Aus dem Immaculata-Archiv:


DER
WANDEL JESU
IN DER WELT

Nach den Visionen der Anna Katharina Emmerich

unter Berücksichtigung
der Christologie des Aquinaten

dargestellt von

HELMUT FAHSEL
Kaplan

Mit Druckerlaubnis des Ordinariats Basel vom 15. Oktober 1942


Vorbericht:

Die Visionen der Anna Katharina Emmerich

Die Schau in das Vergangene

Acht und ein Drittel Minuten braucht das Licht, um von der Sonne zu unserem Auge zu gelangen. Und das Licht, das wir heute vom Siebengestirn empfangen, entsprang ihm vor dreihundert Jahren, und den großen Andromedanebel sehen wir heute in dem Zustande, in welchem er sich vor einer Million Jahren befunden hat.

Demnach können wir also mit unseren Augen direkt in die Vergangenheit schauen. Nur sind unsere Augen leider zu schwach, und die Fernrohre entbehren eines entsprechenden Sammelapparates der zerstreuten Lichtstrahlen, um uns auch die Einzelheiten sehen zu lassen, die sich vor Hunderten von Jahren auf entfernten Gestirnen abgespielt haben. Doch können wir uns auf Grund dieser eben angestellten durchaus richtigen Überlegung wenigstens die Möglichkeit vorstellen, daß wir einen direkten Blick selbst in die Zeit des Wandels Jesu in der Welt tun könnten, falls wir ein Instrument besäßen, das die von dort und damals ausgegangenen Lichtstrahlen sammelt und zu unserem Auge zurückführt.

Daß aber der allwissende und allmächtige Weltenschöpfer diese Gunst einem jetzt lebenden Menschen erweisen kann, läßt sich schwerlich bestreiten. Und tatsächlich erweist Er diese Gunst noch heute, so wie Er will, einem nicht ganz unbekannten Menschenkinde, welches zu Konnersreuth lebt, und hat dieselbe Gunst, aber in einem noch weit höheren Grade, einer einfachen Bauerstochter erwiesen, die zur Zeit Napoleons zu Dülmen in Westfalen lebte.

Das visionäre Kind

Der Bauer Bernhard Emmerich fand nach des Tages Arbeit seine liebste Erholung darin, daß er an dem Herde seines Hauses zu Flamske bei Dülmen sitzend seine kleine kluge Tochter Anna Katharina auf die Knie nahm und sich von ihr erzählen ließ. "Annthricken", pflegte er zu sagen, "nu bist du in mi Kämmerken, nu vertell mi wat!"

Da erzählte sie ihm ganz lebhaft die Bilder, die sie von den Begebenheiten des Alten Testamentes geschaut, so daß er in Tränen ausbrechend fragte: "Kind, wuher hest du dat?" --

"Vater, dat is ja so! Dat seh ick ja so!"

Dann wurde er still und fragte nicht weiter.

Anna Katharina erzählt:

"In meiner Kindheit war ich immer abwesend in Gott. Alle meine Geschäfte tat ich in innerer Abziehung und war immer in Gesichten. Ging ich mit meinen Eltern auf das Feld oder zur Arbeit, so war ich nie auf Erden. Alles hier war wie ein dumpfer, wirrer Traum; das andere aber war Klarheit und himmlische Wahrheit.

Ich dachte nicht anders als, dies sehe ein jeder Mensch so, wie die anderen Dinge um uns her, und so erzählte ich dann meinen Eltern, Geschwistern und Gespielen ganz unbefangen davon, bis ich merkte, daß man mich auslachte und fragte, ob ich ein Buch habe, worin das alles stehe. Da fing ich nach und nach an, von diesen Dingen zu schweigen, und dachte, es schicke sich wohl nicht, von solchen Sachen zu reden, ohne mir jedoch besondere Gedanken darüber zu machen.

Ich habe diese Gesichte gehabt sowohl bei Nacht als auch bei hellem Tag im Feld, im Haus, gehend, arbeitend, unter allerlei Geschäften. Als ich einmal in der Schule ganz anders, als es gelehrt wurde, von der Auferstehung sprach, und zwar mit Gewißheit und in der unbefangenen Meinung, das müsse jedermann auch so wissen wie ich, und gar nicht ahnend, daß dies eine persönliche Eigenschaft von mir sei, wurde ich von den Kindern mit Verwunderung ausgelacht und bei dem Magister verklagt, der mich ernstlich ermahnte, solche Vorstellungen mir nicht einzubilden. Ich sah aber diese Gesichte stillschweigend fort.

Ich habe nie aus dem Evangelium und dem Alten Testament etwas auswendig gelernt; denn ich habe alles selbst gesehen mein ganzes Leben hindurch, und zwar alle Jahre wieder ganz genau und pünktlich unter denselben Umständen, wenngleich manchmal andere Szenen. Manchmal bin ich an Ort und Stelle mit den Zuhörern selbst gewesen und habe der Handlung, wie eine Mitwandelnde den Ort verändernd, beigewohnt. Doch bin ich nicht jedesmal auf derselben Stelle gestanden; denn öfters war ich über die Szene emporgehoben und sah auf sie nieder. Anderes, besonders das Geheimnivolle dabei, sah ich innerlich in einem mir Bewußtwerden; Einzelnes in Bildern aus der Szene heraus.

Als Kind und ehe ich ins Kloster ging, hatte ich hauptsächlich viele Gesichte aus dem Alten Testament, nachher seltener und immer mehr aus dem Leben des Herrn.

Die Reise mit dem Engel

Der Engel ruft mich und führt mich dahin und dorthin. Gar oft bin ich mit ihm auf der Reise. Er bringt mich zu Menschen, die ich kenne, oder einmal gesehen habe; aber auch zu solchen, die mir sonst ganz unbekannt sind. Er bringt mich selbst über Meer; aber das ist schnell wie ein Gedanke, und ich sehe dann so weit, so weit! Er war es auch, der mich zur Königin von Frankreich in ihr Gefängnis geführt hat. Wenn er zu mir kommt, mich auf irgendeine Reise zu leiten, sehe ich meist zeurst einen Glanz, und dann tritt seine Gestalt plötzlich leuchtend aus der Nacht, wie etwa, wenn eine Blendleuchte auf einmal in der Nacht geöffnet wird. Wenn wir reisen, ist es Nacht über uns; an der Erde aber liegt Schimmer. Wir reisen von hier durch bekannte Gegenden nach immer ferneren aus, und ich habe die Empfindung ungemeiner Entfernung. Bald geht es auf geraden Straßen, bald quer über Felder, Berge, Flüsse und Meere. Nie sehe ich, daß er die Füße bewegt. Er ist schweigsam, ohne viel Bewegung, außer daß er seine kurzen Antworten mit der Hand oder mit dem Neigen des Kopfes begleitet. Er ist so durchsichtig und glänzend, oft ganz ernst, oft mit Liebe gemischt. Ich rede mit ihm ganz dreist, allein ich kann ihm nie recht in das Gesicht sehen, so gebeugt bin ich vor ihm. Er gibt mir alle Weisung. Ich scheue mich, ihn viel zu fragen; es hindert mich das selige Genügen, wenn ich bei ihm bin. Er ist in seinen Worten auch immer so kurz. Ich sehe ihn auch im wachenden Zustande. Bin ich in ein Gesicht geführt, in einer Anschauung begriffen oder mitten in einer mir übertragenen geistigen Arbeit, da werde ich oft plötzlich wie durch eine ferne, ehrwürdige und heilige Gewalt unwiderstehlich zurück in die finstere Welt gerufen. Ich höre das Wort 'Gehorsam'; das klingt dann wohl schmerzlich, aber der Gehorsam ist doch das Leben und die Wurzel, aus der der ganze Baum des Schauens gewachsen ist."

Johanna von Valois

"Ich war noch ein sehr kleines Mädchen und hütete die Kühe, was mir ein beschwerliches und drückendes Geschäft war. Als mir, wie öfter, der Wunsch kam, von Haus und Kühen wegzukommen und da, wo mich niemand kenne, einsam Gott zu dienen, kam ich ins Gesicht, als gehe ich nach Jerusalem. Da kam auf einmal eine Klosterfrau zu mir, die ich später als Johanna von Valois (Stifterin der französischen Annunziaten (1464 bis 1505) kennen lernte. Sie war sehr ernst und hatte ein wunderschönes Jüngsken bei sich von meiner Größe. Sie führte das Jüngsken nicht an der Hand; so wußte ich, daß es ihr Söhnchen nicht sei. Sie fragte mich, was mir fehle, und als ich ihr meine Sorge sagte, da tröstete sie mich und sprach: 'Sei ohne Sorge! Sieh diesen Knaben an! Willst du ihn zum Bräutigam?' Da sagte ich ja, und sie versicherte mir, ich solle ganz ruhig sein und solle harren, bis dieser käme; ich würde Klosterfrau werden.

Das schien mir ganz unmöglich; aber sie sagte, ich würde gewiß in ein Kloster gelangen, denn diesem meinem Bräutigam sei alles möglich. Daran hielt ich nun fest und sicher. Und als ich erwachte, trieb ich die Kühe ruhig nach Hause. Ich hatte dies Gesicht am hellen Mittag. Solche Gesichte beunruhigen mich nie; ich glaubte, alle Menschen hätten dergleichen Umgang und Weisungen. Über einen Unterschied zwischen Gesichten und dem wirklichen Verkehr mit Menschen habe ich nie nachgedacht."

Der Empfang der Dornenkrone

"Etwa vier Jahre, ehe ich ins Kloster ging, war ich einmal um die Mittagszeit in der Jesuitenkirche zu Koesfeld und kniete auf der Orgelbühne vor einem Kruzifix in lebhaftem Gebet. Ich war ganz in Betrachtung versunken, da wurde mir so sachte und so heiß, und ich sah von dem Altare der Kirche her, aus dem Tabernakel, wo das heilige Sakrament stand, meinen himmlischen Bräutigam in Gestalt eines leuchtenden Jünglings vor mich hintreten. Seine Linke hielt einen Blumenkranz, seine Rechte eine Dornenkrone. Er bot sie mir zur Wahl dar. Ich griff nach der Dornenkrone. Er setzte sie mir auf, und ich drückte sie mir mit beiden Händen auf den Kopf, worauf Er verschwand und ich mit einem heftigen Schmerz rings um das Haupt wieder zur Besinnung kam. Ich mußte gleich darauf die Kirche verlassen, der Meßdiener rasselte schon lange mit den Schlüsseln.

Am folgenden Tage war mir der Kopf über den Augen und an den Schläfen bis zu den Wangen nieder stark geschwollen, und ich hatte furchtbare Schmerzen.

Diese Schmerzen und die Geschwulst kehrten oft wieder und währten oft ganze Nächte und Tage. Das Bluten um meinen Kopf merkte ich nicht eher, als da mich meine Gefährtinnen mahnten, eine andere Kopfbinde anzulegen; die ich aufhabe, sei voller Rostflecken. Ich ließ sie bei ihren Gedanken und richtete meine Kopfbinde so ein, daß ich das Kopfbluten glücklich bis im Kloster verbarg, wo es nur eine Person entdeckt und redlich verschwiegen hat."

Die ekstatische Entrückung

"Als ich noch im Kloster war, taten mir immer die Hände so weh. Ich hielt sie vor die Sonne, und sie waren so mager, daß die Strahlen wie Pfeile durchschienen."

"In den letzten vier Jahren meines Klosterlebens war ich in schier ununterbrochenem Sehen. In meinen Verrichtungen als Küsterin wurde ich oft plötzlich hingerissen und kletterte und stieg und stand in der Kirche auf hohen Stellen, an Fenstern, Bildwerk und Vorsprüngen; und wo es menschlicher Weise unmöglich schien, da reinigte und zierte ich alles. Ich fühlte mich emporgehoben und gehalten und hatte kein Arg darüber; denn ich war von Kindheit an gewöhnt, die Hilfe meines Engels zu erfahren. Ich habe die heilige Magdalena von Pazzis (1566 bis 1607) auch so herumsteigen sehen und seltsam laufen auf Böden, Balken, Gerüsten und Altären."

"Oft fand ich mich auch, während ich in einer Arbeit begriffen war oder krank im Bett lag, zugleich bei meinen Mitschwestern geistig gegenwärtig und sah und hörte, was sie taten oder sprachen; oder ich fand mich in der Kirche vor dem heiligsten Sakrament, während ich doch meine Zelle nicht verlassen hatte. Wie dies aber geschehen ist, vermag ich nicht zu sagen. Als ich das erste Mal in meinem Leben solches an mir inne wurde, hielt ich es für einen Traum; es war in meinem fünfzehnten Jahre. In späterer Zeit meines Lebens begegnete mir Ähnliches sehr oft. Es ist mir auch geschehen, daß eine meiner Mitschwestern mich am Herde in der Küche oder im Garten wollte gesehen haben; ich wurde aber gleich darauf sterbenskrank in der Zelle liegend gefunden. Solche Ereignisse machten meinen Zustand den Mitschwestern gar unheimlich, daß sie nicht wußten, für was sie mich halten sollten."

"Oft sehe ich bei der heiligen Kommunion den Heiland als Bräutigam nahe vor meine Augen treten und bei dem Empfange des heiligen Sakramentes verschwinden; und ich fühle seine unaussprechlich süße Gegenwart."

"Wenn Er in den Kommunizierenden eingeht, so geht Er nach oben in die ganze Seele über, wie wenn Zucker sich auflöst. Je heftiger aber das Verlangen ist, umso inniger geht Er ein."

Die Stigmatisation

"Ich hatte solche Angst und Scheu, als ich aus dem Kloster (das 1811 säkularisiert wurde) mußte, daß ich glaubte, jeder Stein auf der Straße könnte mich verschlingen." "Ich sah mich in der Stube bei Roters allein (bei der Witwe Roter, in deren Hause in der Münsterstraße zu Dülmen sie seit der Aufhebung des Klosters wohnte). Es war drei Tage vor Neujahr (1813), etwa um drei Uhr nachmittags. Ich hatte eine Betrachtung der Leiden Christi, flehte Ihn an, mich doch sein Leiden auch empfinden zu lassen, und betete fünf Vaterunser zu Ehren der heiligen fünf Wunden. Ich war mit ausgebreiteten Armen im Bett liegend. Ich kam in eine große Süßigkeit und in einen unendlichen Durst nach den Schmerzen Jesu.

Da sah ich ein Leuchten auf mich niederkommen, es kam schräg von oben. Es war ein gekreuzigter Körper, ganz lebendig durchscheinend mit ausgebreiteten Armen, aber ohne Kreuz. Die Wunden leuchteten heller als der Körper; es waren fünf Glorienkreise, aus der ganzen Glorie hervortretend.

Ich war ganz entzückt, und mein Herz war mit großem Schmerz und doch mit Süßigkeit von Verlangen nach dem Mitleiden der Schmerzen meines Heilandes bewegt. Und indem mein Verlangen nach dem Leiden des Erlösers im Anblick seiner Wunden immer mehr stieg und wie aus meiner Brust, durch meine Hände, Seite und Füße nach seinen heiligen Wunden hinflehte, stürzten zuerst aus den Händen, dann aus der Seite, dann aus den Füßen des Bildes dreifache, leuchtende rote Strahlen, unten in einem Pfeil sich endend, nach meinen Händen, Seite und Füße. Ich lag lange so, ohne etwas um mich zu wissen; bis mir von einem Kinde der Hauswirtin die Hände niedergebeugt wurden. Das Kind ging durch die Stube und sagte zu den Leuten, ich hätte mir die Hände blutig geschlagen. Ich bat die Leute zu schweigen."

"Das Kreuz auf der Brust (ein doppeltes Gabelkreuz) hatte ich schon länger; um Augustinus (28. August 1812) hatte ich es empfangen. Ich kniete mit ausgebreiteten Armen, und mein Bräutigam hatte es mir eingedrückt.

Nach dem Empfang der Wunden ging in meinem Körper eine gewaltsame Veränderung vor. Ich fühlte, daß der Lauf meines Blutes sich ganz wendete und mit einem schmerzlichen Ziehen nach diesen Punkten strömte."

Die amtliche Untersuchungen.

Drei Monate später wurde die 38jährige Stigmatisierte einer dreimonatlichen Untersuchung seitens ihrer kirchlichen Behörde unterzogen, an deren Ende die drei untersuchenden Ärzte von Druffel, Krauthausen und Wesener keine natürliche Erklärung der zu bestimmten Zeiten blutenden Wundmale abzugeben vermochten. Sechs Jahre später erfolgte eine mit Überführung der Stigmatisierten in ein anderes Haus verbundene strengste Untersuchung seitens der weltlichen Behörde, die zweiundzwanzig Tage dauerte und zum Resultat hatte, daß selbst die hierbei anwesenden ärgsten Gegner der übernatürlichen Erklärung der Stigmatisation weder einen Betrug noch eine andere natürliche Erklärung namhaft machen konnten.

Das Phänomen der Nahrungslosigkeit

In Verbindung mit den Wundmalen trat bei Anna Katharina das Phänomen einer absoluten Nahrungslosigkeit auf, die nun elf Jahre lang bis zu ihrem Tode andauerte. Während dieser elf Jahre wurde sie von dem Arzt Dr. Franz Wilhelm Wesener fast ständig beobachtet. Er schrieb über seine Beobachtungen ein ausführliches Tagebuch vom 23. März 1813 bis zum 3. November 1819, lieferte einen Bericht über die staatliche Untersuchung und verfaßte schließlich eine "kurz gedrängte Geschichte der stigmatisierten Augustinernonne". Alle drei Schriften sind im Jahre 1925 zu Würzburg (Im St. Rita-Verlag) veröffentlicht worden. In diesem seinem Tagebuch bezeugt auch Dr. Wesener jene absolute Nahrungslosigkeit, sowie die Echtheit der Visionsgabe der Anna Katharina, und hierin bestätigten ihn auch die übrigen männlichen Personen, die Anna Katharina täglich oder wöchtentlich zu besuchen pflegten.

Die umsonst gegebene Gnadengabe

Von allen anderen Gnadengaben, die von allen öfteren Besuchern bezeugt wurden, sind zu nennen: die Gabe, den Herzens- und Gewissenszustand fremder Personen zu erkennen, sowie -- ebenfalls ohne natürliche Erkenntnisübermittlung -- geweihte Personen und Sachen von ungeweihten zu unterscheiden. Ferner zeigte und bewährte sich an Anna Katharina die Gabe der sogenannten mystischen Stellvertretung in außergewöhnlicher Weise. So erhielt sie des öftern die innere Anregung, sich für andere kranke oder für in Sünden lebende Personen Gott zum Leiden anzubieten. Ihr Gebet wurde erhört. Es traten an ihr vorübergehend unerklärliche Krankheitserscheinungen auf, die in einer merkwürdigen, gleichnisartigen Beziehung zu gewissen Personen standen, die plötzlich entweder eine Heilung ihrer Krankheit oder eine auffallende Bekehrungsgnade erhielten. Schon in ihrer frühesten Jugend äußerte sich hier und da diese Gabe, und ihre Wirkung bezog sich nicht nur auf lebende, sondern auch auf bereits verstorbene Personen, denen sie Linderung ihrer Leiden im Jenseits übermitteln durfte.

Der heiligmäßige Lebenswandel

Es gab wohl keinen Menschen, der Anna Katharina persönlich kennen gelernt hatte und der nicht erstaunt, tief ergriffen und überzeugt gewesen ist von dem heiligmäßigen Lebenswandel Anna Katharinas. Ganz abgesehen von ihrer Gottesliebe, die sich nicht nur in Worten, sondern auch in eingegossenen Kontemplationen und Ekstasen äußerte, wuchs ihre Nächstenliebe in dem Maße, als die auch von gewissen Gegnern des Übernatürlichen verfolgt und verleumdet wurde; und ebenso wuchs ihre Demut in dem Maße, als sie durch ihre Stigmatisation in weiten Kreisen bekannt und von gewissen Freunden verehrt wurde. Kein Wunder daher, daß sie auch des öfteren Gott bat, ihr die besondere Gnadengabe der Visionen zu nehmen.

Der Zweck der Visionen

"Ich habe gestern (31. Dezember 1821) heftig gebetet, Gott möge mir doch die Gesichte nehmen, auf daß ich die Verantwortung des Wiedererzählens verlöre. Aber ich erhielt keine Erhörung, und wie gewöhnlich vernahm ich, daß ich alles, was ich zustandebringen könne, erzählen müsse, und wenn ich auch ausgelacht würde. Den Nutzen könne ich nicht verstehen. Ich erfuhr auch wieder, es habe noch niemals eine Person auf die Weise und in dem Maße alles gesehen wie ich; und es seien nicht meine Sachen; es seien Sachen der Kirche. Daß so Vieles verloren gehe, ziehe eine große Verantwortung nach sich und großen Schaden, und viele Personen, die daran schuld seien, daß ich keine Ruhe habe, und die Geistlichkeit, die keine Leute habe und keinen Glauben, dieses aufzuschreiben, würde schwere Rechenschaft abzulegen haben. Ich sah auch, wie sehr der Teufel Hindernisse heranbrachte."

Als Anna Katharina wieder einmal, durch die Größe ihrer Leiden entmutigt, den Herrn bat, die Gesichte ihr zu nehmen, indem sie so Vieles sehen müsse, was sie doch nicht verstehe, erhielt sie zur Antwort:

"Ich gebe dir diese Gesichte nicht für dich, sondern sie sind dir geschenkt, damit du sie aufschreiben lassest; du mußt sie mitteilen. Es ist jetzt nicht die Zeit, Wunder zu wirken äußerlich. Ich gebe dir diese Gesichte und habe es jeder Zeit so getan, um zu zeigen, daß Ich bei meiner Kirche bin bis zum Ende der Tage. Die Gesichte allein aber machen niemanden selig; du hast Liebe und Geduld und alle Tugenden zu üben!"

"Es ist mir schon früh befohlen worden, alles zu erzählen, und wenn ich auch von der Welt für närrisch gehalten würde; aber es hatte nie jemand es anhören wollen, und die heiligsten Dinge, die ich sah und erfuhr, wurden so verkehrt und höhnisch aufgenommen, daß ich aus Scheu, sie zu verletzen, alles unter Schmerzen in mir verschloß.

Später sah ich oft ein Bild in der Ferne von einem fremden Manne, der zu mir kam und viel bei mir schrieb, den ich im Pilger (Clemens Brentano) wieder gefunden und erkannt habe.

Die vielen wunderbaren Mitteilungen aus dem alten und neuen Testament und die unzählbaren Bilder aus dem Leben der Heiligen waren mir alle durch die Barmherzigkeit Gottes gegeben, nicht allein zu meiner Belehrung, denn vieles konnte ich nicht fassen, sondern zur Mitteilung, um vieles Verschlossene und Versunkene wieder zu erwecken.

Es ist mir dieses stets wieder befohlen worden. Ich habe es auch so gut erzählt, wie ich konnte; aber man gab sich nicht einmal die Mühe, es anzuhören, und so mußte ich es innerlich verschließen und vieles vergessen. Aber ich hoffe, Gott wird das Nötige wieder geben."

Die Ankunft des Clemens Brentano.

Diese ihre Hoffnung sollte sich in ihrem vierundvierzigsten Lebensjahre erfüllen, als der damals vierzigjährige, bekannte Dichter Clemens Brentano, in Berlin schon vor fünf Jahren von dem jungen Grafen Stolberg und jetzt auch von seinem eigenen Bruder Christian, der soeben in Dülmen gewesen, auf Anna Katharina aufmerksam gemacht, zum ersten Mal nach Dülmen kam.

"Donnerstag, den 24. September 1818", berichet sein Tagebuch, "kam ich um zehn Uhr in Dülmen an. Wesener kündigte mich der Emmerich an, damit sie nicht zu sehr erschrecken möge. Sie nahm mich freundlich an. Durch eine Scheune und alte Kellerräume kamen wir an die steinerne Wendeltreppe, die zu ihr führt. Wir klopften an. Die Schwester öffnete, und durch die kleine Küche traten wir in die Eckstube, wo sie liegt.

Sie grüßte mich und sprach freundlich: 'Man kann doch den Bruder in ihm nicht verkennen.' Mit innerer Freude bewegte mich ihr reines, unschuldiges Antlitz und die unschuldig frohe Raschheit ihrer Rede. Ich fand in ihrem ganzen Angesicht und ganzen Wesen keine Spur von Spannung und Exaltation. Ihre Worte sind keine breite Moral, keine schwere Predigt der Entsagung, ebensowenig eine widrige Süßigkeit. Alles, was sie sagt, ist kurz, einfach, schlicht; aber voll Tiefe, voll Liebe, voll Leben. Ich war gleich zu Haus; ich verstand und empfand alles um mich her."

Schon nach Verlauf weniger Wochen gesteht ihm Anna Katharina: "Ich muß mich oft selbst darüber wundern, daß ich mit Ihnen so vertraut reden und vieles mitteilen kann, worüber ich mich vor andern sonst nicht zu äußern pflege. Sie waren mir vom ersten Augenblicke an nicht fremd; ich kannte Sie, ehe Sie zu mir kamen. Oft ist mir in Vorgesichten meines Lebens ein Mann mit dunkler Gesichtsfarbe als bei mir schreibend gezeigt worden; darum mußte ich, als Sie zum ersten Male in meine Stube traten, denken: ach, da ist er ja."

"Ich werde mich bemühen", schrieb Brentano damals in sein Tagebuch, "was ich von der Kranken erfahre, mir aufzumerken; ich mache mir Hoffnung, ihr Biograph zu werden."

Die ernsthafte Bekehrung

Aber ungeachtet aller seiner Beobachtungen, Unterhaltungen und Erfahrungen und einstweiligen Aufzeichnungen sollte es hierzu nicht kommen, sondern zuerst machte er selbst infolge alles dessen, was er hier an Katharinas Gnadengaben sah und erfuhr und aus ihren religiösen Gesprächen in sich aufnahm, seine eigene ernsthafte Bekehrung durch.

"Die wunderbaren Ereignisse, die ich um mich erlebe, die kindliche Unschuld, der Friede, die Geduld und die tiefe Weisheit in geistlichen Dingen des armen, ungelehrten Bauernkindes, neben dem mir wie eine neue Welt aufgeht, lassen mich den elenden, sündhaften, wirren Stand meines Lebens und den verkehrten Wandel der meisten Menschen so lebhaft fühlen und zeigen mir den Wert aller früh verlorenen Güter der Einfalt, des Glaubens und der Unschuld in so reichem Glanze, daß ich diesen Schätzen herzliche Tränen der Reue nachweine.

Ich fühle dabei aufs neue, wie ihr die Kirche etwas mehr ist, woran ich mit meiner Blindheit noch gar nicht reiche, und ließ nun alles, was ich hier erleben und hier zum ersten Mal in meinem Leben erfahren habe, an meiner Seele vorübergehen. Ich verglich damit mein bisheriges Leben und meinen verkehrten Wandel, und es erwachte in mir eine neue ernstliche Begierde nach Besserung."

"Die Güte und die kindliche Vertraulichkeit dieses ausgezeichneten Wesens zu mir ist mir ungemein aufrichtend und wohltätig; denn sie ist so durch und durch, so wahrhaft christlich! Niemand hat je die Armut und schwere Verschuldung meiner Seele in solchem Maße gekannt, als sie; ja ich selber nicht; denn sie hat reineres, schärferes Maß und Gewicht als ich, aber sie gibt mir Trost und Hilfe.

Jetzt erkenne ich, was die Kirche ist, daß sie unendlich mehr ist als nur eine Vereinigung von gleichgesinnten Menschen. Ja, sie ist der Leib Jesu Christi, der als ihr Haupt wesentlich mit ihr verbunden ist und ununterbrochen mit ihr verkehrt! Jetzt erkenne ich, welch unermeßlicher Schatz von Gnaden und Gütern die Kirche von Gott besitzt, der nur von ihr und in ihr empfangen werden kann!"

Gegen Ende desselben Jahres verzeichnet Dr. Wesener in seinem ärztlichen Tagebuch: "Herr Clemens Brentano fährt fort, das innere Leben der Kranken zu erforschen. Die Resultate seiner Untersuchungen zeichnet er fleißig auf, und er wird mir das Wesentlichste mitteilen."

Der ständige Aufenthalt in Dülmen

Im Januar des folgenden Jahres (1819) reiste Brentano nach Berlin zurück, um seine Sachen zu ordnen, in der Absicht, bald wieder zu kommen, um sich ständig in Dülmen niederzulassen. Aber unterdes bildete sich in Dülmen unter einigen der Stigmatisierten nahestehenden Personen eine kleine Opposition gegen Brentanos dauernde Gegenwart, wobei Neid und Herrschsucht mitgespielt haben mögen, wie dies oft um einen Mystiker herum der Fall ist.

Doch als der Generalvikar Clemens August von Droste-Vischering im Frühjahr wieder nach Dülmen kam, eröffente ihm Anna Katharina die von Gott so oft empfangene Weisung, dem Clemens Brentano ihre Visionen mitzuteilen, zugleich mit der Bitte, daß der Generalvikar, als ihre kirchliche Obrigkeit, hierüber entscheiden wolle. Dieser äußerte, "man könne Brentano nicht wehren, mit ihr zu sein."

Kurz nach der Ankunft Brentanos sandte Katharina ihren Beichtvater Limberg, der bisher den Visionsberichten gleichgültig und der dauernden Anwesenheit Brentanos ablehnend gegenüber gestanden war, nach Münster zu ihrem Gewissensführer, dem berühmten Pädagogen und jetzigen Seminarregens Bernhard Overberg, dem sie seit Jahren tiefste Einblicke in ihr mystisches Seelenleben gewährt hatte. Limberg sollte sich offenbar zu ihrer und auch zu seiner Gewissensruhe letzte menschliche Sicherheit erlangen; denn er sollte, wie sie ihm auftrug, Overberg über seine Meinung betreffs der Aufzeichnungen der Visionen durch Brentano befragen. Overberg gab die Erklärung ab, das Verweilen Brentanos bei der Begnadigten und die Aufzeichnung ihrer Gesichte sei in den Absichten Gottes gelegen. Und dieselbe Erklärung erneuerte er, als er im Juni desselben Jahres nach Dülmen kam.

Die Vision vom Garten

"Darauf hatte ich", so berichtete Katharina in jenen Tagen, "die Vision von einem Garten, und mein Führer sagte zu mir: 'Sieh, so steht es: lauter vornehme, unfruchtbare, schöne Blumen der Rede, Überfluß ohne Ernte, Fülle ohne Inhalt!' -- 'Ach', sagte ich, 'soll denn alle die viele Arbeit verloren gehen?' -- 'Nein', antwortete er, 'nichts geht verloren. Das alles wird umgeworfen und hinuntergegraben, das wird Dünger.' Darüber hatte ich Freude und Mitleid.

Als ich wiederkam, fand ich den Garten ganz umgearbeitet. Der Pilger (so pflegte sie den Brentano zu nennen) pflanzte ordentlich in Beete ein Pflänzchen neben das andere; und das freute mich.

Ich sah den Pilger den Garten verlassen und viele Leute, die ich kannte, ohne ihre Namen zu wissen, hereinkommen. Diese fielen entsetzlich über mich her und beschimpften und schmähten mich über die Maßen. Sie ließen kein gutes Haar an mir, daß ich mich mit dem Pilger abgebe. Ich ließ alles ruhig über mich ergehen und schwieg still. Ebenso schmähten sie auch über den Pilger.

Da hörte ich, daß ein Geistlicher kam, ein tüchtiger, lebendiger Mann. Der wunderte sich, daß ich all den Schimpf so ohne Verteidigung trug. Er ward aufmerksam und sagte: 'Diese Person erträgt alles so ruhig; sie ist doch verständig und rechtschaffen. Was der Pilger tut, muß doch wohl ganz anders sein, als wir meinen.' Und wie nun der mir unbekannte Geistliche immer für den Pilger so sprach, begannen sich die Schreier zu verlieren. Ich sah aber den Fleiß des Pilgers, und wie die Pflanzen größer und besser wurden.

Nun sprach mein Führer: 'Nimm diese himmlische Warnung an. Dieser Hohn und Spott wird über dich kommen. Bereite dich darauf vor. Du wirst mit dem Pilger eine Zeitlang ruhig zusammenleben können; und dann dürft ihr die Zeit nicht versäumen und auch die vielen Gnaden nicht verloren gehen lassen; denn darauf wird dein Ende bald erfolgen. Was der Pilger aber sammelt, wird er weit hinwegbringen; denn hier ist keine Empfänglichkeit dafür. -- Dort aber wird es wirken und von dort aus wird die Wirkung auch hierher gelangen'."

Die Schwierigkeit der Aufzeichnungen

"Sie sprach gewöhnlich niederdeutsch", so berichtet Brentano in einer seiner Einleitungen zu den Visionsberichten, "im ekstatischen Zustand oft auch eine reinere Mundart; ihre Mitteilung wechselte zwischen Kindlichkeit und Begeisterung. Alles Gehörte, das unter behinderten Verhältnissen in ihrer Gegenwart sehr selten kaum in wenigen Zügen notiert werden konnte, ward unmittelbar zu Haus aufgeschrieben. Der Geber alles Guten gab Gedächtnis, Fleiß und jene Gemütserhebung über viele Leiden, welche die Arbeit möglich machten, wie sie ist. Der Schreiber tat, was er konnte."

Diese behinderten Verhältnisse und vielen Leiden bestanden offenbar in den Schwierigkeiten, über die sich Brentano so oft in seinen Tagebüchern zu beklagen pflegte. Es waren die vielen Störungen durch Besucher, die ihm unliebsame Unterbrechungen seiner Aufzeichnungen am Bette Katharinas aufzwangen. Ihre gewissenhafte Nächstenliebe räumte allen Besuchern Zeit ein, ließ sie geduldig die vielen unnützen Reden ertragen, so daß, wie Brentano sich ausdrückt, vieles von ihr Geschaute der Aufzeichnung verloren ging. So sehr dieses Verhalten der Begnadigten auch für die Echtheit ihrer Visionsgnade Zeugnis ablegt, so bedeutete es allerdings für den Bericht des Visionsstoffes einen beklagensweten Abbruch. Hinzu kamen auch die vielen Sühneleiden und -gebete Katharinas für die ihr von Gott anvertrauten Seelen Lebender und Verstorbener, die manche Lücke in die Abfolge ihrer Mitteilungen an Brentano rissen. Doch übersieht man das ganze uns trotzdem Überlieferte, so ist der Inhalt und die relative Geschlossenheit des aus dem Leben Jesu Mitgeteilten im Vergleich zu dem uns von anderen echten Mystikern Mitgeteilten erstaunlich reichhaltig und durchaus einzigartig.

Die Gottgewolltheit der Aufzeichnungen

"Clemens Brentano pflegte", so schreibt die bekannte Dichterin Luise Hensel in ihren Erinnerungen an Katharina Emmerich, "morgens etwa 9- 10 Uhr zu ihr zu kommen und auf einem Blatt zu notieren, was sie ihm zu erzählen hatte. Ich war mitunter dabei, mit Näherei beschäftigt. Dann schrieb er zu Haus während des Tages ausführlicher auf, was sie erzählt, und kam gegen Abend wieder, es ihr vorzulesen, wo sie dann manches berichtigte.

Bei dieser Gelegenheit muß ich bezeugen, daß mir die geliebte Selige einmal gesagt hat: sie habe von Gott den Befehl erhalten, dem Clemens Mitteilungen über ihre Gesichte zu machen und sie durch ihn aufschreiben zu lassen."

Anna Katharina hat am 30. Dezember 1819, als sie in einer Vision begriffen war, über die Arbeit Brentanos eine merkwürdige Äußerung getan. Sie lag ekstatisch in ihrer dunklen Kammer ganz erstarrt, da hielt Brentano ein Blatt seiner Aufzeichnungen ihr gegenüber, worauf sie plötzlich sagte: "Das sind Papiere mit leuchtender Schrift; die hat der Mann geschrieben, den ich gestern nacht sitzen und schreiben sah. Dieser Mann schreibt dies nicht so aus sich; er hat die Gnade Gottes dazu. Es kann es kein Mensch als er; es ist, als sähe er es selbst."

Der Wandel Jesu in der Welt

Am 11. März 1820 erklärte sie: "Meine Zeit ist aus; ich lebe nur, weil ich noch etwas zu tun habe, wozu mir wenig Zeit gelassen wird." Und am 29. Juli desselben Jahres begann sie, dem Brentano täglich ihre augenblicklichen oder wenige Stunden vorher geschauten Begebenheiten aus dem Wandel Jesu in der Welt mitzuteilen, wovon Brentano äußert:

"Sie schaute und erzählte die Jahre des Lehrwandels Jesu bis zur Himmelfahrt Tag für Tag mit genauer Beschreibung und Benennung der Orte, Personen, Feste, Sitten, Lehren und Wunder oft mit einer Bestimmtheit, die jede Erwartung übertraf. Das Alte und Neue Testmament war nie von ihr gelesen worden, daher, wenn sie ermüdet ungern erzählte, sagte sie wohl: 'Lesen Sie es doch in der Bibel', und wunderte sich sehr, zu hören, daß dieses nicht darin stehe; man höre ja jetzt immer sagen, man solle nur die Bibel lesen, darin stehe ja alles'."

Das Urteil des Arztes

"Verwundern muß man sich", schreibt der sie jahrelang beobachtende Arzt Dr. Wesener, "wenn man vernimmt, wie lebendig sie den Herrn lehren und wirken sieht; aber Staunen ergreift einen, wenn man sie die Personen, die der Herr seines Umgangs würdigte, mit Namen nennen, ihre Geschlechter, Gewerbe und Wohnorte angeben, die Örter, Häuser und Gegenden nennen und beschreiben hört, wo der Herr von einem zum anderen Tage sich befand, und Züge aus seinem Leben erzählt, wovon man nirgendwo eine Spur findet. Doch ich will nicht vorgreifen, meine Leser werden dieses Beste aus besserer Hand empfangen, und zwar aus den Händen eines Mannes, der an Geist, an Geschichtskunde und an Kombinationsgabe in dem Felde des psychischen Lebens mir so weit überlegen ist, daß ich ihm vor fünf Jahren, als wie lange er beständig um die Verstorbene war, meinen Platz als Beobachter des inneren Lebens der Person gerne eingeräumt habe."

Die Kritik des mystischen Schriftstellers

Nach dem heiligmäßigen Tode der Begnadigten, der am neunten Februar 1824, kurz nach acht Uhr abends, bei ihrer vollen Vernunft erfolgte, beschäftigte sich Clemens Brentano, der einen Monat darauf Dülmen für immer verlassen hatte, mit der Sichtung seiner Tagebücher und der Herausgabe der Visionen über "das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi".

In jener Zeit besuchte ihn Ludwig Volk, der später unter dem Namen Ludwig Clarus bekanntgewordene Herausgeber der Biograpahien und Schriften einer Hildegard von Bingen, Brigitta von Schweden, Theresia von Jesu und Maria von Agreda, und schreibt über seine Eindrücke dieses Besuches:

"Brentano war von stämmiger, untersetzter Figur mit sonnverbranntem Gesicht, beweglichen Zügen, großen, schönen, dunklen Augen, voll Seele, Geist und Kraft, unter buschigen Brauen, markig und muskulös in der ganzen, nicht mageren Gestalt.

Er hatte zwei ziemlich große Zimmer inne, die durch eine Tür miteinander in Verbindung standen. In beiden waren die Wände fast ganz von Büchergestellen besetzt.

Er wies auf eine im Büchergestell über uns aufgestellte Reihe von 83 oder 85 dünnen Folianten, die seine Aufzeichnungen aus dem Munde der Emmerich enthielten.

Archäologen staunten oft über die Genauigkeit und Richtigkeit, womit die Emmerich die häuslichen Einrichtungen, Gefäße und Gebräuche der alten Hebräer beschrieb. Philologen und Orientalisten sahen Brentano verwundert an, wenn er ganz unbekannte Wortbildungen, namentlich Patronymien (vom Stammvater hergeleitete Eigennamen), hören ließ, die ihm die Emmerich mitgeteilt. An denselben war ihnen die korrekte, dem Geiste der hebräischen Sprache genau entsprechende regelrechte Bildung höchst auffällig. Viele dieser Gelehrten bezeugen, wie sie Brentano, welcher der orientalischen Sprachen ganz unkundig war, Berichtigungen und Belehrungen zu verdanken hätten.

Bei seinem Aufenthalt in Paris, 1827, traf er auf einer Soirée mit dem ersten Rabbiner der französischen Judenschaft, einem immens gelehrten Talmudisten und geistreichen Manne, zusammen. Brentano legte ihm nach Anleitung der ihm von der Emmerich gemachten Mitteilungen verschiedene Fragen vor. Der Jude stutzte: 'Herr, wer sind Sie, und wie kommen Sie zu diesem Wissen?'" Soweit Ludwig Clarus.

Im Vorwort zu seiner Schrift: "Die Reiche der hll. drei Könige" schreibt Kanonikus Anton Urbas: "Da Katharina Emmerich die auf den Reisen des Heilandes betretenen Orte mit ausgesprochener Bestimmtheit beschreibt und benennt, nahm ich zu der Geographie und den Reisebeschreibungen Palästinas meine Zuflucht, um die Richtigkeit der Angaben zu kontrollieren, und je mehr Vergleiche ich machte, desto mehr wurde ich zu der Überzeugung gedrängt, daß Katharina Emmerich über das Heilige Land und über die Gebräuche der Juden mehr Kenntnis hatte, als alle Geographen und Archäologen der ganzen Welt."

Die Kritik des Orientalisten

Hier von den zahlreichen ähnlichen Urteilen maßgebender Persönlichkeiten aus den Kreisen hoher Geistlichkeit und weltlicher Wissenschaft absehend, sei zum Schluß noch das kritische Urteil des berühmten Philologen, Exegeten und Orientalisten Friederich Windischmann wiedergegeben:

"Was liegten für positive Kriterien der Echtheit der Gesichte vor? Erwägen wir, was die Visionsberichte über das öffentliche Leben Jesu bieten:

Vor allem ist zu bemerken, daß die Visionen der meisten von Gott Begnadigten und namentlich auch der von der Kirche als erleuchtet Anerkannten sich zunächst mehr um die Mysterien des Glaubens bewegen, und daß bei ihnen das historisch Wirkliche in der Regel nur den Hintergrund der Visionen bildet. Es ist daher eine gewöhnliche Erscheinung, daß bei diesen Vsionen das göttlich Gegebene in menschlichen Formen aufgefaßt wird, die der mystischen und kontemplativen Bildung der Begnadigten, dem Geiste der Schriften, aus denen sie diese Bildung schöpften, oder der Leitung, die sie genossen hatten, analog sind.

Die Folge davon ist, daß, wenn Offenbarungen betrügerisch gemacht oder durch menschliche Phantasie vorgespiegelt werden, dieser gewöhnliche Weg eingeschlagen, die Glaubensgeheimnisse in mystischer Form dargestellt, das Faktische und Historische aber möglichst vermieden wird, weil die richtige Kunde davon nicht vorhanden ist.

Die göttliche Vorsehung hat aber in Anna Katharina ein Werkzeug auserwählt, welches, mit den dürftigen Kenntnissen ländlicher Bildung ausgerüstet, nur mit gewöhnlichen Andachtsbüchern bekannt, in der Bibel unbekannt, einer eingentlichen geistlichen Leitung entbehrend, nicht imstande war, dem göttlichen Inhalt ein menschlich wohlgeformtes Gefäß darzubieten, wie es Theresia von Jesu, Maria von Agreda und andere konnten; und eben deshalb war sie noch weit weniger fähig, einen jenen erhabenen Beispielen nachgemodelten Betrug zu spielen.

Es sollte vielmehr zum deutlichsten Beweis der Echtheit ihrer Gabe bei ihr die Vision des Subjektiven und mystisch Beschaulichen im gewöhnlichen Sine des Wortes fast ganz entkleidet und auf das Objektive des wirklichen Lebens Christi hingewendet werden. Aber gerade dadurch war ihr ein Gebiet angewiesen, wo der bloßen menschlichen Phantasie und den Träumereien falscher Kontemplation gar kein Spielraum bleibt, oder wo, wenn sich diese entwickeln wollten, Irrtum und Willkür auf jeden Schritt zu Tage treten mußten. Mit einem Worte: die unnachahmliche Objektivität des Schauens ohne (wahre oder falsche) mystische Reflexion der Schauenden ist ein schlagendes Merkmal der Echtheit.

Darum diese manchmal fast ermüdenden Beschreibungen der Personen, ihres Aussehens, ihrer Kleidung, ihrer Wohnungen, ihrer Lebensgewohnheiten. Daher diese Schilderungen der Städte und Dörfer, der Wege und Reisen, der Gegenden, Berge, Flüsse und Seen. Daher dieses ganze archäologische Detail: es hat den providentiellen Zweck, einmal die Unmöglichkeit der Erfindung von seiten der Seherin und ihres Schreibers unwiderleglich darzulegen; denn wie wäre der ausgezeichnetste Gelehrte imstande, ein Bild von solcher Lebendigkeit zu entwerfen? Sodann aber der hier in historischer Treue auftretenden und handelnden Person Christi einen ebenso wahren historischen Hintergrund zu geben?

Wir sagten soeben, daß keine mystischen Reflexionen und subjektiven Betrachtungen der Seherin das Objektive trüben. Dies schließt aber nicht aus, daß manchmal hinter den Ereignisssen und Personen ein wunderbares Licht aus der höheren Welt hervorbricht, und daß uns die Schauende, wie ein unbefangenes Kind, Blicke in die tiefsten Geheimnisse der Heiligen Schrift und der kirchlichen Lehre tun läßt.

Neben diesem unschätzbaren Kriterium der Objektivtät steht das der inneren Konsequenz und des notwendigen Zusammenhangs. Die Mitteilungen sind fragmentarisch und oft nur wie Gliedmaßen einer herrlichen Statue, die zerstückt aufgefunden werden. Und doch paßt das später Erzählte zum Früheren und ergänzt dieses zum vollen Bild, und der Leser hat das Gefühl: ja, so mußte es sein oder kommen. Man verfolge nur die Charaktere der Hauptpersonen, wie sie durch die Erzählung hindurchgehen, und man wird gestehen müssen, daß immer dasselbe Bild mit unnachahmlicher Kürze und Schärfe festgehalten ist.

Wenn wir vorhin die Objektivität der Außenwelt bewundern mußten, so ist die konsequente Objektivität des Blickes in die Seele und das Wesen der Personen noch weit erstaunenswerter. Die Unmöglichkeit der Erfindung solcher psychologischen Prozesse, wie z.B. die Bekehrung Magdalenas, wird jeder eingestehen, der die Einfachheit der Darstellung derselben mit der Maschinerie historischer Romane vergleicht. Überhaupt aber ist die jede kombinierende Erfindung ausschließende Originalität dieser Visionen eine ihre Echtheit beurkundende Eigentümlichkeit.

Anna Katharina Emmerich war zu einer mehr historischen Beschauung berufen; sie sollte den Herrn in seinem wirklichen Wandel auf Erden betrachten; sie sollte so mit Ihm umgehen, wie fromme Zeitgenossen, die Ihn sahen und hörten, mit Ihm umgingen: von dem Menschlichen im Herrrn unwiderstehlich angezogen, durch diese Hülle hindurch die göttliche Person im Glauben ahnend, in Momenten besonderer Erhebung aber zur vollen Erkenntnis des Göttlichen fortgerissen. Es ist unverkennbar, daß es eine der schwersten Aufgaben wäre, diese unvergleichliche Art der Anschauung der Person Christi mit freier, bloß menschlicher Tätigkeit duch eine so lange Erzählung hindurch unverrückt festzuzhalten. In den vorliegenden Aufschreibungen ist dies aber geschehen.

Es ist wahrhaft staunenswert, wie der Herr überall gerade so erscheint, wie Ihn Augenzeugen auffassen mußten: in heiligster menschlicher Natur, durch welche die göttliche Person hindurchschimmert. Man schlage jeden aufgezeichneten Tag des Wandels Jesu auf: das Bild Christi ist in den verschiedenartigsten Situationen und Handlungen immer von derselben Einfachheit und Erhabenheit. Und dabei der genaue Unterschied zwischen dem, was Anna Katharina objektiv vom Herrn und seinem Leben schaut, als eine Zeitgenossin übernatürlicher Art, und dem, was sie als spätlebende Gläubige beim Anschauen als eigene Reflexion ausspricht -- es liegen zwischen beiden achtzehnhundert Jahre und die ganze Kluft, die Natur und Übernatur trennt.

Hiermit ist aber auch die großartige Bedeutung der Visionsberichte Anna Katharinas für unsere Zeit gegeben:

Was in manchen Betrachtungs- und Erbauungsbüchern über den Herrn gesagt wird, ist, bei der besten Absicht der Verfasser, geeignet, die menschliche Natur des Herrn ganz vergessen zu lassen. Im Gegensatz hierzu gibt es wieder Schriften des Lebens Jesu, von christlichen Verfassern, in denen das Menschliche in Christo so platt und in solcher Trennung von der Gottheit aufgefaßt ist, daß man ihnen den Vorwurf des Nestorianismus zu machen berechtigt wäre. Erwägt man dazu, wie die historische Wirklichkeit des Lebens Christi selber auf die schmachvollste Weise vom Unglauben verdächtigt, geleugnet oder entstellt worden ist, so wird man eingestehen müssen, die Veröffentlichung des Wandels Jesu in der Welt nach den Visionen der Katharina Emmerich sei, wenn wir einer faden Phrase tieferen Sinn verleihen wollen, wahrhaft zeitgemäß. Doch bleibt noch zu erwähnen, daß uns das Bild Christi in seiner Ursprünglichkeit bereits durch den Griffel des Hl. Geistes in den Evangelien gezeichnet ist. Und daher fragt es sich: Steht der Bericht der Katharina Emmerich nirgends in Widerspruch mit den Evangelien?

Wir antworten hierauf unbedenklich: Gerade der Umstand, daß die Auffassung der Person Christi, trotz der großen Erweiterung des Stoffes der Erzählung, mit merkwürdiger Konsequenz überall dem Bild der Evangelien entspricht, ist ein für die Visionen sehr günstiger.

Sie enthalten vieles, was die Evangelien nicht erzählen, manches in anderer Ordnung, erweitert oder näher erklärt; aber überall ist es derselbe Geist.

Weil endlich dieses Buch ein Leben Christi ist im wahren Sinne des Wortes, und weil der Herr die Erfüllung des geheimnisvollen Inhaltes des Alten Bundes ist, darum durfte auch erwartet werden, daß es fruchtbare Beziehungen auf letzteren enthalte.

Diese Erwartungen wird der Leser auf überraschende Weise gerechtfertigt finden. Nirgends in neueren theologischen Erscheinungen ist die Wechselbeziehung zwischen dem Alten und dem Neuen Testament in einer so lebendigen und tiefsinnigen Weise aufgefaßt; und auch hier bewährt sich das oben Gesagte: nicht auf dem Wege der Reflexion werden die Geheimnisse und Vorbilder des Alten Testamentes mit Absichtlichkeit herbeigezogen -- nein, die Schauende wandelt mit Jesus, und während sie die Stätten alttestamentlicher Fakta betritt oder Personen erblickt, die durch die Abstammung mit denselben in Beziehung stehen, wird ihr der innerliche Zusammenhang des Typus mit der Erfüllung unmittelbar anschaulich."

Ein nicht geringes Lob spendet der berühmte Liturgiker und gelehrte Benediktiner-Abt von Solesmes, Dom Prosper Guéranger, wenn er schreibt: "Was bei Anna Katharina überrascht und zur Zustimmung hinreißt, ist der unerschöpfliche Reichtum, der jeden menschlichen Anstrich von diesem Werke des Lebens Jesu tilgt. Diesem unerschöpflichen Wunderwerke gegenüber kann man sich nicht enthalten zu sagen: 'Digitus Dei est hic -- Das ist der Finger Gottes!'"

Die Christologie des Aquinaten

Wie schon im Vorwort erwähnt, werden gelegentlich des Vorkommens christlicher Mysterien die hierbei berechtigten Fragen kurz und klar durch die Lehre des hl. Thomas von Aquin beantwortet, z. B. warum und wie Gott Mensch geworden ist, warum vom Hl. Geist empfangen und warum aus einer Jungfrau geboren; oder warum Jesus sich taufen ließ und warum Er in Seinem öffentlichen Lehrwandel in Gleichnissen sprach, Seine Lehren nicht auch schriftlich hinterließ oder warum Er nicht von einer festen öffentlichen Lehrstelle aus sprach, sondern von Ort zu Ort wandelnd.

Alle solche, mehr dem Gebiete des Spektulativen angehörenden Fragen hat niemand so tief und klar dargestellt wie der hl. Thomas von Aquin, und zwar in seinen großen Kommentaren zu den Evangelisten Matthäus und Johannes, ferner im dritten Buche seines Sentenzenkommentares, im vierten Buche seiner Summa contra Gentiles, in seinem Kompendium der Theologie, in seiner kleineren Schrift über die Menschheit Christi und schließlich im dritten Teil seiner theologischen Summa.

Die Absätze, in denen im vorliegenden Werke die Lehre des hl. Thomas berücksichtigt wird, sind durch ihre in Frageform abgefaßten Überschriften deutlich gekennzeichnet.

 

I. Einleitender Teil:

Der Eingang Jesu in die Welt

I. Die Herkunft Christi

1. Die Herkunft der göttlichen Natur Christi

Warum ist Gott Mensch geworden?

Durch die freiwillige Übertretung der von Gott gesetzten moralischen Ordnung hat der Mensch den unendlich erhabenen Schöpfer beleidigt und daher eine Schuld von unendlichem Charakter auf sich geladen. Eine derartige Schuld kann aber nur durch eine Sühne getilgt werden, die eine unendliche Kraft besitzt. Nur eine unendlich erhabene Person kann eine solche Sühne leisten. Somit entspricht es dem Wesen, der Gerechtigkeit und der Güte Gottes, daß Er Selbst eine menschliche Natur mit Sich zur Einheit der göttlichen Person vereinigte, um mit dieser angenommenen menschlichen Natur als einem leidensfähigen Werkzeug jene Sühne zu leisten, welche die unendliche Schuld zu tilgen imstande ist (J. 3,16).

Warum ist gerade das Wort Gottes Fleisch geworden?

Da durch Gottes Wort die ganze Welt und somit auch der Mensch geschaffen wurde, geziemte es sich, daß der gefallene Mensch durch dasselbe Wort Gottes wiederhergestellt ward. Da ferner Gottes Wort die ewige Selbsterkenntnis Gottes ist, so war es höchst angemessen, daß durch dieses Wort der gefallene Mensch zu jener Seligkeit erlöst werde, die in der anschauenden Erkenntnis Gottes besteht (J. 17,3).

2. Die Herkunft der menschlichen Natur Christi

Maria entstammt der Gemeinschaft der Essener

Nach den Visionen der Katharina Emmerich entstammt Maria der frommen Gemeinschaft der Essener, die ihren Ursprung aus der Zeit des Moses und ihre bestimmten Ordensregeln von Isaias und Jeremias herleiten. Es gibt ehelose und verehelichte Essenergruppen. Sie unterstehen jeweilig einem prophetisch begabten Oberhaupt, das seinen Aufenthalt und sein Heiligtum in der Elisashöhle auf dem Offenbarungsberge Horeb im Sinai hat. Sie leben streng aszetisch, sind stark von der Messiashoffnung beseelt, und es wird unter ihnen stets auf weibliche Nachkommenschaft hinsichtlich der Messias-Mutter geweissagt.

Die Großeltern Mariä

Die Urgroßmutter Mariä, die Essenerin Emorun aus Mara an der Ostküste des Meerbusens von Suez (Ex. 15,23), heiratet im Jahre 92 v. Chr. den Essener Stolanus aus dem Stamme Benjamin und gebiert im Jahre 90 ihre zweite Tochter Ismeria.

Ismeria heiratet mit achzehn Jahren den Leviten Eliud, lebt mit ihm nach Weise der verehelichten Essener und bleibt nach der Geburt ihrer ersten Tochter Sobe achtzehn Jahre lang unfruchtbar. Im Jahre 53 v. Chr. gebiert sie zu Bethlehem ihre zweite Tochter Anna.

Die Eltern Mariä

Von ihrem fünften bis siebenzehnten Jahre wird Anna im Tempelpensionat zu Jerusalem erzogen. Ihre Eltern ziehen von Bethlehem nach Sephoris (35 km westlich vom See Genezareth), wo sie ein Haus in der Stadt, ein Landgut in Nieder-Sephoris und mehrere Grundstücke im benachbarten, südlich gelegenen Tal Zabulon besitzen.

Unmittelbar nach dem Tode ihrer Mutter Ismeria heiratet Anna im Jahre 35 den Joachim Heli aus dem Stamme Davids, der durch seinen Großvater Mathan mit Joseph vervettert ist. Anna bleibt nach der Geburt ihrer ersten Tochter Maria-Heli neunzehn Jahre lang unfruchtbar, lebt mit ihrem Manne siebzehn Jahre lang im Hause ihres Vaters Eliud zu Sephoris und bezieht dann das Haus auf der Höhe zwischen dem Zabulon-Tal und dem Tal von Nazareth.

Die unbefleckte Empfängnis Mariä

Im Jahre 15 v. Chr. empfängt Anna zu Jerusalem durch Joachim-Heli den von der Erbsünde unbefleckten Leib Mariä. Durch die göttliche Vorsehung ward vom Leibe Mariä von Anfang an die Erbschuld ferngehalten, da sich in ihm die personhafte Vereinigung des göttlichen Wortes mit der menschlichen Natur Christi vollziehen sollte. Infolgedessen bleibt auch die in diesen reinen Leib von Gott eingesenkte Seele Mariä von aller Makel der Erbschuld befreit.

Die Geburt und Jugend Mariä

In der Nacht vom 7. zum 8. September 14 v. Chr. wird Maria im Hause Annä bei Nazareth geboren. Mit drei Jahren legt sie im Hause ihrer Eltern vor Priestern das Gelübde als Tempeljungfrau ab, wird daraufhin im Tempel zu Jerusalem feierlich aufgeopfert und bleibt elf Jahre lang im Tempelpensionat.

Das Tempelpensionat liegt an die Nordmauer des Tempels angelehnt, dem Allerheiligsten zugewandt. Bei ihrer Lehrerin Noemi, einer Tante des späteren Freundes Jesu, Lazarus, lernt Maria das Weben und Stricken schmaler Zeugbahnen auf langen Stäben für den Tempeldienst, das Reinigen von liturgischen Tüchern und Gefäßen und anderen Opfergeräten und das Zerteilen und Zubereiten gewisser Opferteile als Speise für die Priester und Tempeldienerinnen. Daneben findet der Unterricht im Lesen heiliger Schriften und die Einführung in die liturgischen Gebete statt. Viele Aussprüche des Kindes Maria werden ihrer auffallenden Weisheit wegen von Priestern aufgeschrieben.

Die Jugend des heiligen Joseph

Joseph wird als der dritte von sechs Söhnen Jakobs zu Bethlehem im ehemaligen Stammhause Davids geboren. Von dem alten Hause sind nur noch die Hauptmauern vorhanden. Das eigentliche Wohnhaus Jakobs ist neuerer Zeit. In seiner Jugend hat der beschaulich veranlagte Knabe Joseph viel unter den rohen Späßen seiner Brüder zu leiden. Im Unterricht seitens seines Lehrers hat er die meiste Freude am geometrischen Zeichnen, und am wohlsten fühlt er sich im Kreise einer kleinen Genossenschaft von Essenerinnen, die ihre Gartenwohnungen in der Nähe des Hügels der spätern Krippenhöhle haben.

Die Feindseligkeit seiner Brüder macht es ihm endlich unmöglich, länger im Elternhause zu bleiben. Im achtzehnten Lebensjahre entflieht er mit Hilfe eines Freundes aus Bethlehem und arbeitet zuerst bei einem Zimmermann in Lebonah am Berge Gorizim (45 km nördlich von Jerusalem). Nachdem ihn seine Brüder hier ausgekundschaftet haben, wandert er nach Thaanach, südöstlich vom Karmelgebirge, und arbeitet hier bei einem wohlhabenden Meister. Später macht er sich mehr selbständig, wohnt für sich allein in Tiberias in eigener Werkstatt am Seeufer und arbeitet für einen Meister im Inneren der Stadt.

Mariä Vermählung mit Joseph

Mit vierzehn Jahren wird Maria, der damaligen Sitte gemäß, aus dem Tempel zur Ehe entlassen. Ihre Mutter Anna, deren Mann Joachim unterdessen gestorben, und die sich wieder verheiratet hat, holt ihre Tochter vom Tempel ab und läßt durch den Hohenpriester Boten im Lande umhersenden und alle unverheirateten Männer aus dem Stamme Davids zum Tempel berufen. Diese Maßnahme wird verständlich, wenn man bedenkt, daß sowohl im Leben der hl. Anna wie im Jugendleben der allerseligsten Jungfrau außergewöhnliche mystische Vorzeichen geschehen waren, die auf den kommenden Messias aus dieser Familie so offensichtlich hinweisen, daß selbst der Hohepriester und viele andere Priester hierauf aufmerksam wurden.

Die Hochzeit Mariä und Josephs wird zu Jerusalem am Berge Sion in einem Hause gehalten, das oft zu solchen Zwecken vermietet wird. Die göttliche Vorsehung führte diese Ehe herbei, damit Maria später nicht als Ehebrecherin bestraft, und Jesus nicht als ein unehelich Geborener von den Juden verworfen werde; und auch damit Maria und später das göttliche Kind einen natürlichen Schutz hätten.

II. Die Menschwerdung in der Zeit

1. Die Empfängnis Christi

Die Empfängnis Christi zu Nazareth

Nach der Vermählung Mariä mit Joseph richtet Anna für beide ihr in Nazareth gelegenes Haus ein und sorgt in der Folgezeit durch ihre Dienerschaft für dessen Bewirtschaftung. Joseph holt seine Gerätschaften und Werkzeuge von Tiberias und richtet sich in der Nähe des Wohnhauses eine Zimmermannswerkstatt an der Mauer am Nordtor ein. Maria führt ein durchaus beschauliches Leben auf Grund ihrer hohen Gnaden und beschäftigt sich weiterhin mit Weben und Sticken.

Am Vorabend der Nacht von Christi Empfängnis befindet sich Joseph auf dem Heimwege von einer Reise über Land. Im Hause Mariä sind Anna und die in ihrem Dienste stehende verwandte Witwe sowie zwei Tempelgenossinnen Mariä anwesend.

Am selben Abend zieht sich die heilige Jungfrau in ihre im hinteren Teile des Hauses gelegene Kammer zurück, legt ein langes, weißwollenes Betkleid mit breitem Gürtel an und bedeckt ihr Haupt mit einem weißgelben Schleier. Indessen tritt die Magd mit einem Lämpchen herein, zündet eine mehrarmige Lampe an, die von der Decke der Kammer niederhängt, und entfernt sich wieder.

Maria nimmt ein niederes Tischchen von der Wand, wo es zusammengeklappt lehnte, stellt es mitten in der Stube auf, legt eine Schriftrolle auf dasselbe und kniet sich vor demselben hin. Hierauf läßt sie den Schleier über ihr Angesicht nieder, kreuzt die Hände flach vor ihrer Brust und fleht um die Erlösung, um den verheißenen König, und daß ihr Gebet doch auch einigen Anteil an seiner Sendung haben möge.

Sie kniet lange so im Gebet verzückt, das Haupt geneigt. Da senkt sich zu ihrer Rechten in schräger Linie von der Decke ihrer Kammer eine große Masse von Licht nieder, in der ein weiß leuchtender Jüngling vor sie niederschwebt. Maria wendet ihr Gesicht zu ihm, hebt den Schleier ein wenig auf, und es erfolgt die vom Evangelisten Lukas (1, 28 bis 38) berichtete Zwiesprache. Hierauf ergießt sich ein noch hellerer Lichtstrom in die heilige Jungfrau und nach dieser Durchleuchtung verschwindet der Engel, und die Lichtbahn, aus der er hervorgetreten, zieht sich, wie von dem Himmel wieder eingeatmet, zurück.

Es ist um Mitternacht. Maria ist in tiefer Verzückung versunken. Nach einiger Zeit treten Anna und die anderen Frauen in die Kammer. Eine wunderbare Bewegung in der Natur hatte sie aus dem Schlafe erweckt. Eine Lichtwolke ruht über dem Haus. Als sie Maria im Gebet verzückt unter der Lampe knien sehen, entfernen sie sich wieder. Bald darauf erhebt sich Maria, tritt vor ihren Bet-Altar an der Wand, zündet die Wandlampe an und betet vor ihr aus Schriftrollen auf einem höheren Pult. Gegen Morgen begibt sie sich zur Ruhe. Sie ist bei der Menschwerdung Christi etwas über vierzehn Jahre alt.

Warum ist Gott nicht eher oder später Mensch geworden?

Damit die Menschen, vorerst der Freiheit ihres Willens im Naturrecht überlassen und dann unter dem von Gott durch Moses erneut verkündeten Sittengesetze lebend, angesichts ihrer eigenen Schwäche und Ohnmacht von der Notwendigkeit eines göttlichen Ertlösers durchdrungen würden; und damit die Wärme des Glaubens nicht infolge einer zu langen Zwischenzeit vor und Folgezeit nach der Menschwerdung zu lau werden würde; denn am Ende der Welt wird die heilige Liebe und der Glaube an Christus in vielen erkalten und verschwinden (L. 17, 28-30 u. 18,8).

Wie ist Gott Mensch geworden?

Gott ist nicht in der Weise Mensch geworden, daß Er Sich in einen Menschen verwandelte, denn Er ist absolut unveränderlich; und auch nicht in der Weise, daß Er an die Stelle der menschlichen Seele trat, denn Er kann niemals die Wesensform einer Kreatur werden; sondern Er hat eine aus Seele und Leib bestehende menschliche Natur zur Einheit mit Seiner Person erhoben, so daß hier an Stelle der menschlichen Person die eine göttliche Person des Sohnes im Gottmenschen regiert, wodurch das spätere Sühneleiden Seiner menschlichen Natur einen unendlichen Charakter der Kraft und des Verdienstes erhielt.

Warum empfing Maria aus dem Hl. Geiste?

Weil es vorzugsweise die Liebe war, die den himmlischen Vater veranlaßte, Seinen eingeborenen Sohn auf die Welt zu senden (J. 3,16); und weil alles, was unverdient aus reiner Gnade gegeben wird, in erster Linie aus Liebe gespendet wird; schließlich weil zur Vereinigung einer endlichen Natur mit der unendlichen Natur Gottes eine unendlich starke Einigungskraft erforderlich ist, die nur die Liebe des Hl. Geistes besitzt.

Warum blieb Maria bei der Empfängnis Christi Jungfrau?

Weil sie nicht durch körperliche Kraft empfing, sondern durch die Kraft des Hl. Geistes, der alles durchdringt, ohne zu verletzten. Auch geziemte es sich, daß Derjenige, ohne zu verlezten, in die Welt einging, Der gekommen war, um zu heilen und um zu versöhnen.

Der Besuch Mariä bei Elisabeth

Maria empfand, als sie fühlte, daß das Wort in ihr Fleisch geworden, ein großes Verlangen, die Cousine ihrer Mutter, Elisabeth, in Juta bei Hebron zu besuchen, von welcher ihr der Engel gesagt, daß sie seit sechs Monaten gesegnet sei. Und da sich die Zeit nahte, daß Josph auf das Osterfest nach Jerusalem ziehen wollte, wünschte sie ihn zu begleiten, um Elisabeth in ihrer Schwangeschaft beizustehen (L. 1, 39 ff.). Während ihres dreimonatigen Aufenthaltes (L. 1, 56) im Landhaus der Zacharias bei Juta arbeitet Maria an einer Wöchnerinnendecke für Elisabeth (siehe auch "Tagebuch des Lehrwandels": 14. Januar 33). Joseph reist etwas früher zurück. Maria bleibt noch bis nach der Geburt des Täufers (L. 1, 57-80) in Juta, wohnt aber dem Beschneidungsfeste nicht mehr bei.

Joseph kommt ihr auf halbem Wege der Rückreise entgegen und bemerkt an ihrer Gestalt, daß sie gesegneten Leibes ist. Er beschließt, sie im stillen zu entlassen (Mt. 1, 18-19). Einige Tage später erscheint ihm der Engel (Mt. 1, 20-25a).

Warum will Joseph Maria entlassen?

Joseph, um die Keuschheit und die davidische Abstammung Mariä wissend, dachte eher an die Erfüllung der Messias-Verheißung als an einen Fehltritt Mariä und beschloß, sie heimlich zu entlassen, weil er sich als unwürdig erachtete, mit einer solchen Heiligkeit zusammenzuwohnen (tantae cohabitare sanctitati).

2. Die Geburt Christi

Der Anlaß der Reise nach Bethlehem

Seit ihrer Rückkehr aus Juta weilt Maria im Hause ihrer Mutter im Tal Zabulon und näht und stickt mit den Frauen an Teppichen, Windeln und Tüchern im Hinblick auf ihre Niederkunft. Von seiten der wohlhabenden Anna ist alles in reichlichem Maße vorgesehen. Joseph hat unterdes Opfervieh nach Jerusalem gebracht und sich in Bethlehem nach Einschreibung und Steuer erkundigt, aber diese selbst noch verschoben bis nach den Tagen von Mariä Reinigung.

Als er auf der Rückreise das Feld Chimki (10 km südlich von Nazareth) erreicht hat, erscheint ihm ein Engel mit der Aufforderung, sogleich mit Maria nach Bethlehem zu ziehen, denn dort solle sie ihr Kind gebären. Auch bestimmt er ihm, keine gestickten Decken mitzunehmen, sondern nur weniges und ärmliches Gerät und außer dem Esel für Maria noch eine einjährige Eselin, die noch nicht geworfen habe und die er frei mitlaufen lassen und deren Wegrichtung er einschlagen solle.

Warum wollte Christus zu Bethlehem geboren werden?

Weil auch David dort geboren wurde, und somit schon der Geburtsort Christi die Erfüllung der Verheißung anzeigte (L. 2, 4 und 2. Kön. 23). Und wie David in Bethlehem geboren war und Jerusalem zu seinem Herrschersitz gemacht, so hat Christus jene unbedeutende Stadt zum Ort der Geburt gewählt, um unseren Hochmut zu dämpfen; und jene große Stadt zum Ort seines Leidens erwählt, um durch die hier erlittene um so größere Schmach uns die ewige Herrlichkeit zu verdienen.

Die Reise nach Bethlehem

In der Nacht zum elften Tage vor der Geburt Christi reisen Maria und Joseph von Nazareth ab, ziehen über das Gebirge Gilboa, weichen östlich vom Berge Garizim noch mehr nach O