dr. Aigner nach Konnersreuth kommen zu lassen, da ich glaubte, in ihm, mit dem ich 1927 viel verhandelt hatte, zwar einen fanatischen Kirchenfeind und Atheisten, aber immerhin einen Mann zu kennen, den ein starker Drang nach Wahrheit in Unruhe über Konnersreuth versetzte, das ebenso wie das von ihm leidenschaftlich bekämpfte Lourdes seine atheistische Weltanschauung störte22. Meine Hoffnung war, daß er, in Konnersreuth die Wahrheit erkennend, für sie ebenso fanatisch eintreten würde, wie bisher für seine Gottlosigkeit, vom Saulus zum Paulus würde, und daß eine solche Wendung des allgemein als Gotthasser bekannten Mannes gerade in Medizinerkreisen nicht ohne Eindruck bliebe. Diese Meinung war nach den Äußerungen Therese Neumanns falsch: "Der war ja scho hier. Aber der will ja die Wahrheit gar net. Und wenn einer net will, kann man nix machen. Der glaubt net an den Heiland und jetzt glaubt er riet amal mehr an den Vater (Gott Vater). Als kloas Butzele (als kleines Kind) war er scho katholisch, aber das is lang her." Erstaunlich und uns allen gänzlich unerwartet kam dann plötzlich in Therese Neumann die Erinnerung an jenen Brand in Konnersreuth (10. März 1918) zum Ausdruck, dessen zwanzigsten Jahrestag wir begingen. Der Pfarrer frug sie, was sie damals gemachte habe, worauf sie sofort begann, jene drehende Bewegung des Eimer-Hebens auszuführen, bei der sie sich einen Rückenwirbel verletzt hatte. Dies hatte ja damals ihre achtjährige Lähmung zur Folge und war die Ursache ihrer seelischen Entwicklung und ihrer Einstellung zum Leiden. Auch bei dieser fast unheimlich aussehenden Vorführung durch das immer noch blinde Mädchen stellten sich alsbald so starke Schmerzen im Rücken ein, daß sie sie bald aufgab und in ihren Stuhl zurücksank. Da sie sichtbar sehr müde war und Gefahr bestand, daß sie vom Stuhl glitte, hoben Zeil und der Pfarrer sie aus dem Stuhl und betteten sie auf das nahestehende Kanapee, wo sie nach etwa weiteren fünf Minuten aus ihrem Zustand erwachte. Da es mittlerweile schon über 10 Uhr nachts geworden war und die Stunde (11 Uhr) nahte, wo am Donnerstag Abend die Passionsvision beginnt, für die sie sich rechtzeitig ins Bett begeben und das Verbandzeug zurechtmachen mußte, das wir ihr als (übliches) Geschenk eines Klosters der Barmherzigen Schwestern aus Eichstätt mitgebracht hatten, verließen wir sie ziemlich schnell. Da sie wußte, daß sie uns Freitag nicht bei Bewußtsein sprechen könnte, frug sie uns, ob sie uns am Samstag noch sähe, was wir ihr leider nicht zusagen konnten. In den Pfarrhof zurückgekehrt, erhielt ich das kleine Zimmer rechts des Eingangs, in dem der am 30. Juni 1934 erschossene Dr. Gerlich immer gewohnt hatte. Als mir der Pfarrer und seine Haushälterin, eine Schwester Therese Neumanns, das Zimmer anwiesen, erzählten sie mir noch eine kleine Geschichte. Wie ich schon wußte, hatte in Konnersreuth ein jüdischer Apotheker Rothschild konvertiert, der auch bei seinen Aufenthalten immer in diesem Zimmer gewohnt hatte und mit mancherlei Schwierigkeiten katholischer Geistlicher geworden war. Diesen Kaplan Rothschild hatte, als er Weihnachten 1932 nach Konnersreuth fuhr, im Zuge der Schlag getroffen und seine Leiche wurde in Nürnberg aus dem Abteil geholt, durch einen zufällig anwesenden Bauern aus der Eichstätter Gegend diagnostiziert und dem Wunsch des Toten entsprechend nach Konnersreuth zur Beisetzung transportiert. In diesem Zimmer war die Leiche eine Nacht aufgebahrt gewesen. Therese Neumann hatte in dieser Nacht die Leiche zweimal, um an ihr zu beten, besucht, war aber beim zweitenmal von einer Vision überfallen worden, in der der Tote ihr erschien und mit ihr über das Paradies sprach, in dem er behauptete, sich nach ganz kurzem Fegfeuer, zu befinden. Als damals Therese Neumann erwachte und vor sich die wachsbleiche Leiche des Mannes liegen sah, mit dem sie sich eben noch wie mit einem Lebenden unterhalten hatte, hatte sie davon doch eine Art Schock erlitten und war diese Nacht nicht mehr in das ihr ein wenig unheimliche Zimmer getreten. Auch ich kann nach dieser Erzählung nicht leugnen, daß ich, als mich der Pfarrer und die Haushälterin mit freundlichem Gutenacht-Gruß verließen, das Gefühl hatte, schon in gemütlicheren Schlafzimmern übernachtet zu haben. Am Freitag, den 11. März 1938, gingen wir etwa um 10 Uhr in das Haus Neumann, wo statt des ungeheueren Andrangs von früher nur etwa zehn Personen aus der nächsten Umgebung von Konnersreuth im Flur darauf warteten, vom Pfarrer in kleinen Gruppen zur Leidenden geführt zu werden. Sie hatten alle als Freunde des Hauses Neumann hiezu die Erlaubnis von Therese und ihrem Vater, während ein badischer Pfarrer, der mit seiner Schwester auf gut Glück gekommen war, vom Vater Neumann erbarmungslos abgewiesen wurde, da die Familie Neumann nach dem Aufhören der Besuchserlaubnisse durch den Regensburger Bischof, die für sie verbindlich waren, begreiflicherweise Wert darauf legt, alles zu vermeiden, was einer Zurschaustellung vor ihr Fremden gleich gewertet werden könnte. Um den immer ärgerlichen Anschein einer Bevorzugung zu vermeiden, gingen wir in das Arbeitszimmer des Vaters Neumann, der an seiner Nähmaschine als Schneider arbeitete, und warteten dort etwa eine Stunde, bis wir uns der letzten Gruppe der Besucher anschließen konnten. Ich hatte seit meinem ersten Besuch 1927 keine Freitagspassion mehr erlebt und fand beim Betreten des Zimmers genau das gleiche erschreckende Bild wie vor elf Jahren: aus einem blutdurchtränkten Kopftuch sah bleich mit breiten Blutströmen aus beiden Augen das Gesicht, das wir vor zwölf Stunden in ruhiger Heiterkeit verlassen hatten. Große Blutflecken waren, wie vor elf Jahren auf de Brust durch den Verband und das Nachthemd gedrungen, aus jener Wunde an der Brust die Therese Neumann wie alle mit diese Stigma Begnadeten auf der linken Seite trägt während sie alle Kruzifixe auf der rechte Seite zeigen. (Wenn ich mich recht erinnere hatte Therese Neumann auch am Tage vorher die große den bösen Geist austreibende Geste merkwürdigerweise mit dem linken und nicht, wie es wahrscheinlich ist, mit dem rechten Arm gemacht. Ich will nicht behaupten, daß hier ein Parallelismus besteht. Nach den üblichen Darstellungen der Stigmatisation des heiligen Franziskus scheint die Verkehrung der Seitenwunde daher zu kommen, daß der Stigmatisierte zum Spiegelbild des Heilands wird, rechts und links also vertauscht ist.) Was das Bild der Leidenden von jenem des Jahres 1927 unterschied, waren zwei Umstände: damals bluteten die Stimata an den Händen nicht, während diesmal auf beiden Händen nach rechts und links breite Blutbahnen aus den Hand-Stigmen zu erkennen waren. Ebenso blutete die rechte Schulter so heftig, daß auch hier die Spuren durch Verband und Hemd drangen, eine Erscheinung, die nur in der Fastenzeit auftreten soll. Die Handstigmen haben übrigens gegenüber 1927 sich gewaltig verändert. Sie waren damals runde Wunden in der Größe etwa eines Pfennigstücks, während sie heute am Handrücken (im Handteller fand ich keine Veränderung) große, genau abgezirkelte 0uadratu von über 1 cm Seitenlänge sind. (Gemessen habe ich allerdings die Größe nicht.) Für die Furchtbarkeit des Anblicks mag als Maßstab dienen, daß die etwa vier Frauen, die zugleich mit uns im Zimmer waren, fassungslos schluchzten. Als der Fortgang der Vision soweit fortgeschritten war, daß der Heiland während der Zubereitung des Kreuzes in ein leeres Grab geschoben wurde, um hier die Beendigung der Arbeit vor der eigentlichen Kreuzigung abzuwarten, verließen die Frauen das Zimmer und wir waren wieder mit dem Pfarrer und der Leidenden allein. Im Gegensatz zu 1927, wo in dieser Phase ein Gespräch mit der Leidenden so gut wie unmöglich war, verfällt sie jetzt hier in den Zustand der gehobenen Ruhe, in dem es möglich ist, an sie Fragen zu richten, deren Beantwortung in einer ganz anderen, gehobenen, autoritativen Sprache erfolgt und Therese Neumann deutlich nur das Werkzeug eines viel Höheren ist. Wir erhielten in diesem Zustand genaue Weisungen für unser Verhalten gegenüber den Angriffen des Dr. Aigner. Wir erhielten ferner den Auftrag, das Erscheinen eines Buches zu verhindern, das Dr. Polok und Prof. Dabrowski als Antwort des Lemberger Erzbischofs Theodorwicz auf die Angriffe Dr. Deutschs herauszugeben beabsichtigten, um unnötige Diskussionen zu vermeiden. Das Buch des Prager Arztes Dr. Hynek, dessen Manuskript ich durchzusehen hätte, könne jedoch erscheinen, doch sollte ich ihn bitten, seine Ausführungen über eine neuerliche ärztliche Untersuchung wegzulassen, die zwar einwandfrei und richtig seien, in der Ausführung aber mißbraucht werden würden. Vater Neumann kam ins Zimmer mit einem Brief, den er eben von Eichstätt erhalten hatte, worin von einer schweren Erkrankung des Eichstätter Bischofs Michael Rackl die Rede war (Venenentzündung und infolge der Unbeweglichkeit Gefahr einer Lungenentzündung). Wir erhielten den Auftrag, der Bischof solle keinen Eichstätter Arzt, sondern einen bestimmten Münchener Arzt sofort heranziehen. Therese Neumann ließ den Bischof bitten, seinen Widerstand gegen eine Lautsprecheranlage im Eichstätter Dom aufzugeben, da er ohne diese bei seinen Predigten seine Stimme viel zu sehr anstrenge ... Auch ließ sie Prof. Wutz sagen, er solle nicht glauben, außer Gefahr zu sein: er schwebe immer noch, seit dem Kollaps am 15. Dezember 1937 in Bad Ditzenbach (wo ich Wutz am 1. Dezember aufgesucht hatte) in höchster Lebensgefahr. Zeil stellte ein paar Fragen persönlicher Natur. Seine Frage, was aus Österreich werde, erhielt die (erwartete) Antwort: "Das werd' Ihr schon sehn!". An Anzeichen, die zu verfolgen ich nicht imstande war, erkannte der Pfarrer, daß Therese Neumann aus diesem Zustand der gehobenen Ruhe in jenen der Benommenheit zurückgeglitten war. Zeil berührte ihre Hand mit einem Rosenkranz, über dessen Weihe er sich im Zweifel war und erhielt darüber Auskunft. Um auch. etwas zu tun, berührte, der Pfarrer ihre Hand mit jenem Rosenkranz, den Therese Neumann mir selbst 1934 nach Stadelheim gesandt hatte und der von ihr an den Heiligen Rock in Trier angerührt worden war. "Da sind viel Weihen darauf!" Der Pfarrer veranlaßte mich dann, ihre Hand, die blutig auf dem Kissen lag, mit meiner Hand zu berühren, was ich nach einigen Bedenken über das, was ich vor diesen Zeugen hören würde, auch tat. Über Therese Neumanns blutbesudeltes, blindes Gesicht ging ein breites Lächeln: "Daß nur du wieder frei bist. Da hat der Heiland viel geholfen." Das am Tage vorher gesagte Wort vom Wunder wiederholte sie in diesem Zustand nicht. Aus irgend einem Grund interessierte mich die Frage, ob die Hinrichtung Christi durch die jüdischen Tempelsoldaten oder durch römische Soldaten durchgeführt worden sei und ob der Hohepriester an ihr persönlich teilgenommen habe. Ich erhielt die Auskunft, daß alle mit der Hinrichtung beschäftigten Männer, die Henkersknechte, keine Soldaten, sondern Zivilisten seien, daß aber die Wache zur Aufrechterhaltung der Ordnung nur aus römischen Soldaten bestand, deren Hauptmann dem Aussehen nach wohl kein Römer, sondern ein Araber sei. Was den Hohenpriester betreffe, so verstand ich die Auskunft dahin, daß sowohl Annas, wie Kaiphas der Hinrichtung nicht von Anfang an beiwohnten, sondern erst später dazu traten und von ferne sich von dem Vollzug überzeugten. Bald darauf - wir waren inzwischen im Pfarrhof gewesen und wieder zurückgekehrt - wurde Therese Neumann in die Vision der Kreuzigung Christi gerissen. Die Hände begannen erneut stark zu bluten und, als seien nicht seither elf Jahre vergangen, machte Therese Neumann fortan bis zum Tode Christi haargenau die gleichen Bewegungen bei den einzelnen Phasen des Vorgangs, die mir von 1927 her unvergeßlich in Erinnerung sind. Wieder verfolgt ihr Blick den Johannes, der auf das Wort Christi hin um das Kreuz herum zu Maria geht, wieder droht sie mit der Faust dem lästernden linken Schächer, wieder verfolgt sie aufmerksam das Tun der Henker, nach Christi Wort "Mich dürstet!". Während aber 1927 ein letzter Krampf die Sterbende fast mit gebogenem, sich aufbäumendem Körper aus dem Bett warf, mußte ich gestehen, daß ich diesmal den Augenblick des Todes Christi nicht erkannte: Therese Neumann lag plötzlich mit wachsgelbem, spitzem Leichengesicht in den Kissen, und, daß alles vorüber sei, erkannte ich erst an dem Verhalten der anderen. Hier besteht ein großer Unterschied gegen früher: während der Tod 1927 regelmäßige um 12.55 Uhr eintrat, tritt er jetzt bereits um 12.30 Uhr etwa ein, so daß die Vision der Kreuzigung stark abgekürzt erscheint. Damit fällt auch die Möglichkeit weg, durch Berechnen der Zeitdifferenz Jerusalem-Konnersreuth und der Zeitdifferenz Jerusalem-Lissabon, wo um 1580 herum eine Stigmatisierte (die freilich angefochten wird) den Tod Christi um 11 Uhr vormittags sah, einen objektiven Beweis für die Realität der Erscheinung zu führen, der allerdings für jeden Zeugen mehr als unnötig ist. Als die Mutter Neumann kam, um ihre Tochter von dem Blut zu reinigen und darüber das gewöhnliche Gespräch begann, verließen wir das Zimmer und gingen in den Pfarrhof zurück. Unser diesmaliger Besuch bei Therese Neumann war hiemit zu Ende. Es scheint mir aber angebracht, hier einige Angaben festzulegen, die der Pfarrer uns auf unsere Fragen aus früheren Erzählungen der Therese Neumann machte und die wohl nicht .aus deren Gesichte, sondern aus anderen Erkenntnisquellen stammen, da sie wohl visuell unmöglich erkannt werden können. So habe die Absicht bestanden, Christus wie jeden anderen nackt zu kreuzigen. Da habe sich durch die Menge der Knechte ein Mann durchgedrängt, der Christus das Lendentuch reichte, das Christus selbst anlegte, wobei der Mann Ihm behilflich war. Dieser Mann sei ein Bruder (?) oder - der Pfarrer wußte es nicht mehr genau - jedenfalls ein naher Verwandter des heiligen Joseph. Was das Leichentuch Christi in Turin betreffe, so sei der Ausdruck Leichentuch falsch. Die Leiche wurde zusammen mit aromatischen Kräutern nach jüdischer Sitte in schmale Binden gewickelt, wie es Therese Neumann an den Karfreitagen sieht, wobei sie sich selbst am Wickeln beteiligen darf. Das Turiner Leichentuch aber sei ein großes Leintuch des Joseph von Arimathäa, das um die Leiche am Kreuz gehüllt wurde, um ihr Herabfallen zu verhindern bei der Abnahme. In ihm wurde die Leiche auf den Schoß Mariä gelegt, bevor die Wickelung begann. Ohne dieses Tuch wären alle Helfer durch den blutigen Körper verunreinigt worden, was wohl auch dem jüdischen Gesetz widersprach. Auf meine Frage, wieso es komme, daß von dieser Kreuzigung die Kreuze noch hätten zur Zeit der Helena aufgefunden werden können, da es doch nicht wahrscheinlich sei, daß man alle Kreuze aufgehoben habe, bemerkte der Pfarrer zunächst mit Recht, daß der Zeitunterschied doch kein so arg großer sei. Die Kreuzauffindung wird in die Jahre 320-345 verlegt. Dies entspricht unserer Zeit gegenüber, wenn man Christus im Jahre 33 gekreuzigt sein läßt, den Jahren 1627-1649, d. h. der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Wieviel Holzwerk aus dieser Zeit, wieviele Geräte sind sogar in unserem feuchten Klima noch erhalten! Dazu kommt, daß die Kreuze nicht etwa eingegraben waren, sondern mit allerhand Gerümpel in einer Höhle lagen, in deren trockener Luft sie sich ausgezeichnet erhielten. Ihre Wiederverwendung verbot wohl die jüdische Scheu vor dem daran klebenden Blut. Hier wurden sie zur Zeit der Kaiserin Helena gefunden, wobei das Kreuz des linken Schächers bereits so sehr verfault war, daß nur jenes des rechten, das unversehrt war, nach dem Traum der Helena zusammen mit dem Kreuze Christi an Kranken ausprobiert wurde. Die Erhaltung des Kreuzes sei daher gar keine wunderbare. Nur seine Auffindung sei in dem gleichen Maße wunderbar, wie wir Visionen überhaupt als wunderbar ansehen. Worüber man ja in Konnersreuth etwas klarer denkt ,als in der übrigen Welt. Die Identität der Maria Magdalena, die Zeugin der Kreuzigung und der Auferstehung ist, mit der Sünderin von Luk. 7, 36 und der Maria von Bethanien, der Schwester des Lazarus, scheint gegenüber allen Ableugnungen, in den Visionen Therese Neumanns festzustehen. Da diese Maria Abenteuer jeder Art liebte, kaufte ihr ihr sehr reicher Bruder Lazarus, wohl auch um sie aus dem Haus zu haben, aus ihrem väterlichen Erbteil ein schönes Gut im Norden Palästinas, wo sie sich ansiedelte -die Ruinen des Hauses seien heute noch erhalten, sagt Therese Neumann - und ein Leben führte, das in der Umgebung Ärgernis erregte. Das Haus war in Galiläa bei Magdala. Am ergreifendsten war die Erzählung des Pfarrers vom Tode der Mutter des Herrn, der zweifellos auf dem Platze der sogenannten "Dormitio B. M. V." in Jerusalem, einem Grundstück neben dem Abendmahlsaal erfolgte. Nach der von Pfarrer Naber wiedergegebenen Erzählung der Therese Neumann ging der Tod Mariä so vor sich: Nach der Himmelfahrt Christi zog Maria mit Johannes, dem sie anvertraut war, nach Ephesus und blieb dort seinem Haushalt vorstehend mehrere Jahre, bis die Sehnsucht sie ergriff, noch einmal vor ihrem Tode die heiligen Stätten des Wirkens ihres Sohnes zu sehen. Wie lange war es wohl her, seit sie diesen Sohn im Arm aus Ägypten in dieses ihr Land zurückgekehrt war, das seither für alle Zeiten zum "Heiligen Land" geworden war? So sehen wir sie wieder das Reittier besteigen und reiten nach Jerusalem auf den Straßen, die der Fuß ihres Sohnes geheiligt. Wir können uns denken, wie die Erinnerung die Frau überwältigte, wie in dem kleinen Land jeder Ort, jeder Baum fast ihr den heiligen Namen des Mannes zurief, der ihr Sohn war. Im Grundstück neben dem Abendmahlsaal, das dem gleichen unbekannten Besitzer gehörte wie dieser, nahm sie in Jerusalem Wohnung. Dorthin kamen zu ihr alle Apostel, die noch Sam Leben waren und noch in der Stadt weilten, alle außer Jakobus dem Älteren, den Herodes schon zu Ostern 42 hatte enthaupten lassen und außer Thomas, der auf Reisen war. In ihrer Gesellschaft sieht sie Therese Neumann. Und die Apostel kramen ihre Erinnerungen an den Auferstandenen aus, Geschichten, die Maria vielleicht bis dahin in der Fülle des Geschehens nie gehört hatte, unbekannte Geschichten neben jenen, die seither der eherne Inhalt der Evangelien wurden. Sie erzählen von ihren Berufungen und von der magischen Kraft des Mannes, dem Petrus gehorsam über die Wellen folgte. Und mitten in diesen Erzählungen, so erzählt Therese Neumann, habe die Sehnsucht nach dem Sohne die Mutter überwältigt, sie sei blaß und ohne jeden Schmerz hintenübergesunken, da diese Sehnsucht ihr Leben aufsaugte, wie die Sonne den Tau. So sei sie schmerzlos und ohne Krankheit hinübergegangen zum göttlichen Sohn. Die Apostel aber gingen noch am gleichen Tage der Entseelten ein Grab suchen. Sie fanden ein leeres, einfaches, ärmliches Grab in der Nähe jener Stelle, wo sie einst in einem reicheren Grab, das eine Vorkammer gehabt hatte, den Heiland niedergelegt hatten, und trugen die Leiche hinaus, sie dort zu bestatten. An einem der nächsten Tage kam Thomas zurück, und sie erzählten ihm das Geschehene. Wieder ungläubig wollte er den heiligen Körper der Entschlafenen sehen und die Apostel führten ihn hin: sie fanden aber das Grab leer. Denn inzwischen war etwas geschehen, was die Apostel nicht wußten, was aber Therese Neumann sah. Von zwei Engeln aus dem Grabe gehoben, in denen Therese Neumann den Erzengel Gabriel und den Schutzengel Mariä erkannte, war der Körper selbst, nicht die Seele aus dem Grab gehoben und in den Himmel getragen worden, wo auf halbem Wege der Heiland und Joseph, der Bräutigam von einst, den heiligen Leib ihnen abnahmen und zum Vater führten. So und nicht anders sei das irdische Ende der heiligsten Frau gewesen, die je über die Erde ging. (Bei den Visionen des Allerheiligenfestes sieht Therese Neumann nur zwei Heilige jetzt schon mit den verklärten Leibern, die wir alle einst erst nach dem Jüngsten Gericht zu erhalten hoffen: Maria und Elias. [Henoch sieht sie nicht.] Die übrigen Heiligen der Kirchengeschichte erscheinen ihr als Geister, ohne noch im Besitz des Leibes zu sein, als durchsichtig und nicht als eine verklärte strahlende Substanz, als der auch der Heiland nach der Auferstehung seinen Jüngern erschien, während alle Engel nach Therese Neumanns Schilderung durchsichtig wie Flammen sind.) Mit diesen Erzählungen ging unser Aufenthalt in Konnersreuth zu Ende. Auf der Fahrt nach Eichstätt erfuhren wir unterwegs die schwerwiegenden politischen Ereignisse des Tages, eine grelle Dissonanz zu der er lebten höchsten und wichtigsten Wirklichkeit. Wir machten, bevor wir uns in Augsburg trennten, um zu unsern Frauen zu fahren, in Eichstätt bei Prof. Wutz Halt, dem Manne, der mich vor elf Jahren nach Konnersreuth geführt hatte und dessen überragender Geist all die Jahre hindurch zwar nicht der Seelenführer der Therese Neumann gewesen war, aber doch ihr fürsorglichster, liebevollster Mentor, der Mann, der von allem Geschehen in Konnersreuth, schweigsam und nur schwer zum Reden zu bewegen, die umfassendste und kritischste Kenntnis hatte. Wir besorgten bei ihm, daß noch für den Abend, wie uns in Konnersreuth befohlen worden war, der Münchener Arzt zum Eichstätter Bischof kam, aber ihm, der müde angekleidet auf seinem Bett lag, sagten wir nichts von der schweren Gefahr, in der er nach Therese Neumann noch schwebte. Als ich in den ersten Dezembertagen in Bad Ditzenbach bei ihm war, wo er Heilung suchte, hatte ,er mir erzählt, daß, wie er - das letztemal in seinem Leben - der Therese Neumann die heilige Kommunion gereicht habe, diese, wie gewöhnlich den Heiland in Person habe auf sich zukommen sehen. Und der Heiland habe im Schreiten einen Augenblick gestockt und mit einem liebevollen Gesicht ihn, den Wutz, den Therese plötzlich daneben stehen sah, zu sich hergewunken. Wir haben damals am 11. März ohne allzu große Sorgen von ihm Abschied genommen. Acht Tage darauf, am 19. März, dem Tage des heiligen Joseph, des Patrons des guten Todes, hat der Herr Wutz, diesen seinen demütigen Diener, endgültig zu sich gerufen, meinen großen und guten Freund. Unaufschiebbare Reisen haben mich verhindert, diesen Bericht früher aufzuschreiben. So mag die Zeit und ihre Fülle an tief eingreifenden Geschehnissen die Bilder des Konnersreuther Erlebnisses nicht wenig haben verblassen lassen. Um so wichtiger erschien es mir, doch noch aufzuschreiben, was das Gedächtnis behielt.
Wir verlassen nun die reinen Erlebnisschilderungen und wenden uns zwei Aufsätzen zu, die auch heute noch einen echten Beitrag zur Diskussion liefern können. Sie sind in der fast unübersehbar gewordenen Literatur um Konnersreuth vergessen worden. Es sei hier noch einmal darauf hingewiesen, daß der Herausgeber keineswegs in die Diskussion eingreifen, sondern lediglich das Material ausbreiten will, das sich im Nachlaß seines Vaters befand und das ihm wichtig genug zur Wahrheitsfindung erschien. Die gegen Therese Neumann vorgebrachten und vorzubringenden Ansichten sind zuletzt 1950 von Hilda C. Graef in dem Buch "Konnersreuth, der Fall Therese Neumann" zusammengestellt worden. Da die hier veröffentlichten Berichte Hilda Graef in zwei sehr wesentlichen Punkten widerlegen, deshalb sah sich der Herausgeber veranlaßt, die beiden Artikel in dieses Büchlein aufzunehmen. Sie sind jedoch auch für den mit der Debatte um Therese Neumann nicht vertrauten Leser. hochinteressante Beiträge, weil in ihnen auch heute immer wieder vorgebrachte Bedenken und Vorwürfe richtig gestellt werden. Über das Buch von Hilda C. Graef steht dem Herausgeber als Ganzes kein Urteil zu. Eine gesamte Widerlegung ihrer These ist nicht Aufgabe des Historikers, als welcher sich der Herausgeber betrachtet, und auch nicht Aufgabe dieses Buches. Der erste Artikel erschien am 3. Februar 1938 in der Salzburger Kirchenzeitung. In ihm stellte Aretin die Gründe zusammen, weshalb es zu keiner zweiten ärztlichen Untersuchung kam. Der zweite Artikel ist nicht von meinem Vater. Gerade die Frage des Aramäischen spielt jedoch eine so zentrale Rolle in der Diskussion, daß sich der Herausgeber entschlossen hat, diesen am 14. Dezember 1927 in der Beilage der Münchener Neuesten Nachrichten "Die Einkehr" erschienenen Artikel aufzunehmen. Es ist der schon mehrmals erwähnte Bericht von Prof. Johannes Bauer von der Universität Halle. In ihm wird einwandfrei die Behauptung widerlegt, das aramäische Sprachwunder gehe auf Suggestion von Prof. Wutz zurück. Über die Aufnahme von Prof. Bauer in Konnersreuth berichtet Aretin an andere Stelle folgendes: "Prof. Bauer von Halle habe Gerlich und ich hingeschickt, um nicht den katholischen Theologen Wutz als Zeuge:. für das Aramäische zu haben. Dabei passiert es nun, daß Therese Neumann den Professor mit den Worten empfing: "Das kenn ich glei daß du früher ein katholischer Geistlicher warst." Weder Wutz noch ich noch Gerlich hatten diese Tatsache gewußt. Um so anerkennenswerter ist nach so üblem Empfang, daß Bauer rückhaltlos und ohne einschränkende Bemerkung die Echtheit und Unerklärlichkeit des Aramäischen anerkannte." Die etwas allzu primitive Deutung von Hilda Graef, das Aramäisch sei ein falsch verstandenes Oberpfälzisch dürfte damit wohl in das Reich der Fabel verwiesen sein. Das Gutachten von Prof. Bauer ist von Hilda Graef nicht erwähnt.
Ärztliche Untersuchung in Konnersreuth Zur Aufklärung über Konnersreuth
In der Nr. 18 des Korrespondenzblattes für den katholischen Klerus vom 25. Oktober 1937 hat Dr. Josef Deutsch aus Lippstadt in einem Artikel "Kritisches um Konnersreuth" nicht zum erstenmal die Argumente zusammengestellt, die ihm die Notwendigkeit einer neuerlichen ärztlichen Untersuchung der Stigmatisation und der Nahrungslosigkeit der Therese Neumann als gegeben erscheinen lassen. Er hat zum Anlaß seines Artikels den Wunsch genommen, der von dem S. C. S. Officium in Rom nach einer solchen Untersuchung ausgesprochen wurde, aus diesem Wunsch freilich sofort eine Forderung nach einer Untersuchung gemacht, vergessend, daß Wunsch und Forderung auch von der höchsten Stelle kommend - und gerade von ihr kommend - nicht gleichbedeutend sind, indem nämlich die Verweigerung eines Wunsches nie und nimmer ein Ungehorsam ist, sondern nur die Verweigerung einer Forderung oder eines Befehls als solcher bezeichnet werden kann. Um der eigenen gewissermaßen im Namen der Wissenschaft aufgestellten Forderung mehr Nachdruck zu geben, hat Dr. Deutsch in diesem Artikel kein Bedenken getragen, sowohl im Falle der Stigmatisation als im Falle der Nahrungslosigkeit einen reichlich unverblümten Verdacht des Betruges gegenüber der Familie Neumann auszusprechen, ohne zu überlegen, daß solcher Verdacht oder schon auch nur die Drohung mit ihm seinen Ausführungen einen ihren Gehalt beträchtlich schädigenden erpresserischen Unterton gibt. Sein Satz, daß ihm, Dr. Deutsch, in der Frage der Stigmatisation Tatsachen vorliegen, "die eine artifizielle Hervorbringung der Wunden stark verdächtig erscheinen lassen", die also auf deutsch den bewußten Betrug beinhalten, wenn Dr. Deutsch nicht gleichzeitig mit ihm diese Tatsachen nennt, muß, milde gesagt, als ein ganz erstaunliches Vergreifen im Ton bezeichnet werden, der an der wissenschaftlichen Qualität und an der rein schriftstellerischen Gewissenhaftigkeit seines Verfassers die stärksten Zweifel auszulösen imstande ist. Denn Dr. Deutsch wird bei dem Interesse, das er an den Konnersreuther Vorgängen nimmt, schließlich nicht entgangen sein, daß zum mindesten in der Frage der Stigmatisation wenigstens unter allen, die mehr Kenntnisse besitzen als er, die Akten geschlossen scheinen. Der Satz "Es ist Unsinn, diese Stigmata (der Therese Neumann) als Betrug bezeichnen zu wollen", steht noch dazu fett gedruckt nicht etwa in einer Veröffentlichung eines Gläubigen der Konnersreuther Phänomene, sondern in dem in dieser Beziehung wohl ziemlich unverdächtigen Kampfblatt für Deutschen Glauben, Rasse und Volkstum, "Durchbruch" Nr. 46 vom 18. November 1937. Er mag sich daher vorstellen, daß Leute, die die Verhältnisse noch besser kennen als der .,Durchbruch", statt des immerhin schon ziemlich kräftigen Wortes "Unsinn" geneigt sind ein noch kräftigeres Wort zu gebrauchen. Und die Annahme, daß diese Leute jedes kritischen Vermögens bar sind und solches nur durch ein Doktorexamen in Medizin erworben werden könnte, ist bestimmt nicht richtig. Selbst die größten und schärfsten Gegner Konnersreuths können nicht umhin zuzugeben, daß es um Konnersreuth in den letzten Jahren wohltuend still wurde, und wenn sie es vielleicht auch nicht für wahr haben möchten, daß solche Stille dem sehr begreiflichen innersten Wunsch der Therese Neumann entspricht, so können sie sie jedenfalls nicht als Argument für deren Geltungsbedürfnis verwenden, die in diesen wenig unterrichteten Köpfen bisher als Kronzeuge der für sie hypothetisch unbedingt nötigen Hysterie galt. Wenn solches Geltungsbedürfnis schon festzustellen ist, so zwingt ein Überblick über die rastlose Tätigkeit der Betreiber der ärztlichen Untersuchung, die so gerne einen kirchlichen Befehl für sie hätten, daß sie einen solchen erfinden, wo keiner da ist, insbesondere aber die Tätigkeit des für sie durch nichts legitimierten Dr. Deutsch zu der Feststellung, daß sie sehr einseitig auf der Seite dieser Gegner liegt. Nun zwingt freilich selbst der unkritischste Angriff zur Revision des eigenen Beweismaterials. Er zwingt dazu, einmal wieder in die Flut der Schriften und Artikel um Konnersreuth zusteigen, die in den Jahren 1927/28 und 1932 ihren Höhepunkt hatte, und solches zu tun ist über jedes Erwarten lehrreich. Denn hier findet man bereits alle Argumente, die Dr. Deutsch als strittig bezeichnet, oder, wie die Hysteriefrage als entschieden darstellen will, mit einer Ausführlichkeit erörtert, die für die Ablehnung des Wunsches nach einer neuen ärztlichen Untersuchung volles Verständnis erweckt. Wenn Dr. Deutsch z. B. als erwiesen darstellen will, daß die vierte Urinuntersuchung des Jahres 1927 im Fehlen des für Hungerurin charakteristischen Azetons bewies, daß eben damals von Hunger keine Rede mehr sein konnte, Therese Neumann also Nahrung zu sich nahm, so lesen wir in einem Gutachten des Direktors der Medizinal-Untersuchungsstelle der Stadt Essen/Ruhr, Dr. med. Josef Hohn vom 21. Dezember 1932, daß das Fehlen dieses Azetons nach neueren Forschungen gar nichts beweist. Und da erhebt sich denn doch die Frage, aus welchen Bezirken heraus die Medizin ihren Anspruch auf Entscheidung des Problems der Nahrungslosigkeit erhebt, wenn sie sich selbst nicht einmal darüber einig ist, wie der Befund zu deuten ist. Mit anderen Worten: wenn das Verdikt der Medizin von 1927, was es bekanntlich nicht tat, auf "Betrug" gelautet hätte, so war die Forschung schon fünf Jahre später, 1932, so weit, dieses Verdikt als möglicherweise grundfalsch abzulehnen. Es ist nicht schwer, daraus zu entnehmen, wie verschieden sich die Verdikte gestalten werden, wann immer irgend ein Arzt kraft seiner Rhetorik eine immer wiederholte neue Untersuchung zu erzwingen versteht. Der hochselige Bischof Anton v. Henle von Regensburg war gut beraten, als er 1927 die Einmaligkeit der Untersuchung dem Hause Neumann zusichern ließ, da anders dieses gut katholische, auf den Schutz seines Bischofs vollen Anspruch habende Haus praktisch aufgehört hätte zu existieren und genötigt gewesen wäre, seine schwer leidende Tochter fortan von einer Klinik in die andere zu schicken, je nachdem der wissenschaftliche Wind in diesem oder jenem Kopf so oder so wehte. Die acht Bischöfe Bayerns haben damals auf der Freisinger Bischofskonferenz einen Beschluß gefaßt, der im "Oberhirtlichen Verordnungsblatt für die Diözese Regensburg" in den Nummern 10 und 12 vom 6. und 21. Oktober 1927 veröffentlicht wurde. Dieser Beschluß der auf dem kirchlichen Gebiet maßgebenden Stelle enthält die genaue Schilderung der auf ärztliche Anordnung durchgeführten Maßnahmen, die Feststellung, daß auch "die Beobachtung in einem Spitale oder in einer Klinik keinen besseren Erfolg hätte bringen können", und schließlich den Satz ;,Die somit gewonnene naturwissenschaftliche Grundlage bietet erst den Boden für die philosophisch-theologische Prüfung des Phänomens". Ihm stellt Dr. Deutsch den Satz gegenüber: "Daß die Beobachtung der Therese Neumann im Hause der Eltern im Jahre 1927 ausreichen sollte, die so ungeheuer unwahrscheinliche Nahrungslosigkeit zu beweisen, ist eine Naivität." Und genau die gleiche Naivität wird morgen der betriebsame Anreger einer dritten Untersuchung den Bischöfen höhnend vorwerfen, usf. Uns freilich und vielleicht auch den acht ihren Beschluß wohl überlegenden Bischöfen wird es als eine viel größere Naivität erscheinen, solchen Beweis jemals von irgendeiner Untersuchung vor einem Forum zu erwarten, das, wie wir oben sahen (und wie es im Grunde im Wesen jeglicher menschlichen Forschung liegt) sich nicht einmal über die Deutung der vorgefundenen Phänomene einig ist und seine Ansicht darüber schon im Laufe von fünf kurzen Jahren radikal ändern kann. Dabei ist das obige Beispiel nur als eines unter vielen herausgegriffen. Dr. Deutsch's kritischer Artikel unterschlägt z. B. die Feststellung, daß die in der genannten Untersuchung angefallene Urin-Menge - also immerhin das am leichtesten und sichersten Meßbare von allem Meßbaren - so gering war, daß sie den Urämie-Tod der Therese Neumann unbedingt zur Folge hätte haben müssen; er unterschlägt auch die Erscheinung der Einholung des ganz gewaltigen Gewichtsverlustes, die sich in der Untersuchungsperiode von 14 Tagen zweimal nach den Freitagen wiederholte, und die den beobachtenden Ärzten Seidl und Ewald als unerklärbar erschien. Wie überhaupt Deutsch's "Kritischer Artikel" in einer Weise auf die Gedächtnislosigkeit der Menschen sündigt, die für einen Arzt wohl schwer zu verantworten sein dürfte. Dr. Deutsch ist nie in Konnersreuth gewesen, hat nie Therese Neumann, die von ihm immer und immer wieder mit kaum verhüllter Verleumdung Angegriffene, gesehen. Er tut sich viel zugute auf die Erfahrung, die ihm 30jährige Tätigkeit an Krankenhäusern gibt, auf seine ziemlich lange Laufbahn also, über deren Erfolge ihr vorläufiges Ende in dem kleinen Lippstadt noch nichts auszusagen braucht. Aber zwei Fragen drängen sich zunächst doch auf : Ist Herrn Dr. Deutsch während seines langen Arztlebens schon ein Arzt untergekommen, der mit überheblichem Ton über eine Patientin zu schreiben wagt, die er nie sah? Und welche Autorität würde ein solcher Mann, wenn es ihn gibt, in den Kreisen seiner Fachleute zu gewärtigen haben? Wir sind ja nur über jene in den Kreisen der Laien einigermaßen unterrichtet. Und wenn Dr. Deutsch am Schlusse seines Artikels die rhetorische Frage aufwirft: "Ist die Sache echt, warum weigert man sich in Konnersreuth beharrlich, das Wunder aller Welt klar vor Augen zu führen?", so möchte man, bevor man an die Beantwortung dieser Frage geht, die Gegenfrage stellen: "Ist Ihr Interesse, Herr Dr. Deutsch, echt, warum weigern Sie sich beharrlich, einmal die Reise nach Konnersreuth zu machen und sich die Sache selbst anzusehen? Für das meiste, was Sie schrieben, würde Sie dann der unerfüllbare Wunsch erfassen, es nie geschrieben zu haben!" Aber der Kern der Frage Therese Neumann ist sicher nicht identisch mit der Zweckmäßigkeitsfrage dieser zweiten ärztlichen Untersuchung, sondern mit der ihres Verhaltens zur kirchlichen Obrigkeit. Der Wissenschaft gegenüber hat Therese Neumann keine Verpflichtung, sie verlangt sich nichts von ihr und ihr Urteil über sie ist ihr nach den gemachten Erfahrungen völlig gleichgültig. Sie hat sich niemals der Öffentlichkeit aufgedrängt, niemals eine der zahlreichen Schriften über sie veranlaßt noch gelesen und war zu allen Zeiten jeder Einschränkung ihrer Besucherzahl dankbar, da sie jedes öffentliche Interesse mit seinen Gefahren einer Zurschaustellung als schwerste Belastung ihres Lebens empfand. Das gleiche gilt von ihren Eltern, deren abweisende Haltung gegenüber den Besuchern, wie viele Anekdoten berichten, den Tatbestand der Grobheit ziemlich nahe streifte. Gewiß besteht die Verlockung, der auch Dr. Deutsch unterliegt, eine Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit aufzustellen, Therese Neumann müsse das "Wunder", mit dem sie begnadet wurde, einem möglichst weiten Kreise in möglichst zweifelsfreier Weise vor Augen führen. Aber wer ist so naiv zu glauben, daß selbst dem Anblick des Wunders die heutige Welt in der großen Mehrzahl zumal ihrer wissenschaftlichen Vertreter ein anderes Argument zur Verfügung stellt, als Dubois-Reymonds resigniertes "Ignoramus, ignorabimus"? In keiner chemischen Analyse, in keiner Retorte ist Gottes Walten auf Erden zu fassen. Dem Blindsein-Wollenden nimmt kein Wunder den Hochmut der selbstgefälligen Augen, der sie blendet, und der Ehrlich-Suchende findet den Weg. Bleibt die Verpflichtung gegenüber der kirchlichen Obrigkeit, deren Vernachlässigung im Ungehorsam einer der schwersten Vorwürfe ist, der gegen ein treues Kind der Kirche erhoben werden kann. Wir haben schon darauf hingewiesen, daß die kirchlichen Stellen, die Grenzen des natürlichen Rechtes kennend, in Konnersreuth weder eine Forderung aufgestellt, noch einen Befehl erteilt haben, da auch sie nicht das Verfügungsrecht über den Körper eines Menschen, zumal eines Laien, besitzen und sich dessen als der unverrückbaren Grundlage der eigenen Autorität völlig bewußt sind. Konnersreuth gegenüber haben sie gebunden auch durch das Wort der bayerischen Bischöfe von dem genügenden Befund der ersten Untersuchung, immer nur von Bitte und Ersuchen gesprochen und auch nie anders, ohne den eigenen Machtbereich zu verlassen, sprechen können. In dem Begriff des Ersuchens aber ist, wir betonten es schon, die legale und keinesfalls als Ungehorsam zu bezeichnende Möglichkeit der Ablehnung enthalten. Aber selbst in dieser Einschränkung ist Dr. Deutsch's Darstellung des Verhaltens der Therese Neumann und ihrer Familie unrichtig und wir möchten annehmen, daß der Hochwürdigste Herr Bischof von Regensburg in Erfüllung seiner Schutzpflicht für seine Diözesanin Herrn Dr. Deutsch schon in Kenntnis gesetzt hat, daß er seit Dezember 1936 im Besitz der von Therese Neumann selbst unterzeichneten Zustimmung zur ärztlichen Untersuchung ist, die sie gegen Wissen und Willen ihres Vaters gab. Auch von einer Weigerung des Vaters, die sein gutes und durch keine Dialektik zu beeinträchtigendes Recht wäre, ist nur mit der Einschränkung zu reden erlaubt, daß der Vater schon am 17. Oktober 1932 zu einer solchen Untersuchung seine grundsätzliche Zustimmung gab, sie aber in Hinblick .auf die schlimmen hier nicht wiederzugebenden ärztlichen Übergriffe bei der ersten Untersuchung und sein nicht zuletzt durch das unärztliche Verhalten von Dr. Deutsch hervorgerufenes Mißtrauen an eine Reihe von Bedingungen knüpfte, die seinem Bischof bekannt sind und die durchaus keinen die Untersuchung praktisch unmöglich machenden Charakter haben. Wenn daher von dem Ungehorsam des Hauses Neumann gegenüber der kirchlichen Obrigkeit in einer die Familie schwer kränkenden Weise die Rede ist, so geschieht dies nur aus völliger Unkenntnis der rechtlichen Verhältnisse, die, wo keine Befehlsgewalt ist, auch keinen Ungehorsam kennen, und aus der gleichen Unkenntnis des wirklichen Verhaltens der Familie gegenüber den ihr von den kirchlichen Obern vorgelegten Bitten. Man weise nicht hin auf die Volljährigkeit der Therese, die sie in den Stand setzen würde, auch gegen den Willen des Vaters jene Bitten zu erfüllen. Therese Neumann ist heute wie nur je auf das väterliche Haus angewiesen, dessen Glied sie ist, und der kennt einen oberpfälzischen Bauernhaushalt schlecht, der es sich leicht vorstellt, sich in ihm der alten, väterlichen Autorität zu entziehen. Oder soll Therese Neumann bei Nacht und Nebel aus dem Vaterhause fort, um einer Untersuchung sich zu stellen, zu der keine Pflicht sie ruft und deren völlige Nutz- und Zwecklosigkeit ihr, der Erlebenden, wohl klarer ist, als allen andern. Wenn sie zur Untersuchung ihre Zustimmung gab, so tat sie dies gewiß nicht leichten Herzens, sondern damit nicht in ihrer Person die Erfüllung jenes Wunsches ihr Hindernis finde. Wir kennen die Wege der Vorsehung nicht. Aber wir könnten uns denken, daß einmal, wenn diese seltsam begnadete Seele zu ihrem Schöpfer zurückgekehrt sein wird und ihr Leben vollendet vor dem Urteil auch irdischer Richter in einer römischen Kongregation liegt, vor der Fülle der Tatsachen, die dieses Leben erfüllten und deren sorgfältige urkundliche Feststellung heute schon Bände füllen könnte, die Frage der Nahrungslosigkeit zu eine Schemen verblaßt, bei dem man sich wunder wird, wie es einmal die Gemüter bewegen konnte. Als Nicolaus von der Flüe selig gesprochen wurde, hat der damalige Fidei Promotor Franciscus de Rubeis die Zeugnisse für Beobachtung der Nahrungslosigkeit des Nicolaus als ungenügend verworfen; er wurde trotzdem selig gesprochen und ein Strom von Gnade ergoß sich aus seinem Grab über das gläubige Schweizer Volk. Noch vor 40 Jahre konnte in Deutschland eine wissenschaftlich Zeitschrift die Stigmen des heiligen Franz von Assisi als bewußten Schwindel bezeichnen, ohne dem ständigen Wachsen des Ansehens eines der größten und unzweifelhaftesten Heiligen der Kirche auch nur eine Sekunde Einhalt zu tun. Wir wissen nicht, ob die Wissenschaft des 14. Jahrhunderts den Stigmen und Visionen der Sieneser Gerberstochter Katharina das gleiche Interesse entgegenbrachte, wie die des 20. der Schneiderstochter von Konnersreuth. Die Namen der Zweifler, die es sicher gab, hat die Geschichte bis zur Vergessenheit verblassen lassen vor dem Namen der Angezweifelten. Es liegt uns nichts ferner als der anmaßende Versuch die Lebenden toten Heiligen zu vergleichen, deren Bilder heute die Zierden unserer Altäre sind, und die nach ihrem Tode erst, wie alle Heiligen der Kirche, sich als die gottnahen Seelen enthüllten, die sie, angefeindet und verfolgt von ihren Zeitgenossen, zu ihren Lebzeiten gewesen waren. Niemand ist befugt, dem Urteil der Kirche vorzugreifen und über ein Leben zu urteilen, das noch der Vollendung in Christo harrt. Aber ich könnte mir vorstellen, daß, wenn spätere Jahrhunderte in den Akten Therese Neumann blättern werden, ein bleiches Entsetzen sie erfassen wird, daß es eine Zeit gab, geistlos genug, in dem Problem des Azetons und in Gewichtsmessungen eine Antwort auf die großen Fragen zu suchen, die dieses Leben, ganz gleich, wie das Urteil der Kirche fällt, der Geistesgeschichte der Menschheit gestellt haben wird.
Das Aramäische in Konnersreuth Von Dr. Johannes Bauer Professor der Semitischen Philologie,
Vor einigen Monaten ist zu den außerordentlichen Begebenheiten, die aus Konnersreuth gemeldet wurden, noch die Nachricht gekommen, daß Therese Neumann bei der Erzählung ihrer Visionen auch aramäische Worte und Sätze wiedergibt, die sie in ihren Ekstasen aus dem Munde Jesu und seiner Umgebung gehört hat und die ihr selbst ganz unverständlich sind. Es wäre dies, wenn die Nachricht sich bewahrheiten sollte, selbst im Bereich all jener merkwürdigen Erscheinungen etwas Unerhörtes und noch nie Dagewesenes. Jedenfalls finden wir von keiner der bekannten etwa 320 stigmatisierten Personen etwas derartiges berichtet, während z. B. selbst die gänzliche Nahrungsenthaltung mehrfach erwähnt wird. Allerdings ist in den von Clemens Brentano veröffentlichen Berichten der Anna Katharina Emmerich einmal die Rede davon, daß sie unverständliche jüdische Worte vernimmt, aber es wird nichts davon mitgeteilt, und jedenfalls hört sie sonst Jesus und seine Umgebung nur Deutsch reden. Einer freundlichen Aufforderung von Professor Wutz Folge leistend, hielt ich mich im Oktober einige Tage in Konnersreuth auf und ich danke es ihm und Herrn Pfarrer Naber, daß ich am Freitag nicht nur beim Passionserlebnis längere Zeit zugegen sein konnte, sondern auch am Nachmittag, wo die Therese in dem sogenannten Zwischenzustand sich befindet und ihre Erinnerung an das Geschaute und Gehörte am lebendigsten zu sein pflegt. Die das Aramäische betreffenden Aufzeichnungen, die ich bei dieser Gelegenheit machen konnte, sollen hier in aller Vollständigkeit mitgeteilt werden. Es erscheint das um so notwendiger, als die spärlichen bis jetzt in die Öffentlichkeit gelangten Angaben vielfach ungenau oder irrig gewesen sind, so daß ein richtiges Bild der Sachlage gar nicht gewonnen werden konnte. Zum besseren Verständnis der zu berichtenden Tatsachen ist es nötig, in aller Kürze einige Vorfragen zu behandeln, zunächst die: Was wissen wir überhaupt über die Sprache Jesu und seiner Umgebung? Entgegen früheren Meinungen, daß Jesus hebräisch, griechisch oder gar lateinisch gesprochen habe, muß heute die Tatsache als gesichert gelten, daß seine gewöhnliche Umgangssprache das Aramäische gewesen ist. Das schließt nicht aus, daß er auch Hebräisch gekonnt und vielleicht auch etwas griechisch verstanden hat. Die in den Evangelien überlieferten ursprünglichen Worte Jesu wie Abba "Vater" oder Talita kumi "Mädchen, steh auf" sind ohne Zweifel aramäisch. Das Aramäische hatte schon einige Jahrhunderte vor Christi Geburt das Hebräische fast ganz aus dem gewöhnlichen Leben verdrängt, wenn dieses auch als die Sprache des Gebetes und der Gelehrsamkeit weiterlebte. Das Aramäische selbst, das sich - grob ausgedrückt - zum Hebräischen etwa so verhält wie das Holländische zum Deutschen, war weder dem Wortschatz noch der Aussprache nach einheitlich, es wurde sicherlich in Galiläa z. B. anders gesprochen als in Judäa, wie denn ja auch Petrus in Jerusalem durch seine Sprache als Galiläer erkannt wird. Wir wissen auch zum Teil, worin sich das Galiläische vom Judäischen unterschied, unter anderem z. B. dadurch, daß die Galiläer gewisse dem Semitischen eigene Kehllaute nicht aussprechen konnten. Freilich stammen diese unsere Kenntnisse aus Zeugnissen späterer Zeit, hauptsächlich aus den Angaben des sogenannten jerusalemischen Talmud, der erst im vierten Jahrhundert zusammengestellt wurde, wenn auch einzelne Teile desselben älter sein mögen. Solche literarische Zeugnisse, die mit Sicherheit der Zeit Jesu oder überhaupt dem ersten Jahrhundert zugewiesen werden könnten, besitzen wir leider nicht, wir wissen aber, daß es solche gegeben hat. So hat z. B. Flavius Josephus seine bekannte Geschichte des jüdischen Krieges, der zur Zerstörung Jerusalems führte, zuerst aramäisch und dann erst griechisch geschrieben. Dagegen wissen wir wieder mit Bestimmtheit, daß die aramäischen Stücke im Buch David etwa 200 Jahre vor dem Auftreten Jesu in Judäa, wahrscheinlich in Jerusalem selbst, geschrieben sind. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß die Sprache Jesu zwar, mathematisch ausgedrückt, keine genau angebbare Größe ist, daß sie aber zwischen bekannte Größen an einer bestimmten Stelle eingereiht werden kann. Zwar besteht eine weitere Schwierigkeit darin, daß die Texte, um die es sich hier handelt, ursprünglich nur mit Konsonanten geschrieben und erst viel später mit Vokalzeichen versehen worden sind. Aber auch diese Schwierigkeit ist nicht unüberwindbar. So hat man denn verschiedentlich versucht, die Sprache Jesu oder wenigstens die von ihm überlieferten Worte in ihrer ursprünglichen Form zu rekonstruieren. Das meiste in dieser Hinsicht hat unter den jetzt Lebenden der nunmehr 72jährige Professor Gustav Dalman geleistet, der, wie er selber sagt, schon in seiner Jugend darauf ausging, die Welt, in welcher Jesus lebte, sich gegenständlicher zu machen. Wenn also, wie es wohl geschieht, die Frage aufgeworfen wird, ob die Rede Jesu und der Apostel von einem heutigen Sprachforscher verstanden werden könnte, so ist zu antworten, daß das wohl für einzelne, nicht zu lange Sätze zu einem gewissen Grad möglich wäre, vorausgesetzt, daß der betreffende Sprachforscher sich mit den genannten Arbeiten gründlich beschäftigt hat. Daß wir von vielen Einzelheiten der Aussprache nur eine fragwürdige Kenntnis haben, braucht keineswegs ein absolutes Hindernis für das Verständnis zu sein. Verstehen wir doch auch die verschiedensten Dialekte unserer Sprache, selbst wenn sie uns recht fremdartig anmuten. Natürlich wird es in all diesen Fällen Wörter oder Redensarten geben, die wir erst nach einigem Besinnen oder überhaupt nicht verstehen. Aber es lägen ja im Fall Konnersreuth, auch wenn wir die Echtheit der Phänomene annehmen, nicht die aramäischen Worte in ihrer natürlichen Form vor, sondern in der Wiedergabe durch ein einfaches Mädchen, das niemals eine fremde Sprache gehört oder gelernt hat, geschweige denn Aramäisch. Da erhebt sich nun die weitere Frage: Inwieweit könnten von vornherein diese Wiedergaben als zuverlässig gelten? Darauf wird zu sagen sein, daß es auch einem sehr geschulten Sprachforscher, wenn er nicht über ein abnormes Gedächtnis verfügt, kaum möglich sein wird, einen längeren Satz in einer ihm gänzlich unbekannten Sprache richtig wiederzugeben. Er wird davon höchstens den Anfang und den Schluß behalten, im übrigen aber nur isolierte Worte und kurze Sätze. Dasselbe würde von vornherein auch bei der Therese zu erwarten sein; der Sprachforscher hätte in diesem Fall kaum etwas Wesentliches voraus. Enthält die fremde Sprache - was der Fall sein kann, aber nicht der Fall zu sein braucht - auch unbekannte Laute, so ist damit zu rechnen, daß die betreffende Person sie durch mehr oder weniger ähnliche bekannte Laute ersetzt (Lautsubstitution). Aber euch bekannte Laute, die in einer ungewohnten Verbindung stehen, können durch eine geläufigere Verbindung ersetzt werden. Auf unseren Fall angewandt, würden also z. B. die eigenartigen semitischen Kehllaute in der Wiedergabe der Therese entweder ganz ausfallen oder durch andere Laute, etwa g oder r, ersetzt werden; oder die Lautverbindung ol würde bei ihr zu oi werden müssen, da sie in ihrem oberpfälzischen Dialekt "Holz" statt "Holz" sagt, u. dgl. Von allergrößter Wichtigkeit aber wäre der Umstand, daß im heimatlichen Dialekt der Therese nicht nur die im Semitischen genau unterschiedenen stimmhaften Laute b, d, g, s fehlen, sondern daß überhaupt zwischen d und t, b und p kein Unterschied besteht. Die von ihr gesprochenen Laute sind in Wirklichkeit ein Mittelding zwischen diesen beiden, das durch unsere gewöhnliche Schrift gar nicht ausgedrückt werden kann. Wenn nun ein unkundiger Hörer je nach Belieben ein d oder t, b oder p setzt, so können die betreffenden Worte so entstellt werden, daß sie auch für den Sprachkundigen ganz unkenntlich sind, während er sie in der Wiedergabe der Therese noch hätte verstehen können. So würde wohl ein des Englischen Kundiger englische Worte und kurze Sätze, die von der Therese aus Anlaß einer bestimmten Situation wiedergegeben würden, verstehen, fände er aber z. B. englisch dirty durch tödi oder tedious durch ditjas wiedergegeben, so wären sie ihm gänzlich fremd. Die mündliche Wiedergabe wäre nur ungenau, die schriftliche geradezu falsch und irreführend. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß die durch den Dialekt der Therese bedingte Vieldeutigkeit der fremden Worte zur äußersten Vorsicht in der Ausdeutung derselben mahnt, daß aber andererseits so bedenkliche Unterschiede in der Wiedergabe, wie sie z. B. auf Seite 322 der "Einkehr" zutage treten und den kritischen Leser stutzig machen müssen, in Wirklichkeit wenig besagen, weil sie sich aus den obigen Darlegungen ohne weiteres erklären. Eine exakte Wiedergabe könnte nur durch einen geschulten und sehr feinhörigen Phonetiker erfolgen, und zwar nicht in unserer gewöhnlichen, sondern in phonetischer Schrift. Wahrscheinlich würde es aber auch ihm, wenn er nicht sprachkundig ist, ähnlich ergehen wie Dr. Gerlich, daß er längere Partien nicht auf einmal würde auffassen oder jedenfalls mit seinen Aufzeichnungen nicht würde nachkommen können. Allen wissenschaftlichen Anforderungen würde natürlich am besten ein moderner Phonograph gerecht werden. Doch weiß ich nicht, ob und inwieweit er bei den besonderen hier obwaltenden Umständen Verwendung finden könnte. Jedenfalls würden die obengenannten Umgestaltungen natürlich auch bei einer phonographischen Aufnahme sich geltend machen, so daß man damit wohl die Wiedergabe der Therese genauer fixieren, nicht aber an das Aramäische selbst näher herankommen könnte. Ich komme nunmehr zu dem, was ich selbst in Konnersreuth in fremder Sprache gehört habe. Die ersten Worte vernahm ich am Vormittag in einer der Zwischenpausen der Ekstase. Auf die Frage von Professor Wutz, was sie zuletzt gehört habe, antwortete Therese, man habe Trompeten geblasen und geschrien. Und auf die weitere Frage, was man geschrien, sagte sie: salabu, .. . Jehud.aje (beides auf der vorletzten Silbe betont und so immer im Folgenden). Das erste Wort bedeutet: "Kreuziget", das zweite "Juden". Was dem zweiten Wort vorausging, habe ich nicht genau verstanden. Alles andere hörte ich am Freitag nachmittag und zwar, was besonders betont werden soll, in Abwesenheit von Prof. Wutz. Pfarrer Naber, der selbst kein Aramäisch versteht, hatte die Freundlichkeit, die Therese über ihre Erlebnisse zu fragen. Die fremden Worte sprach sie zum Teil auf besondere Aufforderung, zum Teil ließ sie dieselben in die Erzählung einfließen, so gewöhnlich, wenn es sich um Dinge handelte, die nicht in den Evangelien berichtet worden. Der Verräter begrüßt nach ihr Jesus mit den Worten: schlama Rabbuni "sei gegrüßt, Meister", wobei zu beachten ist, daß Rabbuni zwar an anderen Stellen der Evangelien vorkommt (Markus 10, 51 und Joh. 20,16), daß aber gerade an dieser Stelle sowohl bei Matthäus (26,49) als auch bei Markus (14,45) Rabbi steht. (Für Therese ist Judas bekanntlich der Mann, der den Heiland gern hat, und auch diesmal hatte sie mit dem Pfarrer darüber einen längeren Disput.) Aus dem Kreise der Jünger hört sie beim Herannahen des Verräters die Worte: mag(g)era, bäisebua, gannaba. Das letzte Wort bedeutet "Dieb". Ich selbst glaubte mehr gallaba gehört zu haben, doch schreibt mir Prof. Wutz, der zwei Wochen später wieder in Konnersreuth war und besonders genau rauf diese Worte achtete, daß er deutlich gannaba hörte; dazu stimmt auch die Angabe in der "Einkehr" Seite 322. Ebenso hörte er am Ende des mittleren Wortes: ... buba. Er vermutet darin: Belzebuba, den Namen des "Obersten der Teufel". Es wäre also l durch i ersetzt (vgl. oben Holz: Hoiz). Ich möchte der Genauigkeit halber diese kleinen Unterschiede nicht unerwähnt lassen, zweifle aber nicht, daß die Angaben von Prof. Wutz richtiger sein werden, da er seine besondere Aufmerksamkeit auf die betreffenden Worte richten und sie auch sich wiederholen lassen konnte, während für mich alles neu und unerwartet Fragen, eingreifen, sondern mich rein zuhörend verhalten wollte. Das erste Wort ma(g)gera weiß ich aus dem Aramäischen nicht zu erklären. Auch wenn man darin zwei Worte sehen wollte: magera "was, o Proselyt (Fremdling) ?", so ergäbe sich kein rechter Sinn, es sei denn, daß die Bedeutung von gera verblaßt wäre, wie etwa im Norddeutschen man (urspr. Mann) = nur, oder im Syrischen ger = denn. Aber besser wird man vorerst diese und noch andere Möglichkeiten nicht erwägen, sondern das Wort als unverständlich bezeichnen. Erwähnt sei noch, daß Prof. Wutz am 4. November die Worte in umgekehrter Reihenfolge hörte. Ich selbst glaube übrigens am Ende nochmals ein undeutliches gera oder ma(g)gera gehört zu haben. In gannaba fällt das deutlich gesprochene b (p) auf, während (wie im Deutschen in dieser Stellung) w zu erwarten wäre. Es sei noch darauf hingewiesen, daß Judas nur Joh. 12, 6 als Dieb bezeichnet wird, nicht bei den anderen Evangelisten. Auf die Frage des Pfarrers hin, was der Heiland nach der Begrüßung durch Judas gesagt habe, kann sie die betreffenden Worte nicht finden und verlangt, man solle ihr den Anfang sagen. Da der Pfarrer ihr nicht helfen kann und auch ich mich schweigend verhalte, fallen ihr die Worte nicht ein. Die Schergen fragen nach Jeschua Nasarija "Jesus, dem Nazarener". Der Vokal hinter dem r ist nicht deutlich zu hören, kann auch e sein, man erwartet eigentlich Nas(a)raja. Jesus antwortet: ana "ich". Dann sagt er noch: kumu (fast komiu gesprochen) "steht auf!". Auch hier ist vielleicht zu beachten, daß die Frage und Jesu Antwort allein bei Joh. 6, 1.2 berichtet wird. Die Leute an der Straße, die den Aufzug sehen und "die den Heiland gern haben", rufen: ma hada "was ist das?". Während der Vorbereitung zur Kreuzigung wird Jesus nach dem Bericht der Therese ins Nasser geworfen. (Gemeint ist wohl ein abgeschlossener Raum mit einem Rest von Regenwasser.) Als man ihn herausholen will, ruft man ihm zu: kum (fast kom gesprochen) "auf!". Von den Kreuzesworten hörte ich: Ela(h)i, Ela(h)i lema schebaktani (mit ganz dumpfem a in "Elahi"), also ganz entsprechend der gewöhnlichen Lesung in Matth. 27,46 und Markus 15, 34. Ferner äs-che "ich dürste", während Dalman sachena "ich bin durstig" vorschlägt, das auch in der Literatur verschiedentlich belegt ist. Sie fordert diesmal auch en Pfarrer auf, das Wort, äs-che nachzusagen, aber erst nach mehreren Versuchen gelingt es ihm zu ihrer vollen Zufriedenheit. "Ich empfehle meinen Geist" lautet bei ihr, wie bei Dalman: afkid ruchi; nur das Ende dieses Satzes erinnere ich mich gehört zu haben. Damit sind meine, die fremden Worte betreffenden Aufzeichnungen zu Ende. Die Worte waren, abgesehen von der ma(g)gera-Gruppe, alle ohne weiteres verständlich, obwohl ich in keiner Weise darauf vorbereitet war, was zu erwarten stand. Es handelt sich zweifellos um richtiges Aramäisch, wie es wohl zu Christi Zeiten gesprochen werden konnte. Die Aussprache ist, auch wenn man die durch den Dialekt der Therese bedingten Umgestaltungen in Rechnung setzt, teilweise nicht ganz so, wie wir sie erwarten würden. Doch kennen wir andererseits die wirkliche Aussprache zu wenig, als daß wir diese Möglichkeit ausschließen dürften. Die Tatsache des Aramäischen - und auf die kommt es zunächst allein an - steht also fest. Für eine endgültige Deutung ist die Zeit noch nicht gekommen. Daß von verschiedenen Seiten die Ansicht ausgesprochen wurde, es liege eine von Prof. Wutz ausgehende, vielleicht unbewußte, Suggestion vor, ist begreiflich. Für die in den Evangelien erwähnten Worte Jesu läge ja eine solche Erklärung nah. Eine nicht leicht zu nehmende Schwierigkeit ergibt sich jedoch daraus, daß Therese auch andere Worte hört, wie mahada, ja sogar solche, die nicht mit Sicherheit zu deuten sind, wie ma(g)gera. Die in der "Einkehr", S. 322, dafür angegebene Bedeutung "Verräter" scheint mir nur aus dem Zusammenhang erschlossen, sprachlich wüßte ich sie überhaupt nicht zu rechtfertigen. Jedenfalls gibt es im Aramäischen andere Wörter für "Verräter", und Prof. Wutz wäre, wenn er ein solches Wort hätte suchen müssen, ganz gewiß nicht auf ma(g)gera verfallen. Dasselbe kann man wohl auch für die beiden anderen Wörter dieser Gruppe: bäisebu(b)a und gannaba behaupten. Auch wenn man der Suggestion den weitesten Raum läßt, ja selbst wenn man die Hypothese des Gedankenlesens zu Hilfe nimmt, bleibt in jenen drei Worten ein noch unaufgeklärter Rest. Zu beachten ist, daß diese Worte immer in der gleichen Weise, wenn auch, wie oben festgestellt, in verschiedener Reihenfolge wiederkehren. Eine weitere Schwierigkeit für die Suggestionstheorie ist der Umstand, daß die Kreuzesworte zum Teil in einer Form wiedergegeben werden, die von den durch Dalman gemachten und natürlich auch für Wutz am nächsten liegenden Vorschlägen erheblich abweicht, die aber gleichfalls richtig aramäisch ist. Für "ich dürste" kann ich nach oben verweisen. Die Fassung von zwei anderen Kreuzesworten kenne ich aus einer nachträglichen Mitteilung von Prof. Wutz, ich habe sie jedoch nicht selbst gehört, so daß ich auf ihre Wiedergabe hier verzichten muß Bemerken möchte ich noch, daß Therese während meiner Anwesenheit in keinem einzigen Fall die Worte Jesu oder anderer Personen auf Deutsch angeführt hat. Die von Prof. Ewald in der Münchner Medizinische Wochenschrift (ich weiß nicht auf Grund welcher Information) ausgesprochene Behauptung, daß die Therese früher die Worte Jesu und der übrigen Personen auf gut oberpfälzisch vernommen habe, wird von Prof. Wutz und dem Pfarrer entschieden bestritten. Sie habe zwar nichts Aramäisches wiedergegeben, wohl aber schon damals gesagt, daß der Heiland wie die anderen so "olber" rede, daß man nichts verstehen könne; also dasselbe, was sie auch heute immer wieder bemerkt. Ende Oktober 1926 habe Prof. Wutz begonnen, sie in dem Freitagszustand über ihre Visionen zu befragen. Als er einmal die Reihenfolge der Kreuzesworte feststellen wollte und sie (deutsch) über einen Satz befragte, habe er gemerkt, daß sie darüber keine Auskunft geben konnte. Sie habe nur kurz bemerkt, der Heiland habe das nie gesagt. Auf die weitere Frage, was er denn zuerst gesagt habe, antwortete sie, er habe etwas zu den "Männern mit der Montur" gesagt. Es habe begonnen wie im Garten (Ölberg) : abba. Langsam habe sie dann herausgebracht: abba schabok lehon "Vater verzeihe ihnen"; den Rest habe sie nicht mehr gewußt. Was die Prof. Wutz besonders verübelten Suggestivfragen an die Therese betrifft, so muß im Interesse einer richtigen Gesamtbeurteilung jedenfalls auch mitgeteilt werden, daß er ihr oft zur Kontrolle auch absichtlich falsche Wörter und Formen zu suggerieren suchte. Diese habe sie aber immer mit Worten, wie "so hat es nicht geheißen", zurückgewiesen, desgleich verschiedene der von Dalman vorgeschlagenen Rekonstruktionen. Es ist dringend zu wünschen, daß die sprachlichen Beobachtungen in Konnersreuth fort. gesetzt werden. Besonders zu achten wäre auf solche Worte, die im Evangelium nicht vorkommen, auch wenn sie unverständlich sein sollten. Gedächtnishilfen dürfen ihr, soweit sie nötig sind, nur mit ihren eigenen Worten gewährt werden. Suggestivfragen, auch wenn sie nur zur Kontrolle dienen sollen, sind zunächst am besten ganz zu vermeiden. Diese Untersuchungen sind gewiß mühsam und zeitraubend, da man dort nicht wie in einem psychologischen Laboratorium experimentieren kann, sondern den günstigen Augenblick abwarten und ausnützen muß. Aber erst, wenn das ganze überhaupt erreichbare Material vorliegt, wird es möglich sein, eine Deutung dieser höchst seltsamen Tatsachen zu versuchen. |