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AUS "BERLINER HEFTE", H. 4/1946
Nächtliche Männer-Sühneanbetung Düsseldorf / Karl Reibel, Sternstr.12
Wie leicht würde es mir fallen, diesen Aufsatz zu beginnen, wüßte ich, welche Erinnerungsbilder meine Leser mit seiner Überschrift verbinden! Es werden immerhin 1947 zwanzig Jahre verflossen sein, seitdem alle Zeitungen des In- und Auslands voll waren von Artikeln, über das Mädchen Therese Neumann in Konnersreuth in der Oberpfalz, das seit der Fastenzeit 1926 die Wundmale des Herrn an Händen und Füßen und an der Brust trug und seit Weihnachten 1926 ohne jegliche Nahrungsaufnahme lebt, nachdem es schon seit Dreikönig 1923 keine feste Nahrung mehr zu sich genommen hatte. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, zumal wenn die Weltgeschichte sich die Mühe gibt, sie so sehr mit den umstürzendsten, den apokalyptischsten Ereignissen anzufüllen, wie sie es in diesen zwanzig Jahren tat. Immer eindringlicher werdend, hatten sich von Anfang (1926) an seltsame Ekstasen und Visionen bei diesem Mädchen eingestellt, Visionen der verschiedensten. Art, von denen jene des Leidens Christi die einprägsamsten und furchtbarsten zu sein schienen. Sie traten regelmäßig in der letzten Stunde jedes Donnerstags auf und dauerten an den Freitagen bis in die MittcR3sstunden, wo der grausame Tod Christi in der kleinen Bauernstube in Konnersreuth ein getreues Abbild zu finden schien. In den Freitagen der Fastenzeit pflegten diese Leidensvisionen immer intensiver, immer reicher an Einzelheiten zu werden, um endlich am Karfreitag, weit über den Tod Christi bis zu seiner Beisetzung .ausgedehnt, in einem völligen, todesähnlichen Erschöpfungszustand zu enden, der den ganzen Karsamstag anhielt, um erst in der Osternacht dem Auferstehungsjubel zu weichen. Nur wenn ein kirchlicher Festtag auf einen Freitag fiel, unterblieb die ungeheuerliche Vision, d. h. die am Donnerstag begonnene brach Punkt um Mitternacht ab. Ebenso unterblieben diese Leidensvisionen - die anderen nicht - in der Osterzeit, so daß alljährlich zwischen dem Karfreitag und dem Freitag nach dem Fronleichnamsfest (Freitag nach Trinitatis) keine Vision jenes furchtbaren Leidens die freudvolle Zeit unterbrach. Und dies hat sich in all den Jahren nicht um ein Jota geändert. Mochten Hitlers besessener Wahnsinn und die feige Frechheit seiner Kumpane noch so sehr toben, mochten die deutsche Jugend und mit ihr jene aller Kontinente auf den Schlachtfeldern des verbrecherichsten aller Kriege verbluten, mochten Niederlage und völliger Untergang über unser Land hereinbrechen: pünktlich wie der Pendelschlag einer Uhr blieb das Konnersreuther Geschehen immer das gleiche: die Leidensvisionen, die am Donnerstag begannen und die in der Osterzeit unterblieben. Das Dritte Reich hat schon sehr bald jede Veröffentlichung über Therese Neumann in Acht und Bann getan. Ich kann mich nur zweier Notizen aus dieser Zeit erinnern: einmal tauchte in der Presse die Nachricht auf, das Mädchen sei eine glühende Anhängerin Adolf Hitlers, später jene, es sei gestorben. Überflüssig zu sagen, daß beide Notizen erlogen waren. Über die Einstellung der Therese zu Adolf Hitler gibt es eine Geschichte, die jenen recht zu geben scheint, die das unbegreifliche Erleben der letzten Jahre sich nur metaphysisch als eine zugelassene Herrschaft Satans erklären können, so wie sie die stigmatisierte Katharina Emmerich schon 1829 für die Zeit vor der Mitte des 20. Jahr- hundert, - nicht nur für Deutschland! - geweissagt hatte: als Therese einmal um 1940 in benommenem Zustand in ihrem Bett lag - sie ist bei dieser Gelegenheit völlig blind! - reichte ihr ein Besucher eine Postkarte mit dem Bild des "Führers" in die Hand. Mit allen Zeichen des Entsetzens schleuderte die Blinde das Bild mit dem Ruf von sich: "Rauch und Feuer aus der Hölle!" Das verbreitete Märchen von ihrem Tode aber hatte für sie die höchst erfreuliche Folge, daß die Besucherzahl stark zurückging, zumal auch das bischöfliche Ordinariat Regensburg keine sog. "Besuchserlaubnisse" mehr ausstellte - die niemals "Erlaubnisse" gewesen waren, sondern Empfehlungen, die zum Empfang ihrer Träger abmachungsgemäß verpflichteten. Denn das Haus Neumann hat in den ungezählten Besuchen von Fremden immer nur eine Last gesehen, der es sich, wenn es irgendwie möglich war, entzog! Aber es ist wohl nötig, dem Leser von heute in äußerster Kürze zunächst einmal wieder die Daten des seltsamen Geschehens ins Gedächtnis zu rufen! Als ältestes von zehn Kindern der Schneidermeisters-Eheleute Neumann in Konnersreuth bei Waldsassen in der Oberpfalz, wenige Kilometer von der bayerisch-böhmischen Grenze, ist Therese Neumann in der Nacht von Karfreitag auf Karsamstag 1898 geboren. Das Kind zeigte keinerlei Besonderheiten. Es war sehr einfach, naiv, fromm und heiter wie die meisten seiner Altersgenossinnen, fern jeder Exaltiertheit oder Frömmelei, 'mit dem einen Wunschtraum im Herzen, eines Tages als Missionsschwester bei den Benediktinerinnen in Tutzing einzutreten. Dies war bereits eine abgemachte Sache, aber da der Vater als Artillerist im Krieg war und die Mutter die Hilfe ihrer Ältesten nicht entbehren mochte, verschob man den Eintritt bis nach der Rückkehr des Vaters. Therese ging, um dem sehr ärmlichen Etat ihres kinderreichen Elternhauses etwas aufzuhelfen, als Magd in die Dienste eines Nachbarn, der auch Neumann hieß, und der sie wegen ihrer Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit, aber auch wegen ihrer großen körperlichen Kraft besonders schätzte. Der Wendepunkt ihres Lebens war der 10. März 1918: bei einem Brande reichte Therese, auf einem Stuhle stehend, zwei volle Stunden lang einen wassergefüllten schweren Löscheimer nach dem andern über ihren Kopf hinauf. Plötzlich fühlte sie im Rücken einen starken Schmerz und fiel rücklings, ganz durchnäßt, vom Stuhl auf die Erde. Mit der urwüchsigen Kraft eines kräftigen Bauernmädels hat sich Therese gegen das Hereinbrechen unabsehbarer Krankheit gewehrt. Es half nichts. Eine Lendenwirbelverschiebung warf die von furchtbaren Krämpfen und Lähmungen Gepeinigte auf ein Krankenlager, das sieben lange Jahre dauern sollte! Gleichzeitig traten schwere Störungen des Sehvermögens auf, die 1919 zur völligen Erblindung führten ! Bis hierher hat nichts Außergewöhnliches Theresens Leben ausgezeichnet. Wenn es fortan in nicht endenwollender, unerklärlicher Fülle über dieses kranke Mädchen hereinbricht, so müssen wir dafür die Grundlagen in diesen kaum erträglichen Leidensjahren suchen. Aber wie schwer ist es, sich davon ein Bild zu machen! Wie schwer ist es dem Gesunden, sich in die Gedankenwelt einer gelähmten Blinden einzufühlen, deren Lebenstraum, als Missionsschwester zu wirken, zertrümmert war und die, von furchtbaren Schmerzen gepeinigt, unfähig zu jeder Bewegung, das Elend endloser Nacht ertrug! Wenn Therese mir gegenüber einmal äußerte, jene Jahre seien die schönsten ihres Lebens gewesen – und es wahrhaftig nicht statthaft ist, bei einem so klugen und seelisch gesunden Wesen wie ihr eine Art von Koketterie des Leidens in Rechnung zu stellen -, so müssen in diesen Jahren im Kopf dieses Bauernmädchens Erkenntnisse aufgeleuchtet haben, die alle Qualen vergessen ließen. Wir haben um so weniger Grund, daran zu zweifeln, daß die intensive Beschäftigung mit dem Leben der späteren Heiligen Therese von Lisieux zur hilf- und gnadenreichen Brücke in ein höheres Leben wurde, als es feststeht, daß deren Feiertage zu Marksteinen im Leben der ihr innigst seelisch verbundenen Therese Neumann wurden: Am Tage ihrer Seligsprechung (29. April 1923), morgens um 6.30 Uhr, gewann die Konnersreuther Therese plötzlich völlig und dauernd ihre Sehkraft zurück. Am Tage aber, an dem die französische Therese heilig gesprochen wurde (17. 5. 1925), nahm nach einer Lichterscheinung die Lähmung ein so plötzliches und völliges Ende, daß Therese augenblicklich imstande war, zum erstenmal wieder aufzustehen und nach siebenjährigem Krankenlager (!) die einige Minuten entfernte Pfarrkirche zu besuchen. In der Lähmung war der linke Fuß unter dem rechten heraufgezogen gewesen und die Nägel seiner Zehen in das Fleisch des rechten Fußes hineingewachsen. dazu hatten sich tiefe, eiternde Aufliegewunden gebildet, die jeder ärztlichen Pflege spotteten, All dies war mit einem Schlag verschwunden, ohne auch nur die leiseste Narbe zu hinterlassen. Nach den Berichten der Therese Neumann war die Heilung von einer sie ankündigenden Stimme aus dem Unsichtbaren begleitet, die ihr weissagte, sie werde noch viel leiden "dürfen" und kein Arzt werde ihr helfen können. Aber sie solle nicht verzagen: "Ich hab' dir bisher geholfen und werde dir auch in Zukunft helfen!' "Ich habe geschrieben: Durch Leiden werden mehr Seelen gerettet als durch die glänzendsten Predigten!" (Dieser Satz steht im 6. Brief der HI. Therese von Lisieux an die Missionare und verrät damit die unsichtbare Urheberin der Stimme.) Fortan ist das Leben dieses Mädchens randvoll mit Geschehnissen, die sich natürlicher Erklärung völlig entziehen. Ich übergehe die rätselhafte Heilung von einer Blinddarmentzündung am 17. 11. 1925, die bereits zum Durchbruch des Eiters in die Bauchhöhle geführt hatte und von der ich den behandelnden Arzt, Sanitätsrat Dr. Seidl in Waldsassen, selbst vor Gericht unter Eid aussagen hörte, es gäbe für ihn, der als Chirurg Spezialist auf diesem Gebiete sei, keine andere Erklärung als ein wunderbares Eingreifen Gottes. Ich übergehe die seltsame plötzliche Heilung von einer Bronchitis ein Jahr später im November 1926, wo die Kranke schon die Sterbekerze in der Hand hielt und der Pfarrer an ihrem Lager die Sterbegebete der Kirche sprach. Damals waren schon die Ereignisse eingetreten, die die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich zu ziehen berufen waren und von denen die Stigmatisation, die Visionen, das Hören fremder Sprachen, die Nahrungslosigkeitr die Sühneleiden und der mystische Empfang der HI. Kommunion am meisten in die Öffentlichkeit drangen, ohne daß mit solcher Aufzählung auch nur im entferntesten das Konnersreuther Geschehen erschöpft wäre. Indem wir hier diese Phänomene einzeln vornehmen, wollen wir nicht vergessen, daß erst ihre Gesamtheit das wahre Bild von Konnersreuth gibt, daß die Nahrungslosigkeit, so unerklärlich sie ist, nur ein - nicht einmal sehr wesentliches Teilphänomen ist, das etwa das Reden in fremden Sprachen nicht erklärt, noch die Stigmatisation, noch die anderen Dinge, so daß der Besucher kaum je in die Gefahr kommt, der namentlich Ärzte so gern erliegen, mit der natürlichen Deutung eines Phänomens das ganze Rätsel in der Hand zu halten, über dessen überwältigende Kraft sich nur der einen Begriff machen kann, der sie persönlich an sich erfuhr. Die Stigmatisation. In der Mitte der Fastenzeit 1926 sah Therese nach ihrer Erzählung eines Nachts den Heiland deutlich am Ölberg knien. Gleichzeitig spürte sie es heiß an ihrem Herzen herunterlaufen. Es war Blut, das aus einer Wunde bis zum Mittag des nächsten Tages sickerte und das sie, eine neue Krankheit befürchtend, ihren Angehörigen verbarg. Am kommenden Freitag erweiterte sich die Vision bis zur Geißelung des Herrn, und die Herzwunde begann von neuem zu bluten. Am Karfreitag 1926 aber zeigten sich blutende Wunden an den Hand- und Fußrücken und blieben, auch nachdem die Blutung aufgehört hatte. 1927 drangen sie bis in die Handteller und zu den Fersen vor und verschwanden, wie die Herzwunde, bis heute nicht mehr. Ungezählte Ärzte haben sie untersucht und an diesen seltsamen Gebilden, die nach mannigfachen Veränderungen sich heute am Handrücken als tief dunkelrote, von einem feinen Häutchen überzogene Wunden etwa in der Größe eines 10-Pfennig Stückes zeigen, ihre Heilkünste ausüben wollen. Sie haben Therese an diesen äußerst empfindlichen Stellen arge Schmerzen bereitet, aber niemand hat es vermocht, diesen niemals vernarbenden Wunden auch nur im Geringsten beizukommen. Ihnen gesellen sich in den letzten Jahren - aber nur am Karfreitag! - die Male der Geißelung und an der rechten Schulter die schwere blutige Wunde, wo bei der Kreuztragung das Kreuzesholz auf der völlig zerschundenen Haut aufliegt. Dauernd sind dagegen die Wunden der Dornenkrone am Hinterkopf, wo sie, von den Haaren bedeckt, nicht ohne weiteres sichtbar sind. Gerade diese Wunden sind es, die an den Freitagen im Augenblick der Vision der Aufsetzung der Dornenkrone - 7.45 Uhr - so sehr zu bluten beginnen, daß das weiße Kopftuch alsbald zum blutigen Lappen wird. Ebenso stark blutet an den Freitagen die Herzwunde, dagegen ist der Blutaustritt an Händen und Füßen verhältnismäßig gering. Zur Erklärung der Stigmatisation, die kein so seltenes Phänomen ist, wie man glauben möchte - die katholische Kirche (und nur sie) kennt seit dem Heiligen Franz von Assisi etwa 400 Fälle! - wird häufig der Begriff der Autosuggestion herangezogen. Es ist hier nicht der Ort, sich auf diesen Disput einzulassen. Aber vielleicht ist es doch erlaubt, darauf hinzuweisen, daß jede Autosuggestion die Wunden zunächst im Handteller entstehen ließe, statt wie bei Therese Neumann am Handrücken. Die Visionen. Sie pflegen sich bei Stigmatisierten regelmäßig einzustellen und scheinen - wenigstens ist dies in Konnersreuth der Fall - den Bewußtseinszustand ihrer Träger derart zu beeinflussen, daß diese in ihnen völlig im Schauen aufgehen, jede Beziehung zu ihrem Alltag verlieren, so daß auch das Geschaute in ihnen keine Erinnerung an vorhandene Kenntnis erweckt und ihr Geisteszustand wie bei einem Kinde sich auf das Aufnehmen dar Eindrücke beschränkt, ohne sich zunächst kritisch zu ihnen zu stellen. So kommt es, daß sie den Inhalt der Vision nach ihrem Wiedererwachen mit einer sonst ungewöhnlichen Einprägsamkeit und einem Gedächtnis wiedergeben können, wie man es normalerweise gegenüber einem gesehenen Vorgang (etwa im Kino) nicht besitzt. Bei Therese Neumann sind zwei Formen von Visionen streng zu unterscheiden: die Leidensvisionen der Freitage - die Ausnahmen haben wir kennengelernt - sind von einer Regelmäßigkeit, daß man die Uhr danach richten- könnte. In der Tat hat die Reichspostverwaltung im Jahre des größten Andrangs 1927 die Postautofahrten nach Waldsassen so eingerichtet, daß die Besucher von Konnersreuth die erschütternde Vision des Todes Christi um 12.50 Uhr (gleich 15 Uhr der Ortszeit von Jerusalem!!) noch miterleben konnten. In diesen Visionen ist Therese Neumann nicht nur Zuschauerin, sondern Mit-Leidende. Aus ihrem Kopfe springt das Blut bei der Dornenkrönung, sie steht und geht in der Menge, die die Kreuztragung begleiten, und erlebt gleichzeitig die Stürze Christi. An ihren Händen sieht man das Zucken bei den Hammerschlägen der Kreuzigung, sie leidet unter dem Durst des Herrn, und sie stirbt einen qualvollen Erstickungstod, den man sich lange Zeit nicht erklären konnte, bis Dr. H y n e k, Prag, den Nachweis erbrachte, daß der Kreuzestod tatsächlich ein Erstickungstod war! (Um ihre sichtbaren Qualen zu lindern, haben fürsorgliche Freundeshände, durch ihre Atemnot erschreckt, im Zimmer, wo die Vision stattfindet, eine sinnvolle Ventilation eingebaut, und man pflegte in diesem Stadium der Vision die Fenster aufzureißen, bis man endlich erfuhr, daß die Atemnot Bestandteil der Teilnahme an der Passion sei. Ebenso zeigte sich regelmäßig, daß Therese plötzlich unter der Hitze zu leiden anfing und dann versuchte, das Oberbett fortzuwerfen. Auch hier mußte man erfahren, daß es nicht die Hitze im Konnersreuther Zimmer war, sondern die Aprilsonne in Jerusalem vor bald 2000 Jahren, die nach dem Gang durch die kühlen Straßen der Stadt vor den Toren plötzlich in aller Stärke auf die Teilnehmer hereinbrach.) Noch der Schauung des Todes Christi liegt Therese, einige Stunden völlig als Leiche anzusehen, schneeweiß mit dicken Bächen geronnenen Blutes aus beiden Augen mit jener seltsam spitzen und leblosen Nase in ihrem Bett, die für Leichen charakteristisch ist, bis sie endlich wieder imstande ist, das Geschaute, langsam erwachend, zu erzählen. Ganz anders sind die anderen Visionen, die Therese ganz unregelmäßig plötzlich überfallen. Ob sie das Leben Christi oder dasjenige eines Heiligen (in der Regel bestimmter Tagesheiligen) betreffen: Therese ist in ihnen nicht die Mitleidende, sondern nur Zuschauerin. Und Zuhörerin! Da sie körperlich nicht sonderlich groß ist, so kommt es vor, daß ein Teilnehmer der geschauten Szene ihr den Ausblick auf das Geschehen verstellt. Dann biegt sie sich aus ihrer Lage heraus, um an der störenden Gestalt vorbei freie Sicht zu bekommen. So war ich z. B. am Peter- und Pauls-Tag 1929 Zeuge der Vision der Berufung Petri, bei der irgendein Jünger des Herrn der auf einem Kanapee Liegenden den Ausblick auf die beiden Hauptpersonen versperrte. Therese beugte daher den Oberkörper, damit ihr nichts entgehe, so weit heraus, daß der Oberkörper schließlich vom Kanapee weg frei in die Luft ragte. Ich eilte hinzu, um den unvermeidlichen Sturz auf den Boden aufzuhalten, und ergriff sie, um sie zu stützen an der rechten Schulter. Es war unnötig. Sie stürzte nicht, aber ich erlebte das Unerklärliche, daß dieser ganze schwere Körper nicht mehr wog als eine Briefmarke! Die Visionen betreffen in der Fastenzeit die täglichen Evangelien. An Allerheiligen und Allerseelen (1.-2. November) führen sie Therese zu einer Schau des, Paradieses und des Reinigungsortes (mit sehr seltsamem Inhalt), an Weihnachten zeigt sich die holde Geschichte von Christi Geburt mit der Anbetung der Hirten und an Epiphanie die, drei Jahre später - das Christuskind hat längst das Gehengelernt und gibt jedem Besucher die Hand! - Anbetung der drei "Könige". Diese Visionen begleiten das ganze Kirchenjahr. Sie werden ergänzt von den Visionen aus dem Leben bestimmter Heiliger, sei es, daß Therese besondere Beziehungen zu ihnen hat, sei es, daß sie besondere Beziehungen zu Konnersreuth haben, wie etwa der HI. Laurentius, der der Patron der Pfarrkirche ist. So erlebt Therese Szenen aus dem Leben des Evangelisten Johannes, des HI. Franz von Sales und die Vision, die Bernadette Soubirous am 11. Februar 1858 in Lourdes von der Mutter des Herrn hatte. Das Hören fremder Sprachen. Als die Freitagsvisionen 1926 begannen, hat Therese Neumann, von ihnen berichtend, ihrem Ortspfarrer Josef Naber Worte wiedergegeben, die sie in den Visionen gehört haben wollte und die der Pfarrer nicht verstand. Er erkannte nur, daß sie nicht hebräisch waren. Erst später, als der Eichstädter Hochschulprofessor Dr. Franz Xaver Wutz nach Konnersreuth gekommen war und angezogen von dem dortigen seltsamen Geschehen seinen ersten (äußerst skeptischen!) Besuch achtmal wiederholt hatte, vernahm er zu seinem Erstaunen aus dem Munde der Leidenden in der ihm wie wenige Zeitgenossen wohl bekannten aramäischen Sprache - der Umgangssprache in Palästina zur Zeit Christi - die Worte des Heilands am Kreuz: "Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!" Den Worten folgten im Lauf der Zeit ungezählte andere. Sie entsprachen nicht immer dem, was Wutz erwartete, und lieferte seinem philologischen Wissensdurst viele Korrekturen. Ich selbst habe wiederholt die Protokollierung solcher gehörter Sätze mitgemacht und mußte immer zunächst über das fabelhafte Gedächtnis staunen, mit dem Therese sie über Wochen hinaus im Kopfe zu behalten pflegt. Dies ist um so schwieriger für sie, als sie von den wiedergegebenen Worten nicht eines versteht. Es ist so, wie wenn ich heute zwei Neger sich in Suaheli miteinander unterhalten hörte, und dieses mir gänzlich unverständliche Gespräch nach einem Vierteljahr genau in dem Tonfall. wiedergeben könnte. Diese grammophonartige Wiedergabe geht so weit, daß mein im Aramäischen wirklich gänzlich ungeübtes Ohr die starken Unterschiede zwischen der gepflegten Sprache des Hohenpriesters und der merkwürdig gutturalen, bäuerlichen Stimme des von ihm verhörten Petrus deutlich erkennen konnte. Diese gutturale Stimme, die etwa an das Sprechen der Tiroler erinnert, vergißt sich nicht leicht: sie ist auch zu erkennen, wenn Therese die Pfingstpredigt des Petrus wiedergibt - in ungeschminktem Oberpfälzer-Dialekt: war es doch die Predigt, die ein jeder vernahm in seiner Sprache! Diese Tatsache der Wiedergabe ganzer aramäischer Sätze wurde 1927 auf Veranlassung der Zeitung, in deren Schriftleitung ich damals saß ("Münchener Neueste Nachrichten"), von dem Hallenser Universitätsprofessor Bauer nachgeprüft und bestätigt. Bemerkt sei, daß Therese Neumann die von ihr gehörten hebräischen, licht aramäischen Gebete, das Griechisch, das sie bei einigen Szenen aus dem Leben des Johannes, das Lateinisch, das sie bei der Vision der Marter des Hl. Laurentius, das Pyrenäen - Französisch, daß sie bei der Lourdes-Vision hört, mit der gleichen Genauigkeit wiederzugeben imstande ist. Man hat zur Erklärung des Phänomgns vielfach behauptet, es gehe auf Suggestion durch Professor Wutz zurück. Die Tatsache, daß Therese schon vor dem Besuch Wutz' die aramäischen Worte hörte, die ihr Pfarrer nicht verstand, und daß sie sie auch nach dem Tode Wutz' (gest. 19. 3. 1938) weiterhört, macht diese etwas allzu einfache Behauptung illusorisch. Die Nahrungslosigkeit. In unserem Zeitalter des Wiegens und des Messens ist sie es, die unverdientermaßen zu einer Art Kernproblem gemacht wurde. Für Therese Neumann ist sie eine wahre Tortur, da sie sich um ihretwillen den stärksten Belästigungen und Anpöbelungen, dem unverfrorensten Anzweifeln ihrer persönlichen Ehrlichkeit ausgesetzt sieht. Die Nahrungslosigkeit ist für sie weder eine Form der Nachfolge Christi den sie selbst bei der Hochzeit von Kana essen und trinken sieht! - noch eine Form der Askese: sie ist einfach eine Prüfung ihrer Geduld! Die Nahrungslosigkeit besteht für feste Nahrung seit Dreikönig 1923, für flüssige Nahrung seit Weihnachten 1926. Seither lebt Therese Neumann tatsächlich nur von der Hl. Kommunion. Eine vierzehntägige Untersuchung 1927 (14. bis 28. Juli), die von vier vereidigten Klosterfrauen unter der Kontrolle und noch den Anweisungen des Prof. Ewald, Erlangen (seither in Göttingen), und des Hausarztes Dr. Seidl durchgeführt wurde, hat von Ewalds damaligem Erlanger Kollegen Geh. Rat Prof. Dr. Specht das Zeugnis erhalten, sie sei "in nicht mehr zu übertreffender Sorgfalt und Wissenschaftlichkeit vorgenommen worden". Therese wurde diese 14 Tage Tag und Nacht von je zwei Schwestern im Auge behalten. Das zum Reinigen ihrer Zähne benötigte Wasser wurde vor und nach Gebrauch gemessen, zum Waschen durfte kein Schwamm, sondern nur ein feuchtes Tuch benutzt werden usw. Das Ergebnis war: keinerlei Nahrungsaufnahme. Ihm standen folgende Gewichtsmessungen gegenüber: nach dem ersten Freitag eine Gewichtsabnahme von 8 Pfund, bis zum zweiten Freitag eine Gewichtszunahme von 6 Pfund, am zweiten Freitag eine Gewichtsabnahme von 3 Pfund, bis zum nächsten Freitag eine Gewichtszunahme von 5 Pfund, so daß Therese, da Ab- und Zunahme, je 11 Pfund betrugen, am Ende der Beobachtungsperiode - in der sie nichts zu sich genommen hatte - genau soviel wog, wie an ihrem Anfang. (Mir ist wohl die Annahme erlaubt, daß meine Leser selbst beurteilen können, daß eine Gewichtszunahme von 6 und 5 Pfund in je einer Woche eine Nahrungsaufnahme voraussetzt, die der Beobachtung bestimmt nicht entgangen wäre, so daß hier mit Sicherheit ein natürlich nicht erklärbarer Vorgang vorliegt.) Es ist hier nicht der Ort, dem Labyrinth von Urinuntersuchungen und ähnlichen Dingen nachzugehen, mit denen unsere entgötterte Zeit einem Phänomen zu Leibe rücken will, das im Wesen rein geistiger Natur und von dem die Nahrungslosigkeit nur eine fast belanglose Nebenerscheinung ist. Jedenfalls glaube ich nicht, daß jemand, der jemals wie ich den Konnersreuther Alltag mitmachte, über die Nahrungslosigkeit auch nur einen Gedanken verliert. So unerklärlich sie ist: es gibt dort noch wesentlich Unerklärlicheres. St. Bürokratius zog nüchtern die Konsequenz und gab in den letzten sieben Jahren statt der Lebensmittelkarten einen Zusatz an Seifenkarten, wie ihn die starken Blutungen aus den Haaren, den Augen, der Herzwunde an den Freitagen erwünscht machen. Diese Nahrungslosigkeit dauert nun schon zwanzig Jahre. Ich apelliere an die Phantasie meiner Leser, sich auszudenken, welche Mittel sie gebrauchen würden, um ihrer Mitwelt eine völlige Nahrungslosigkeit vorzutäuschen, deren Ziel nebenbei ganz sinnlos wäre, weil Stigmen und Visionen usw., dem Geltungsbedürfnis eines danach strebenden Menschen wohl genügen dürften und die Nahrungslosigkeit für Therese, wie gesagt, nur die Quelle unendlicher Plackereien und Verdächtigungen ist. Insbesondere stellt die Getränkelosigkeit ein nicht zu lösendes Problem dar: Brotkrumen sind schließlich in einem faltenreichen Rock leichter zu verstecken als Flüssigkeiten! Ich weiß, daß deren Fehlen Therese längstens zur Mumie hätte verdorren lassen müssen, ich weiß aber auch, daß es dies nicht tat. Daß man zweifelnd nach dem "Wieso?" fragt, ist bei allen Menschen selbstverständlich. Gäbe es darauf eine Antwort, so wäre der Fall nicht sonderlich interessant. Erst, daß es keine Antwort gibt, läßt die Zusammenhänge ahnen und von einem "Wunder" reden, das übrigens in der Geschichte der Kirche beträchtlich mehr Parallelen hat, als man glaubt. Die Sühneleiden der Therese sind zweierlei Art, beide aus überströmender Nächstenliebe geboren. So übernimmt Therese die körperlichen Leiden irgendeiner Person, ohne daß man häufig die Zusammenhänge erkennen kann. Da leidet sie die Lungenentzündung eines andern, die Brandwunden eines dritten mit allen Erscheinungen der Krankheit und der Schmerzen, während der "rechtmäßige" Träger der Schmerzen augenblicklich geheilt ist. Diese Fälle sind ungemein zahlreich. Ebenso die zweite für Therese sehr viel schmerzlichere Art des Sühneleidens: die Übernahme der Leiden der Seele eines Verstorbenen im Reinigungsort. Ein Mensch, dessen ganzes Leben im Schatten und im vertrauten Umgang mit dem Heiland sich abspielt und der auf diesen Umgang freiwillig verzichtet, um das Leiden eines Verstorbenen zu übernehmen, das ein brennendes Leiden der Sehnsucht ist, leistet damit eine heroischere Tat, als wir erkennen können, die wir nicht in dieser seelischen und geistigen Höhenluft leben. Die mystische HI. Kommunion. Als ich erstmals im Juli 1927 nach Konnersreuth kam, hatte Therese das Kehlkopfleiden eines werdenden Priesters übernommen, der, hätte er es behalten, nicht hätte geweiht werden können. Infolge dieses Leidens war ihr das Schlucken unmöglich und die Hl. Kommunion konnte - ich war davon Zeuge - nur in der Weise erfolgen, daß Therese ihren Kopf so hielt, daß ein winziges, angefeuchtetes Stück der HI. Hostie gleichsam infolge der eigenen Schwere in den Schlund fiel. Wenige Monate später begann eine andere Art der HI. Kommunion, die seither alltäglich geworden ist: die konsekrierte Hostie wird dem sie reichenden Priester gewissermaßen aus den Fingern gerissen und verschwindet ohne jede Schluckbewegung. Ich bitte meine Leser, überzeugt zu sein, daß ich als Sohn des 20. Jahrhunderts und aus der wissenschaftlichen Schulung eines Astronomen kommend, in der man wahrhaftig exakt zu beobachten gelehrt wird, mir sehr bewußt bin, daß ich auf jene Skepsis stoße, die auch mich in stärkstem Maße begleitete, als ich zum erstenmal in den Umkreis dieses Mädchens trat. "Amicus Plato, magis amica veritas!" ("Kostbar das Urteil der Wissenschaft, wertvoller die Wahrheit aus eigener Erkenntnis!") Wollte ich die Dinge alle erzählen, die ich in den 19 Jahren meiner Vertrautheit mit Konnersreuth erlebte, so wäre kaum ein Ende zu finden. Ich möchte mich daher mit Phänomenen begnügen, die am meisten Aufsehen erregten und andere, wie z. B. jenes der "Bilokation", wo Therese an zwei entfernten Orten zugleich gesehen wurde, schon deshalb hier übergehen, weil ich nicht Zeuge war und nicht dafür einstehen kann, wie ich es für alles Berichtete tue. Über die Persönlichkeit Theresens mich zu äußern, möchte ich unterlassen. Es ist ja wohl nicht Sitte, sich über das Wesen eines noch lebenden Mitmenschen in der Öffentlichkeit verbreiten. Nur soviel sei gesagt, daß diese kluge, geistig ungemein lebendige und. - wie mir scheint - kerngesunde Frau mir in der moralischen Höhenlage ihres Charakters selbst dann den allergrößten und nachhaltigsten Eindruck gemacht hätte, wenn nichts ihre bescheidene und demütige Person so sehr aus der Reihe ihrer Mitschwestern hervorheben würde. Gegnerschaft jeder Art, Anzweiflung ihrer Ehrlichkeit und jener der Ihren, auch aus den Kreisen der katholischen Geistlichkeit, umdrängen ihre Gestalt. Aber im allgemeinen wage ich es zu sagen, daß die Grenze zwischen ihren Freunden und ihren Gegnern weitgehend identisch ist mit jener zwischen denen, die in Konnersreuth waren, und jenen, die es nicht waren. Es ist besonders in der Hitler-Zeit vielfach die Frage nach Theresens prophetischen Fähigkeiten aufgetaucht und tausend Legenden haben darüber ihre Gestalt gefährlich umspiegelt. Mir ist nie eine Prophezeiung allgemeiner Art von ihr bekannt geworden, so viele ich im privaten Bezirk kenne. Zwei solche, die mich selbst betrafen, darf ich herausgreifen: Am Sonntag, dem 24. Juni 1938, besucht mich plötzlich und unangesagt in Hohenstein in Württemberg der mir befreundete Fürst Erich zu Waldburg - Zeil im Auto aus Konnersreuth kommend, um mich im Auftrag von Therese Neumann zu warnen, da eine Haussuchung der Gestapo bei mir in den nächsten Tagen bevorstünde. Die Warnung mir brieflich zu schicken hatte Therese meinem Besucher nicht gestattet. Zwei Tage darauf erschien bei mir die Gestapo, machte die Haussuchung und verhaftete mich wieder einmal. Dies war der eine Fall. Der andere spielte zwei Jahre später. Da ich eine Angelegenheit mit Therese besprechen wollte, fragte ich Ende Juni 1940 bei ihr an, wann ich sie aufsuchen könnte. Die Antwort, die vom 5. Juli datiert ist, lautete, dies könne erst nach dem 15. August der Fall sein. Am 7. Juli 1940 wurde Therese Neumann bei einer Primizfeier in der Umgebung von Eichstätt in der sommerlichen Hitze von einem Gehirnschlag getroffen, der sich am 10. und 13. Juli wiederholte, Theresens rechte Seite vollkommen lähmte und ihr Ableben erwarten ließ. Sie konnte nicht mehr sprechen, und nach dem Berichte des Pfarrers an mich mußte es als vollkommen ausgeschlossen gelten, daß jemals der Zustand sich noch wesentlich bessern würde. Da erfolgte am 15. August, während der Vision der an diesem Tage von der Kirche gefeierten Himmelfahrt Mariä, die vollkommene Heilung. Genau, wie Therese es mir am 5. Juli hatte mitteilen lassen, zwei Tage vor. ihrem Schlaganfall, konnte ich sie alsbald nach dem 15. August besuchen und feststellen, daß von der sechswöchigen Lähmung nichts übriggeblieben war. Es sind für die Konnersreuther Phänomene Erklärungen von jeder Art versucht worden, wobei namentlich die Diagnose "Hysterie", wenigstens bei jenen, die nie in Konnersreuth waren, eine erhebliche Rolle spielte. Ich bin nicht Mediziner und weiß nicht, ob Hysterie die beiden mich betreffenden Prophezeiungen erklären kann, über die mich vereidigen zu lassen ich jederzeit bereit bin. Immerhin ist die Diagnose "Hysterie" nicht ohne jeden Anhaltspunkt. Als noch dem oben erwähnten Brandunglück vom 10. März 1918 es sich für Therese Neumann um eine Unfallrente handelte, begründete der behandelnde Arzt, Sanitätsrat Dr. Seidl, der gleiche, der später vor Gericht [15. 4. 1929] unter Eid aussagte, daß die Heilung von der Blinddarmentzündung vom 17. November 1925 nur durch ein wunderbares Eingreifen Gottes im striktesten Sinn des Wortes zu erklären sei), den Antrag auf diese Rente mit der Diagnose "schwerste Hysterie". (Unfallakt vom 27. 2. 1920.) Später ist Dr. Seid 1 (22. 11. 1927) von dieser Diagnose weitgehend abgerückt. Trotzdem ist es begreiflich, wenn Wissenschaftler, die Therese Neumann niemals gesehen haben, wenn sie sich schon einer Ferndiagnose schuldig machen, sich auf jenes Gutachten von 1920 stützen. Mir fällt dies schwerer. So fern es mir liegt und liegen muß, den Streit der Ärzte mit meinem laienhaften Geplauder zu verwirren, ein kleines Erlebnis möchte ich doch in die Debatte werfen: Ich habe oben erzählt, daß bei der Freitags-Vision des Leidens des Herrn Therese Neumann sich ihres Oberbetts mitunter zu entledigen versucht, wenn der Zug der Kreuztragung die schattigen Gassen Jerusalems verlassend, vor den Toren in die pralle Frühlingssonne tritt. Dies geschah auch an dem ersten Freitag, den ich in Konnersreuth war und an dem ich begreiflicherweise das erschütternde Geschehen aus allernächster Nähe aufmerksamer und sorgfältiger verfolgte als jemals später. Es war der Freitag, 8. Juli 1927. Die Füße der Therese Neumann blieben unbedeckt und man sah sie unter den Hammerschlägen der Kreuzigung schmerzhaft zusammenzucken. Bald bildete sich an einem der Fußstigmen ein wachsender Tropfen dunklen Blutes, wuchs, wuchs und löste sich schließlich von der Wunde. Die Schwerkraft hätte eindeutig befohlen, daß er gegen die Fußwurzel hätte fließen müssen. Aber der Tropfen tat es nicht, sondern floß fast senkrecht in die Höhe in der Richtung auf die Zehen, wie er es vor fast 2000 Jahren an Christi Kreuz getan hat! Es gibt auf Erden keine Macht, die einen frei fließenden Tropfen zwingen kann, in die Höhe zu fließen, auch nicht die Allerweltszauberin Hysterie. Später erzählte mir der Pfarrer, daß diese Mißachtung der Naturgesetze alltäglich sei, auch an den Armen, wo sie mir nicht auffallen konnte, da deren Lage das Fließen in der Richtung der Schulter hinreichend erklärte. Wer allein kann den Naturgesetzen so gebieten zu schweigen? Doch wohl nur der, der sie schuf. Die Kirche hat zum Falle Konnersreuth vorsichtig noch kein gültiges Wort gesprochen, und ihrem Urteil vorzugreifen, liegt diesen Zeilen fern. Was sich in Konnersreuth begibt, sagt an sich nichts über Therese Neumann aus. Erst wenn ihr Leben vollendet vor dem Urteil der Kirche liegt, kann dieses ausgesprochen werden, wobei Wunder, die an ihr geschahen, nichts oder nur wenig wiegen neben Wundern, die vielleicht einmal durch sie geschehen werden. Was ich hier geben wollte, ist fern von jeder Polemik, eine Darstellung dessen, für dessen objektive Wahrheit ich mich verbürgen kann. Es wird meinen Lesern vielleicht scheinen, daß es erstaunlich genug sei. |